NBA-Profi Randolph: "Das Memphis-Monster" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

NBA-Profi Randolph "Das Memphis-Monster"

Faustschläge, Drogenbesitz und den Mittelfinger in Richtung gegnerischer Fans: NBA-Profi Zach Randolph fiel lange Jahre vor allem neben dem Platz auf. Das Basketball-Magazin "FIVE" erklärt, wie sich der 30-Jährige änderte und die Memphis Grizzlies zu unerwartetem Erfolg führte.
Von Jan Hieronimi
NBA-Profi Randolph: In Memphis gereift
NBA-Profi Randolph: In Memphis gereift

NBA-Profi Randolph: In Memphis gereift

Foto: Kevin C. Cox/ AFP
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die NBA-Playoffs 2011 kennen in Deutschland nur einen Helden: Dirk Nowitzki, NBA-Champion, Finals-MVP. Doch jede Stadt schreibt ihre eigenen Legenden. In Memphis zum Beispiel feierte die wiedererweckte Fan-Basis zwar nicht die Meisterschaft, dafür die erste gewonnene Playoff-Serie seit Gründung des Clubs 1995. Der Erfolgsgarant hieß Zach Randolph: Der ewige Querkopf führte ein junges Grizzlies-Team bis in die zweite Runde. Sensationell, weil zum Auftakt der Meisterrunde der Achtplatzierte auf das Team mit der besten Bilanz der Liga traf, die San Antonio Spurs.

Im entscheidenden Spiel sechs, die Grizzlies führten in der Serie 3:2, hatte es drei Viertel lang so gewirkt, als würde sich die Serie drehen. Randolph, genannt "Z-Bo", war bis dahin mit 14 Punkten eher blass geblieben. Doch im Schlussviertel drehte er auf: Haken- und Sprungwürfe sowie Körbe mit Foul.

79:80 lag Memphis 4:24 Minuten vor dem Ende zurück, dann erzielte "Z-Bo" 13 Punkte. "Ich wollte den Ball jedes einzelne Mal in der Hand haben", sagte er. In Runde zwei ging es zwar 3:4 in den Urlaub, doch bewiesen die Grizzlies gegen Oklahoma City erneut Charakter. Als physisches Team voller harter Jungs, die um jeden Zentimeter kämpften. Ein Team als Abbild ihres besten Spielers.

Zach Randolph ist kein Perfektionist, kein eleganter Korbjäger. Er ist der prototypische Vertreter einer anderen Spezies. "Wie es sich anfühlt, Zach zu verteidigen?", sagte in den Playoffs San Antonios DeJuan Blair. "Er ist ein Biest."

Randolph vereint Instinkt, Biss und den heiligen Touch

"Biest". Spieler wie er werden zumeist geadelt mit solchem Vokabular, "Tier" oder auch "Monster". Weil sie nicht nachzudenken scheinen. Weil sie nicht wirken, als hätten sie einem Masterplan folgend das eigene Spiel zum Projekt erklärt, Videos studiert, Bücher gewälzt, Experten konsultiert. "Monster" spielen einfach. Sie sind Autodidakten, Naturtalente mit der Mentalität des Dschungels, die keine Zeit für Tischmanieren haben: Sie fressen Punkte, Rebounds, Korbanlagen, Gegenspieler, Verteidigungen.

Als Bonus hat der Power Forward Randolph die Basketball-Dreifaltigkeit auf seiner Seite, die da heißt: Instinkt, Biss und Wurfgefühl. "Du findest schnell deine Nische. Du lernst, was du kannst und nicht kannst. Ich kenne meine Fähigkeiten, ich weiß, dass nicht viele Jungs meiner Größe so mit dem Rücken zum Korb spielen können wie ich", sagt er.

Der Erfolg in Memphis ist nachher. Vorher, das war sein ellenlanges Strafregister in Portland und Los Angeles. Schon als Jugendlicher war Randolph von seiner Schule für den Verkauf einer gestohlenen Pistole suspendiert worden. Wirklich Fahrt sollte er jedoch erst in den Jahren in Portland aufnehmen: 2002 Alkoholkonsum als damals noch Minderjähriger; Suspendierung im April 2003, als er im Training Mitspieler Ruben Patterson die Augenhöhle mit einem Faustschlag brach. Im Dezember 2003 griff ihn die Polizei mit Drogen am Steuer auf (so wie noch zwei weitere Male 2007 und 2009).

Anklage wegen sexueller Belästigung und Körperverletzung

Der Rest im Schnelldurchlauf: Im Sommer 2006 Straßenrennen mit Freunden sowie eine bald danach fallengelassene Anklage wegen sexueller Belästigung, im Oktober desselben Jahres verklagt wegen Körperverletzung. Im Dezember zeigt er in der Heimat Indiana gegnerischen Fans den Mittelfinger, im März 2007 darf er wegen des Mordes an dem Cousin seiner Freundin für einige Tage in die Heimat und "trauert" dort in Stripclubs. Kurz darauf wird er zu den New York Knicks transferiert und nach zwei mehr oder weniger erfolglosen Jahren nach Memphis weitergereicht.

Dort entwickelt sich eine dieser häufig zu beobachtenden Symbiosen zwischen Stadt, Team und Spieler. Memphis: wie ausgehungert nach Erfolg und bereit, jeden Star zu umarmen, der die geschundene Franchise nicht verlässt. Die Grizzlies: chronisch im Sparmodus, notorische Verlierer. Und "Z-Bo": überall aussortiert, will er in der Abgeschiedenheit von Tennessee einen Neuanfang wagen.

20,8 Punkte und 11,7 Rebounds lieferte er im ersten Jahr, einzigartig im Westen. In der Spielzeit 2010/2011 spielte er mit 20,1 Zählern und 12,2 Boards erneut stark, stellte 16 Clubrekorde auf. Der Lohn: Ein Vierjahresvertrag, der ihm 71 Millionen Dollar bringt.

Randolph hat sich gewandelt. Er verkleidete sich an Weihnachten als Santa Claus und bezahlte armen Familien die Stromrechnung. "Ich fühlte, dass Memphis der richtige Ort für mich ist. Die Fans haben mich aufgenommen. Das System passt, die Coaches sind großartig. Die Stadt steht hinter mir. Ich glaube, wir können hier etwas wirklich Besonderes schaffen", sagt der 30-Jährige. "Unser Ziel ist es, die Leute zu schocken."