Nowitzki-Interview "Ich werde grundlos angefeindet"
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Herr Nowitzki, Sie haben mit der Nationalmannschaft alle sechs Qualifikationsspiele zur EM 2005 in Serbien und Montenegro sicher gewonnen. Zählt Deutschland damit nächstes Jahr zu den Titelfavoriten?
Dirk Nowitzki: Nach der Europameisterschaft im vergangenen Jahr sind wir sicherlich kein Favorit. Und diese EM-Qualifikation ist nichts Überragendes, schließlich haben wir gegen Mannschaften wie Belgien oder die Ukraine gespielt - das sind alles keine großen Namen in Europa. Aber wenn wir uns weiter so entwickeln wie in diesem Sommer, haben wir nächstes Jahr gute Karten.
SPIEGEL ONLINE: Die wurden dem deutschen Team auch vor der EM 2003 in Schweden attestiert. Dann aber ist es sang- und klanglos in der Vorrunde ausgeschieden und hat die Olympia-Teilnahme verspielt. Was lief damals falsch und muss sich im Hinblick auf 2005 ändern?
Nowitzki: 2003 kamen wir als Mannschaft nie richtig zusammen. Das hat sich schon in der Vorbereitung abgezeichnet, in der wir zwar kein Spiel verloren haben, in der es aber nicht rund lief. Es war von Anfang an der Wurm drin, was sehr schade war. Denn die Chance, sich für Athen zu qualifizieren, war riesig. Aber ich hoffe, dass wir aus dem Tal, das wir da durchschreiten mussten, gelernt haben. Jetzt haben wir eine Art Neuanfang gemacht und müssen uns mit den vielen neuen Spielern so entwickeln, damit wir 2008 in Peking dabei sind.
SPIEGEL ONLINE: Neben neuen Spielern hat das Nationalteam auch einen neuen Trainer. Sie haben nach dem Sieg gegen Estland gesagt, dass ihnen der Spielwitz von Denis Wucherer in den vergangenen Jahren gefehlt hat. War das auch ein Seitenhieb gegen den ehemaligen Trainer Henrik Dettmann, der mit seiner Art und seiner Personalpolitik maßgeblich zum EM-Aus beigetragen hat?
Nowitzki: Nein. Im Nachhinein rumzunörgeln bringt ohnehin nichts. Wir haben unter Henrik teilweise sehr guten Basketball gespielt und schöne Erfolge gefeiert: Bei der EM 2001 in der Türkei wurden wir Vierter und hätten eigentlich eine Medaille verdient, bei der WM 2002 in Indianapolis haben wir diese Medaille dann geholt. Aber jetzt musste sich einfach etwas verändern - das hat sich in Schweden gezeigt.
SPIEGEL ONLINE: Vor allem Dettmanns Führungsstil geriet in die Kritik. Was hat sich für die Spieler unter dem neuen Trainer Dirk Bauermann verändert?
Nowitzki: Jetzt wird eine klare Linie gefahren. Entweder man fährt diese Linie mit oder man kann nach Hause gehen. Henrik hatte die Philosophie, dass die Spieler viel untereinander diskutieren und sich jeder einbringt. Das war am Ende schon fast zu viel: Da wurde nur noch rumdiskutiert. Immer wenn Henrik etwas sagen wollte, haben erst mal zehn Leute ihren Senf dazu gegeben. Das kann auf einem so hohen Level nicht funktionieren. Jetzt weiß wieder jeder, wo es langgeht und was er machen muss.
SPIEGEL ONLINE: Bei Olympia war zu beobachten, dass die Basketball-Alleinherrschaft der USA endgültig vorbei ist. Hat Sie das überrascht?
Nowitzki: Eigentlich nicht. Schon beim Vorbereitungsturnier in Köln hat man gesehen, dass es die US-Mannschaft schwer haben wird. Von den Italienern sind sie damals vorgeführt worden, auch gegen uns hätten sie fast verloren. Ich fand, sie haben sich mit der Bronzemedaille am Schluss noch gut gehalten. Aber für Gold hat es mit jener Mannschaft nicht gereicht. Das zeigt, dass die Amerikaner schon ihre Top-Leute bringen müssen, wenn Sie Olympiasieger werden wollen - der Rest der Welt ist besser geworden.
SPIEGEL ONLINE: Das sieht man auch in der NBA. Dort hat mittlerweile ein Fünftel der Spieler keinen US-Pass mehr, im All-Star-Spiel wirkten dieses Jahr sechs Ausländer mit. Woran liegt das?
