NBA-Problemclub Washington: Siechen statt siegen - DER SPIEGEL
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NBA-Problemclub Washington Siechen statt siegen

Die Washington Wizards sind auch diese Saison nur Mittelmaß. Es wäre ein Wunder, wenn der NBA-Club die Playoffs erreicht. Die Stimmung ist um so mieser, weil nun auch der Eigentümer gestorben ist. Der hatte einst die Basketball-Ikone Michael Jordan vom Hof gejagt.
Verstorbener Wizards-Eigentümer Pollin (2001): Michael Jordan vor die Tür gesetzt
Verstorbener Wizards-Eigentümer Pollin (2001): Michael Jordan vor die Tür gesetzt

Verstorbener Wizards-Eigentümer Pollin (2001): Michael Jordan vor die Tür gesetzt

Foto: SUSAN WALSH/ AP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wahrscheinlich müsste ich mir mal Gedanken darüber machen, warum es Menschen gibt, die sich mit Verlierern identifizieren. Sind das Defätisten? Masochisten? Bedauernswerte Zeitgenossen, deren Gemüt sich wider besseres Wissen an Mannschaften festsaugt, die es nun einmal nicht bringen? Trotzdem hoffen sie ja immer wieder, immer aufs Neue. Vor jeder Saison spricht ungemein viel dafür, dass es diesmal anders wird, ganz anders. Alles spricht dafür, vor allem das Gesetz der Serie, zu dem der Umschwung gehört. Der strahlende Aufgang einer neuen Zeit, eines neuen Teams. Aus Verlierern werden Sieger. Aus Masochisten werden Triumphatoren, denen die Geschichte Recht gibt.

Mein Freund Klaus B. lebt in New York und leidet mit den Knicks. Neulich warf Pointguard Nate Robinson auf den eigenen Korb. Wirklich, er schnappte sich den Basketball, schlug die falsche Richtung ein - und traf sogar (der Korb zählte dennoch nicht, weil der Wurf nach Ertönen der Sirene erfolgte). Haste so was schon mal gesehen? Ich nicht. Ich hätte geschworen, dass es so etwas gar nicht geben kann. Blöde Erfindung.

Aber es ist auf YouTube zu besichtigen, wie auch Forward Shawn Marion, der als Suns-Spieler fast in den Korb des eigenen Teams dunkt. Der Erfinder dieser Kolumne leidet bei SPIEGEL ONLINE mit den Los Angeles Clippers. Er sucht sich die Loser aus, wo es doch in Los Angeles auch die Lakers gibt. Das ist so wie für 1860 München zu sein, wo es doch die Bayern gibt.

Und damit sind wir vielleicht auch schon beim Punkt, wohlwollend gesehen: Müsste ich in München leben, wäre ich auch für 1860. Alter Verein, lange Geschichte. Bayern ist gleichbedeutend mit sinnlosem Geldverbraten, mit Einfallslosigkeit, mit dem Einkaufen mittelmäßiger Spieler, die den Bayern in irgendeinem Spiel weh getan haben, mit dem Größenwahn ehemaliger Spieler, die Jahr für Jahr glauben, es müssten nur ein paar Kicker her, wie sie es einmal waren, und schon ist die Meisterschaft gesichert.

Obsession für Verlierer-Mannschaften

Ich meinerseits bin natürlich ein Freund der Kleinen, der Schwachen. Ich finde, Gewinnen wird überschätzt. Ich meinerseits hoffe gegen alle Vernunft auf die Revolution, den geschichtlichen Umschwung, das große Ding. Am Sonntagabend schaue ich regelmäßig im Netz nach, wie Bayern Hof (Bayernliga) gespielt hat und wie es dem FC Riepsdorf ergangen ist (Kreisklasse A, Schleswig-Holstein, zweitunterste Liga, gerade aufgestiegen!). In Hof bin ich geboren und aufgewachsen, in Riepsdorf haben wir eine Kate, genau gegenüber dem Fußballplatz. Das eine wie das andere verbindet ungemein. Was den Basketball anbelangt und die NBA: Washington Wizards.

