Fotostrecke: Die verlorenen Söhne aus L.A.
American Football Das Wunderkind der Westküste
An diesem Dezembernachmittag ging eine Ära zu Ende, und eine neue wurde ausgerufen. Wenn man es pathetisch formulieren will. Man kann es auch nüchtern ausdrücken, wie der Coach der Seattle Seahawks, Pete Carroll: "Es schien, als seien sie das ganze Spiel über schneller gewesen als wir, und das ist etwas, dessen wir uns eigentlich immer rühmen."
Carroll, der mit sportpsychologischem Eifer und harter Selektion über Jahre eine Truppe geformt hatte, die jedem Schulhofrüpel Konkurrenz machen konnte, musste ohnmächtig zuschauen, wie die Los Angeles Rams an diesem grauen Sonntag liefen, kurvten und tanzten. Stets einen Schritt voraus.
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Das Stadion der Seahawks, über lange Jahre wegen seiner lauten Fans gefürchtet, war spätestens zur Halbzeit verstummt. Denn ein 57-Yard-Lauf von Todd Gurley, mitten durch fünf hechtende und stolpernde Verteidiger, hatte die Rams 34:0 in Führung gebracht - und die Seahawks nach Jahren der Dominanz entthront.
Für jeden sichtbar war aus den Rams, einem Team, das wegen seiner mauen Durchschnittlichkeit während des letzten Jahrzehnts selbst viele Fans gelangweilt hatte, spätestens in diesem Moment die aufregendste Offensive der NFL geworden. Das Team, 2016 nach 21 Jahren in St. Louis wieder nach Los Angeles zurückgekehrt, scheint jetzt angekommen zu sein.
Mit der Beinarbeit eines Eiskunstläufers
Der Erfolg der Rams in dieser Saison kam so unerwartet, dass selbst jahrelange Beobachter immer noch fiebrig nach den Gründen suchen. Liegt es an Gurley, einem Running Back, gebaut wie ein Boxer und mit der Beinarbeit eines Eiskunstläufers? Oder sollte die Aufmerksamkeit doch eher dem besten Defensivspieler der Liga, Aaron Donald, gelten? Der schiebt seine 150-Kilogramm-Gegenspieler schließlich beiseite, als würden sie nicht mal halb so viel wiegen.
Doch am Ende scheinen alle Fäden bei Sean McVay zusammenlaufen. Der 31-jährige Coach trägt seit Januar vorigen Jahres den inoffiziellen Titel: Jüngster Cheftrainer der modernen NFL-Geschichte. Und was anfangs zu Stirnrunzeln und Verwunderung führte, hat zuletzt solche Hype-Höhen erreicht, dass selbst eine unter der Woche veröffentlichte 7.500-Wort-Eloge auf der Internetseite der Liga gierig durchs Netz gereicht wurde. McVay ist das Wunderkind, so der Tenor, das unter dem Motto "We not me", aus einem Team von talentierten Individualisten das ultimative Kollektiv geformt hat.
NFL: Diese Teams wollen in den Super Bowl
Seitdem der Enkel des legendären Sportdirektors der San Francisco 49ers, John McVay, die Geschicke in Los Angeles mitbestimmt, werden bei den Rams die richtigen Entscheidungen getroffen. Es scheint, dass jedes Mal, wenn McVay und die Rams in den vergangenen zwölf Monaten an einer Wegscheide standen, sie in Richtung Erfolg abbogen. Trotz der erschreckend schwachen Debütsaison von Quarterback Jared Goff, für den das Team vor der Saison 2016 mehr als eine Handvoll Draftpicks aufgegeben hatte, stellten sich die Verantwortlichen ohne offensichtliche Bedenken hinter den 23-Jährigen. Goff dankte es mit einer überdurchschnittlichen Saison.
In der Free-Agency-Phase im März wurden Spieler an Land gezogen, die bei ihren vorherigen Arbeitgebern als zu alt oder gescheitert galten. Doch Left Tackle Andrew Witworth und Wide Receiver Robert Woods sind mittlerweile genauso Erfolgsbestandteile der Rams wie der in diesem Jahr im Draft gezogene Wide Receiver Cooper Kupp. McVay holte sich zudem an der Seitenlinie Defensivunterstützung von Wade Phillips. Der 70-Jährige ist zwar einer der besten Verteidigungsspezialisten der Liga, könnte aber auch der Vater des 31-jährigen McVay sein. Doch, so sagte er es der NFL-Internetseite, McVay besteht darauf, sich mit Leuten zu umgeben, die mehr wissen als er selbst. Damit er weiter lernen kann.
Die Fans kommen erst nach und nach zurück
Aber trotz all der Erfolge - die Rams nur zwei Jahre nach ihrem Umzug in Richtung Los Angeles als das Team der Angelenos, der Bewohner der Westküstenmetropole, zu bezeichnen, wäre vermessen. Das Team tut sich schwer, das mächtige Los Angeles Memorial Coliseum mit seinen mehr als 93.000 Sitzplätzen zu füllen. Immerhin: So mitleiderregend wie bei den neuen Nachbarn, den Chargers, die zu Saisonbeginn aus San Diego hochgezogen waren und nicht einmal genug Heimfans fanden, um ein kleines Fußballstadion mit 30.000 Zuschauern auszuverkaufen, lief es nicht.
Schließlich waren die Rams schon einmal 48 Jahre lang in Los Angeles beheimatet, bevor es 1994 für die erfolgreichsten Jahre nach St. Louis ging. Bald dürften neue Fans hinzukommen. Vor allem wenn die Rams am Samstag ihren Erfolg aus der regulären Saison in den Playoffs gegen die Atlanta Falcons fortsetzen können. Die kommen allerdings als Super-Bowl-Finalist aus dem Vorjahr nach Los Angeles.
Aber sie haben nicht den aufregendsten Coach im Land.