Nowitzki: Die europäischen Spieler profitieren von ihrer umfassenden Ausbildung: Die meisten können sowohl aus kurzer Distanz als auch von außen punkten. Es gibt einen Trend in der NBA, dass solche Spieler mit Allround-Paket sehr gefragt sind: Das liegt daran, dass das Spiel in der NBA immer schneller wird und die Regeln sich geändert haben. Heute ist auch Zonen-Verteidigung erlaubt, da ist es wichtig, dass man auch von außen gut werfen kann. Außerdem kam es früher viel mehr auf das Physische an, die Schiedsrichter ließen viel durchgehen und unter dem Korb wurde noch ganz anders zugelangt. Heutzutage wird schneller auf Foul entschieden, was auch meiner Spielweise entgegenkommt: Sonst könnte mich ein schwerer Gegenspieler einfach platt machen.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es auch in Deutschland weitere Spieler, denen Sie den Sprung in die NBA zutrauen würden?
Nowitzki: Für die aktuellen Nationalspieler wird das schwierig. Die meisten sind schon 23, 24 Jahre alt, und in diesem Alter den Sprung zu schaffen, ist fast zu spät.
SPIEGEL ONLINE: Die vergangene NBA-Saison endete für Sie enttäuschend: Sie verletzten sich und Dallas schied in der ersten Play-Off-Runde aus. Welche Ziele haben Sie für die im November beginnende Saison?
Nowitzki: Das vergangene Jahr war ein verlorenes Jahr. Wir hatten Antawn Jamison und Antoine Walker geholt, die Erwartungen waren hoch. Aber wir kamen als Mannschaft nie so recht zusammen. Ich hoffe, dass wir dieses Jahr mit den Neuzugängen einen besseren Rhythmus finden. Ich will auf jeden Fall ins Halbfinale kommen, vielleicht klappt ja sogar noch mehr.
SPIEGEL ONLINE: Warum, glauben Sie, sind die Mavericks stärker als in der vergangenen Spielzeit?
Nowitzki: Wir haben mit Erick Dampier endlich einen guten Center verpflichtet - das hat uns in den vergangenen fünf, sechs Jahren gefehlt. Der kann unter dem Korb aufräumen, Schüsse blocken und Rebounds holen, aber auch vorne mal einen reinstopfen. Erick hat vergangenes Jahr bei Golden State eine Super-Saison gespielt und ist wirklich ein Top-Mann. Im Aufbau haben wir zwar mit Steve Nash leider einen wichtigen Spieler verloren, aber ich glaube, das können wir kompensieren.
SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie die Wahl hätten zwischen dem NBA-Titel mit Dallas oder olympischem Gold mit Deutschland 2008, wofür würden sie sich entscheiden?
Nowitzki: Im Zweifel für den NBA-Titel. Es gibt viele große Spieler in Amerika, die auf eine tolle Karriere ohne Titel zurückblicken. Wenn über sie gesprochen wird, heißt es immer: "Er war ein toller Spieler, aber ..." Dieses "aber" würde ich mir gerne ersparen. Bei Olympia reizt mich vor allem das Dabeisein. Ins Stadion einlaufen und mit allen Athleten in einem Dorf wohnen - diesen Traum möchte ich mir 2008 erfüllen. Sportlich ist sicher der NBA-Titel wichtiger, emotional das olympische Gold.
SPIEGEL ONLINE: Abschließend eine Frage, die in Deutschland viele Basketballfans beschäftigt: Ihrem Heimatverein TSK Würzburg geht es nicht nur sportlich, sondern vor allem finanziell nicht gut. Viele sähen es gerne, wenn Sie ihrem Ex-Club finanziell etwas unter die Arme greifen würden. Warum tun Sie das nicht?
Nowitzki: Als ich 16 Jahre alt war, hatte man sich in Würzburg zum Ziel gesetzt, attraktiven Basketball mit jungen Leuten aufzubauen. Von diesem Plan ist man in den letzten Jahren aber immer mehr abgewichen. Das Konzept hier, mit fünf Amis, drei Litauern und zwei Ukrainern zu spielen, bringt den deutschen Basketball nicht weiter. Deswegen habe ich gesagt: Da mache ich nicht mit. Dazu stehe ich, auch wenn deshalb hier manchmal die Hölle los ist. Auch in der Presse werde ich ganz schön rund gemacht. Aber ich werde grundlos angefeindet. Ich habe immer gesagt: Wenn man hier wieder mit einem anderen Konzept anfängt, dann bin ich der Erste, der zuhört und mitmacht - auch finanziell.
Das Interview führte Andreas Kröner