Ich gebe zu, es ist nicht leicht, ein obsessiver Anhänger einer Verlierer-Mannschaft zu sein. Mir macht es momentan keinen Spaß. Ich spüre Widerstreben. Ich bin froh für jeden Spieltag, an dem sie nicht teilgenommen haben, wenn ich morgens die Ergebnisse im Internet nachschaue. Ich lese mit Verbitterung in der "Washington Post", dass Pointguard Gilbert Arenas oder "Agent Zero", wie er sich pompös nennt, wieder einmal durchgedreht ist und wilde Reden schwingt, dass er den Faulen in der Mannschaft in den Arsch treten wird, wenn es sein muss, weil er der Kapitän ist.

Arenas war fast zwei Jahre verletzt, das Knie. Er hat einen Riesenvertrag bis 2014 über mehr als 111 Millionen Dollar. Die Wizards machen routinemäßig solche Fehler, sie geben leichtfertig einzelnen Spielern monströs lange und dotierte Verträge, aus denen sie später nur sehr schwer herauskommen. Das war so mit Power Forward Juwan Howard oder Center Chris Webber. Und nun krebsen sie mit Arenas herum und reihen eine maue Saison an die andere. Der Agent ist eine Null.

Übrigens ist Washington in Trauer. Abe Pollin ist gestorben, der Eigentümer der Wizards, dem auch einmal die Capitals gehört haben, das örtliche Eishockeyteam, das ziemlich gut ist. Nun schreiben sie alle, dass Abe Pollin ein Eigentümer alten Schlags gewesen ist. Das stimmt, wenn man die Beschreibung so auslegt: Ihm war es wichtiger, eine nette Truppe beieinander zu haben, mit der er die Wizards führte, als ein erfolgreiches Team. Pollin hat wenig Geld rein gesteckt, und wenn er einmal viel Geld in die Hand genommen hat, dann traf sein Team die falschen Entscheidungen. Macht ja nix, Hauptsache alle waren hübsch loyal gegenüber dem guten Abe.

Riesige Verträge, riesige Probleme

Unvergessen die Episode mit Michael Jordan. MJ war zwei Jahre lang im Vorstand zuständig für die Spieler. Er verkaufte Juwan Howard nach Dallas und wurde noch ein paar andere Scheinriesen wie Rod Strickland los. Dann entschloss er sich zum zweiten Comeback, das sich zum Riesenereignis in Washington und der NBA auswuchs. Viele Millionen spülten die ausverkauften Häuser, das Merchandising und der ganze Wirbel in die Kassen der Wizards und damit des Eigentümers Abe Pollin.

Aber dem guten Abe war der ganze Wirbel auch peinlich, er spielte sich ja um diesen charismatischen, selbstherrlichen, anspruchsvollen Mann ab, um MJ. Es ging immer um ihn, um MJ, sagte er später (genauer gesagt: ließ er andere sagen, dass er es gesagt habe). Das nette, kleine Gebilde, das Abe aus den Wizards gemacht hatte, diese kleine, anspruchslose Truppe, die einmal in ihrer Geschichte (da hießen sie noch Bullets) NBA-Champion geworden war und nun eben verlor, was niemanden störte, am allerwenigsten den guten Abe - diese furchtbar nette Wizards-Familie, in der Loyalität wichtiger war als Erfolg, wirbelte der Wirbel um MJ auf.

Die Konsequenz war, dass MJ nach seinem Comeback nicht ins Frontoffice zurückkehren durfte und von Abe Pollin aus der Stadt gejagt wurde. Kann man das Abe Pollin, dem Kind russischer Einwanderer, der mit Immobilien zu vielen Millionen gekommen war, je verzeihen? Es mag solche Menschen geben. Gönnerhafte Verzeiher. Ich gehöre nicht zu ihnen. Und seitdem ist die Anbindung an dieses Verliererteam gelockert.

Und nun bleibt mir nur noch, den Stand der Dinge in der NBA, Stand Donnerstag, nachzureichen: Die New York Knicks haben drei Spiele gewonnen und zwölf verloren. Die Washington Wizards haben vier Spiele gewonnen und neun verloren. Die Los Angeles Clippers haben sechs Spiele gewonnen und zehn verloren.

Freunde, wie lange müssen wir noch warten bis zum Umschwung? Bis zur Revolution? Bis unserer Verwandlung von Masochisten zu Siegern?