NBA: Zurück in die Zukunft - DER SPIEGEL
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NBA Zurück in die Zukunft

Warum der Gewinn der Championship nicht nur für die Los Angeles Lakers, sondern auch für die künftige Entwicklung der strauchelnden National Basketball Association von enormer Wichtigkeit ist.
Von Tobias Pox
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Los Angeles - Als NBA-Commissioner David Stern am vergangenen Montagabend Jerry Buss, Clubeigner der Los Angeles Lakers, feierlich die Meisterschaftstrophäe überreichte, war dies ein symbolträchtiger Akt: Die bekannteste und schillerndste Profiliga der Welt, die sich seit zwei Jahren allerdings auf rasender Talfahrt befindet, legt ihr Schicksal in die Hände des frisch gekürten Champions.

Mit Hilfe der lukrativ zu vermarktenden Kalifornier will sich die National Basketball Association grundsanieren und zurück zu glanzvollen Zeiten finden. Die Liga hat Glück, ihre Interessen treffen sich mit denen des Lakers-Managements. Auch der illustre Westküstenverein sucht den Weg in die goldene Vergangenheit. Ziel der Zeitreise: die Lakers-Showtime-Dynastie der achtziger Jahre.

Vor zwei Jahren hing der beste Basketballspieler aller Zeiten, Michael Jordan, seine weltweit bekannten Nike-Sneaker endgültig an den Nagel. Seit dem Abgang von "His Airness" fiel nicht nur dessen Verein, die legendären Chicago Bulls, die im Zeitraum von 1991-98 sechs Meisterschaften errungen, in ein schwarzes Loch, sondern die gesamte Liga gleich mit.

Ohne die Bulls und "Air Jordan" als Zugpferd verlor die NBA viel an Renommee. Zusätzlich befeuert wurde dieser Degenerations-Prozess vor zwei Jahren durch einen Spielerstreik, in dem die millionenschweren Profis gegen Gehaltsbegrenzungen protestierten. Und zuletzt tat ein unspektakulärer Champion sein übriges: Die bodenständig-langweiligen San Antonio Spurs ließen die sonst so laute und effektive Werbetrommel der Liga beinahe gänzlich verstummen.

Die Negativentwicklung der Post-Jordan-Saison setzte sich auch in der gerade abgelaufenen Spielzeit fort. NBA-Basketball sank in der Zuschauergunst des TV-Publikums im Vergleich zu Jordans letzter Spielzeit um 29 Prozent. Auf NBC, dem US-Sender mit den Erstübertragungsrechten für die NBA, fiel der einst so innig umarmte Volkssport der Amerikaner zur Prime Time sogar noch hinter den abgekarteten Budenzauber Wrestling zurück.

Dawning Of A New Era

Wären die Los Angeles Lakers in diesem Jahr nicht ins Finale vorgedrungen und Meister geworden, der freie Fall der Liga hätte wohl kaum angehalten. So aber ist Besserung nicht nur bei den Einschaltquoten in Sicht. Denn das Starensemble aus L.A. gilt als eine medienwirksame Ansammlung von Showtalent, die auf dem besten Wege zu sein scheint, eine neue Ära im amerikanischen Profibasketball zu begründen.

"Shaquille O´Neal ist der alles überragende Spieler in unserer Liga. Er ist so dominant, dass die Lakers die Möglichkeit haben, in den nächsten Jahren Großes zu erreichen", prognostiziert Larry Bird, Trainer der in den Finals unterlegenen Indiana Pacers. Und Bird weiß, wovon er redet. Schließlich war der 43-Jährige in den achtziger Jahren als Spieler der Boston Celtics selbst einer der Leidtragenden, als der einstige Erzrivale aus Los Angeles, angeführt von Earvin "Magic" Johnson und Center-Denkmal Kareem Abdul-Jabbar, den Celtics zwischen 1980 und 1988 nicht weniger als fünfmal die Meisterschaft direkt unter der Nase wegschnappte.

Birds ewiger Widersacher Magic Johnson, inzwischen Vize-Präsident in Los Angeles, ist derweil skeptischer. Der ehemalige Point-Guard der Showtime-Lakers, der 1991 die Welt mit der Kunde schockte, er sei mit dem Aids-Virus infiziert, beklagt den fehlenden Killer-Instinkt seines Teams (L.A. verpasste es in den Play-offs dreimal, trotz deutlicher Führung eine Serie frühzeitig zu entscheiden) und will sich nicht mit O'Neal als einzigem Superstar zufrieden geben: "Die Jungs lernen gerade, wie man gewinnt. Wir hatten damals mit Kareem Abdul-Jabbar, James Worthy und mir drei Superstars. Und wir wussten, wie man einen Gegner nach Hause schickt, wussten, wie man gewinnt."

"Magic" irrt

Was die mangelnde Killermentalität des neuen Champion betrifft, hat Magic recht. Jedoch irrt er in Sachen Superstars, denn auch die Lakers von heute haben drei. Neben dem allgegenwärtigen O'Neal, der sich abseits des Basketballfeldes - mehr oder weniger erfolgreich - als Schauspieler, Rapper und Inhaber eines virtuellen Sportartikelvertriebs (www.dunk.net) betätigt, besitzen auch Kobe Bryant und Headcoach Phil Jackson Starstatus.

Der 21-jährige Bryant hat es mit seiner Ballakrobatik und Werbepräsenz mittlerweile so weit gebracht, dass er bereits als legitimer Nachfolger von Michael Jordan gehandelt wird. Ob zu Recht oder Unrecht muss das außergewöhnliche Nachwuchstalent in den kommenden Jahren beweisen.

Einen solchen Nachweis seines Könnens muss Phil Jackson nicht mehr erbringen. Nach der ersten Meisterschaft ohne Michael Jordan als vermeintlichem Titel-Beschaffer ist der ehemalige Trainer der Chicago Bulls mit nunmehr sieben Championships endgültig ins Trainer-Pantheon der NBA aufgestiegen. In der US-Presse hat ihm das den ehrfürchtigen Spitznamen "Magier" eingebracht.

Bleiben die drei strahlenden Aushängeschilder L.A.s zusammen, und es gibt eigentlich nichts, was dagegen spräche, dürfte es nicht das letzte Mal gewesen sein, dass David Stern die Meistertrophäe an Jerry Buss überreicht. Und dann könnten beide als Sieger da stehen, die erfolgreich den Gang zurück in die Zukunft getätigt haben: eine wieder genese Liga und eine wieder auferstandene Lakers-Dynastie.