Nizza Stimmung wie beim Fußball
Nizza - Die älteren Damen im Publikum wischten sich die Tränen aus den Augenwinkeln, die Herren schmetterten die "Marseillaise", und am Hallenausgang kreischten später die Teenies: Beim WM-Triumph der Lokalmatadoren Marina Anissina/Gwendal Peizerat in Nizza flippten die Franzosen völlig aus. "Anissina/Peizerat geheiligt", titelte die Sportzeitung "L'Equipe" am Samstag. "In der Halle war eine Stimmung wie beim Fußball. Wahnsinn!», staunte die deutsche Meisterin Kati Winkler, die mit ihrem Partner Rene Lohse gleich doppelten Grund zur Freude hatte: Die Berliner verbesserten sich auf Platz sechs und durften einem "sehr guten Freund" zur Goldmedaille gratulieren.
"Wir telefonieren oft mit Gwendal. Er ist unser bester Freund im Eistanzen", erklärte Kati Winkler, der sogar einmal ein Verhältnis zu dem Blondschopf aus Lyon nachgesagt wurde. Während früher Intrigen und Neid zur Szene gehörten wie die Pflichttänze, standen Anissina/Peizerat, Barbara Fuser-Poli/Maurizio Margaglio (Italien) und Margarita Drobiazko/Powilas Vanagas (Litauen) Arm in Arm auf dem Treppchen und scherzten in der Pressekonferenz miteinander.
Erstmals seit 1968 bekamen die Russen keine Medaille ab. "Stimmt nicht", widersprach Barbara Fusar-Poli. "Marina und die beiden Litauer sind doch auch Russen." Das war freilich nur zu zwei Dritteln richtig. Margarita Drobiazko und Marina Anissina sind gebürtige Moskauerinnen. Die neue Weltmeisterin tanzte früher zusammen mit Ilja Awerbuch, der mit Irina Lobatschewa Vierter wurde. Als sich Anissina/Awerbuch 1992 trennten, schrieb ihn die rothaarige Marina Peizerat an, ob er sich nicht mit ihr aufs Eis wagen würde. Die beiden gingen eine "Zweckehe" ein, die am Freitag auf dem obersten Treppchen ihren Höhepunkt fand. "Oh ja", antwortete Kati Winkler auf die Frage, ob sich die Franzosen ebenso wie sie mit Lohse öfter mal fetzen. "Marina ist vom Temperament her noch ein bisschen brutaler."
"Wir streiten immer nur fünf Minuten, dann gehen wir wieder aufs Eis. Fünf Minuten reichen, um sich umzubringen", erklärte Barbara Fusar-Poli die Streitkultur der Vize-Weltmeister. Nichts zu deuteln gab es an der Entscheidung: Mit 9:0 Preisrichter-Stimmen fiel das Votum für die Lokalmatadoren, die in der B-Note vier Mal die 6,0 erhielten, eindeutig aus. Anissina/Peizerat hatten erst einmal die Bleigewichte von den Kufen schütteln müssen, als sie vor 8000 Zuschauern zu ihrer "Carmina-Burana-Kür" aufs Eis glitten. "Es war nicht leicht bei all diesen Erwartungen", gestand Peizerat, "und natürlich hatten wir Zweifel, weil wir gestern nach dem Originaltanz zum ersten Mal in dieser Saison nur Zweiter waren."
Gesteigert haben sich auch Winkler/Lohse, die ihren bisher besten internationalen Auftritt mit einer ebenso präzisen wie faszinierenden "Millenniums"-Kür krönten. Der Weg nach oben wird jedoch immer steiniger. Im Gegensatz zur EM konnten sie sich nicht gegen die Israelis Galit Chat/Sergej Sachnowski durchsetzen. "Es wäre schön, wenn wir in zwei, drei Jahren mal eine Medaille holen könnten", meinte Kati Winkler. Ihr Trainer Martin Skotnicky, der 1991 die Franzosen Isabelle und Paul Duchesnay zum WM-Sieg führte, sieht das ganz realistisch: "Eine Medaillenchance haben die beiden, wenn nach den Olympischen Spielen 2002 die ersten Drei die Plätze freimachen."