New Jersey Nets Schwere Geburt in der NBA
Nets-Profi Coleman (Nr. 44): Talentiert, aber ohne Arbeitsmoral
Foto: Mark Duncan/ ASSOCIATED PRESSDies ist der zweite Teil der "FIVE"-Vereinsgeschichte der New Jersey Nets. Zum ersten Teil gelangen Sie hier.
Mit Julius "Dr. J" Erving setzen sich die New Jersey Nets in den ABA-Finals der Saison 1975/76 gegen die Denver Nuggets durch. Die Liga jedoch steuert ihrem Ende entgegen. Teams spielen vor halbleeren Rängen, regelmäßig gehen Clubs pleite. Im Sommer 1976 ist die ABA Geschichte. Die Nets, Denver, die Indiana Pacers und die San Antonio Spurs dürfen in die NBA wechseln. Doch der Preis ist hoch: 4,9 Millionen US-Dollar sollen die Nets den New York Knicks als "Entschädigung" zahlen, weil sie nun in deren NBA-Territorium spielen.
Eigentlich hat Besitzer Boe seinem Star Erving Verhandlungen über eine Gehaltserhöhung zugesagt. Nach dem teuren NBA-Beitritt will er davon nichts mehr wissen. Erving fühlt sich hintergangen und nimmt schließlich ein Angebot der Philadelphia 76ers an. Die Nets bekommen drei Millionen US-Dollar Ablöse für ihn. "Wo ist die Bar? Ich muss einen trinken", stöhnt Nets-Coach Loughery am Flughafen, als er unmittelbar vor dem ersten NBA-Spiel der Club-Geschichte von dem Wechsel erfährt.
Der Verkauf von "Dr. J" gilt als eine der größten Fehlentscheidungen in der Geschichte des US-Basketballs. "Wenn wir mit dem gleichen Team in die NBA gewechselt wären, wären wir sehr gut gewesen", erinnert sich Loughery. Stattdessen finden sich die Nets am Tabellenende der NBA wieder. Außerdem zieht der Nets-Besitzer mit dem Club wieder ins Niemandsland nach New Jersey, bevor er seine Anteile verkauft. Ein Leben lang muss sich Boe für seine damaligen Entscheidungen rechtfertigen.
Eine Trainerlegende verabschiedet sich
1980 wirft der zweimalige Meistertrainer Loughery nach 615 Spielen als Nets-Coach an der Seitenlinie die Brocken hin. Nur langsam kommt die Franchise auf die Beine. Durch Draftpicks und Neuverpflichtungen entsteht ein respektables Team. Charles "Buck" Williams und Darryl "Chocolate Thunder" Dawkins bilden Anfang der 80er eines der besten Frontcourt-Duos der Liga. In den Playoffs 1984 scheinen die Nets ihr "Dr. J"-Trauma überwunden zu haben, als sie Erving und die 76ers, die damals amtierenden Titelverteidiger, in einem dramatischen fünften Spiel in der ersten Runde 101:98 besiegen und ausschalten. Bester Mann in diesem Spiel ist Michael "Sugar" Ray Richardson. Der gebürtige New Yorker schreibt danach eines der traurigen Kapitel in der Clubgeschichte. Als erster Spieler in der Geschichte der NBA wird der 30-Jährige im April 1986 wegen Kokain-Konsums lebenslang gesperrt.
Der Tod eines Hoffnungsträgers erschüttert die Franchise
Mit dem ersten Pick der Draft 1990 kommt Forward Derrick Coleman, ein Jahr später Aufbauspieler Kenny Anderson. Coach Bill Fitch holt außerdem Drazen Petrovic von den Portland Trail Blazers. 1992 stehen die runderneuerten Nets wieder in den Ost-Playoffs. Aber die Zukunftspläne erhalten am 7. Juni 1993 den ersten Rückschlag, als Drazen Petrovic, mit 22,3 Punkten pro Spiel Topscorer der Mannschaft, bei einem Autounfall in der Nähe von Ingolstadt stirbt. Kroatien trauert um einen Nationalhelden und die Basketballwelt um einen begnadeten Spieler.
Die restlichen Hoffnungen zerstören dann Coleman und seine Kollegen selbst. Julius Erving rackerte früher jeden Tag im Training, seine Erben zeigen weniger Lust. Chris Morris (4. Pick 1988) läuft demonstrativ mit offenen Schuhen über das Feld, wenn er bei einer Übungseinheit keine Lust hat. Der Forward nennt seinen Club öffentlich "Pferdescheiße" und verweigert in einem Spiel die Einwechslung, ebenso wie später Derrick Coleman. Kenny Anderson liefert sich eine Fehde mit Headcoach Fitch, der zuvor Andersons üppigen Rookievertrag über 14,5 Millionen US-Dollar eine "furchtbare Entscheidung" nannte.
Jungspunde ohne Arbeitsmoral
Aber wenn ein Spieler die Anhänger in New Jersey auf die Palme bringt, dann ist es Coleman. Dessen Talent ist unbestreitbar, aber sein Ego und sein Körperfülle wachsen mit jedem Jahr. Wenn alle Spieler im Flieger den Dresscode beachten, trägt Coleman schlabberige Trainingsklamotten. Als Anderson unentschuldigt ein Training schwänzt, liefert "DC" dazu sein berühmtestes Zitat. Auf die Frage eines Journalisten, ob Leistungsträger nicht Vorbilder sein müssten, sagt Coleman: "Whoop-de-damn-do?" (zu Deutsch: "Wen kümmert's?")
Weder Fitch noch dessen Nachfolger Chuck Daly können dieser Truppe Vernunft einbläuen. Alle einstigen Hoffnungsträger werden verschwunden, die Nets sind nur noch für Witze gut. So wie jene Anekdote über Chris Morris, der zu einem Pianisten in einer Bar gesagt haben soll: "Spiel was von Picasso."
Nach seinem Karriereende erschießt zu allem Überfluss der seit 1992 bei den Nets spielende Waffenfan Jayson Williams in seiner Villa seinen Chauffeur - unabsichtlich, wie er behauptet. In einem ersten Verfahren wegen fahrlässiger Tötung 2004 wird der einmalige All Star (1998) nicht schuldig gesprochen. Alles in allem sind die 90er verschenkte Jahre in New Jersey.
Lesen Sie im dritten und letzten Teil der Nets-Vereinsgeschichte: Wie ein Elite-Point-Guard dem Team wieder Leben einhaucht - und warum die Zukunft der Franchise in Brooklyn liegen könnte.