NBA-Star Casspi Aushängeschild einer ganzen Nation
NBA-Star Casspi: Vielseitiges Werkzeug für den Trainer
Foto: Jed Jacobsohn/ Getty ImagesLesen Sie im ersten Teil der Geschichte, wie Omri Casspi den Weg in die NBA fand und warum seit seinem Debüt das Wort "Heimvorteil" im Wortschatz der Kings-Gegner nicht mehr existiert.
Der Jungspund gibt sich aggressiv: Bereits in der Vorbereitung zu seiner ersten NBA-Saison geriet Omri Casspi in einem Testspiel gegen die Golden State Warriors nach einem Gerangel mit Stephen Jackson aneinander. Im November gegen die Grizzlies wurde er wegen zwei technischer Fouls der Halle verwiesen. Und im Januar motzte er lautstark seinen Trainer Paul Westphal an, als der ihn im Spiel gegen Philadelphia auswechselte.
David Thorpe, Analyst beim Sportsender ESPN, entging die Intensität, mit der Casspi zu Werke geht, nicht: "Seine Spezialität ist diese Energie, diese Leidenschaft. Beides sind nicht zu unterschätzende Talente in der NBA."
Dieses beherzte Auftreten bescherte dem 2,06 Meter großen Rookie bereits bei seinem NBA-Debüt gegen Oklahoma City eine zweistellige Punkteausbeute. Im sechsten Spiel folgte das erste Double-Double. Casspi griff dabei ordentlich Spielzeit ab, begünstigt durch Verletzungen von Francisco Garcia und Kevin Martin.
In dem ständig durcheinandergewirbelten Kader der Kings stellt er ein vielseitiges Werkzeug für Trainer Westphal dar. Für keine Aufgabe ist sich Casspi zu schade. An einem Abend stemmt er seinen dünnen Körper gegen Amar'e Stoudemire, an einem anderen wetzt er Derrick Rose von den Chicago Bulls hinterher. Zur Hälfte der Saison war Casspi der beste Neu-Forward der Liga, lief bei der Rookie Challenge in Las Vegas sogar als Starter auf.
Abruptes Ende des Höhenfluges
Casspis Höhenflug kam nach dem All-Star-Weekend allerdings zu einem abrupten Ende. Seine Wurfquote aus dem Feld sank drastisch (38,3 Prozent), die energischen Auftritte wurden seltener. Das lag zum einen an der Rückkehr von Alphatier Kevin Martin; zum anderen speist sich Casspis Motor mittlerweile aus den letzten Tropfen des Reservetanks. Nach 40 bis 50 Spielen ist in der israelischen Liga Feierabend. In der NBA geht es dann aber erst richtig los. Schwächen, wie ein zu hohes Dribbling, eine mäßige Ausbeute von der Freiwurflinie (67,1 Prozent Freiwurfquote) sowie körperliche Nachteile, werden jetzt offensichtlich.
Doch Casspi nimmt trotz der für ihn körperlich harten Saison weiterhin seine Würfe, sogar die meisten Dreipunktwürfe des Teams, welche er mit soliden 36,9 Prozent einnetzt. Für die Kings ist Casspi ein Schnäppchen, für die Liga die wohl größte Rookie-Überraschung. Für Israel ist Casspi nichts anderes als ein Superstar.
Dass Spieler wie etwa Dirk Nowitzki oder Yao Ming in der Lage sind, eine gewisse Basketballeuphorie in ihrem Land zu entfachen, ist bekannt. Das ist aber nicht im Geringsten mit dem zu vergleichen, was Omri Casspi als erster israelischer Basketballer ins Rollen gebracht hat.
Babys werden nach Wunderknabe Casspi benannt
Exil-Israelis reisen mehr als 10.000 Kilometer weit, um einmal Casspis Geburtsstätte zu sehen und den Eltern des Goldjungen die Hand zu schütteln. Jedes Spiel Sacramentos dient den israelischen Medien als großer Aufmacher. Babys werden nach dem NBA-Wunderknaben benannt.
"Kings-Spiele sind zu nationalen Pflichtterminen geworden, stündlich werden neue Casspi-Interviews und Analysen veröffentlicht", beschreibt Noam Schiller, Autor der "Jerusalem Post", die Reaktion auf Casspis Erfolg. "Jeder möchte wissen, wie sich der auserwählte Sohn Israels in der beängstigenden weiten Welt da draußen schlägt." Aber warum nimmt diese Anteilnahme so überirdische Ausmaße an?
Zunächst einmal genießt der Basketballsport in Israel einen sehr hohen Stellenwert, ist ähnlich bedeutend wie Fußball. Trotzdem hat dieses Land noch keinen Spieler in die berühmteste Basketballliga der Welt entsenden können. Ländern wie Georgien, Libanon, Ägypten oder auch Iran war dies bereits gelungen.
Casspi ist zum Symbol des modernen Judentums geworden
Dazu kommt, dass israelische Vertreter im globalen Spitzensport eher Ausnahme als Regel sind. Wenn es mal jemand schafft, dann stammt dieser oft aus ehemaligen Sowjetländern und hat pünktlich zu Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften noch eine israelische Großtante ausfindig machen können. Casspi hingegen ist Vollblut-Israeli, Identifikationsfigur für die breite Masse. Kurz: das neue Aushängeschild einer ganzen Nation.
"Der Grund, warum es ein amerikanischer Jude kaum erwarten kann, den dunkenden Nationalhelden zu sehen, mag purer Nationalstolz sein", erklärt Naom Schiller. "Aber Casspi ist zu einem Symbol des modernen Judentums geworden. Er ist eben kein schmächtiger, vor Intelligenz strotzender Point Guard, sondern ein explosiver, kräftiger 'Swingman'."
Für Westeuropäer klingt das verrückt, in Israel ist dieser Umgang mit dem neuen Nationalhelden selbstverständlich. Fragt man auf Israels Straßen einen Passanten nach dem dünnsten Buch der Welt, erhält man meist mit einem verschmitzten Lächeln die Antwort: "Das Buch über jüdische Sportlegenden."
Omri Casspi dürfte sich trotzdem bereits mit einem dicken Eintrag in diesem Buch wiederfinden. Er war halt der Erste in der NBA, womit das dünne Pamphlet um ein paar Seiten dicker geworden ist. In Casspis eigener Geschichte hingegen ist gerade einmal das Vorwort geschrieben.