Olympia 2012: Die deutschen Silber-Turner
Doppel-Silber für Marcel Nguyen Plötzlich die Nummer eins
Hamburg - Wenn der ganze Olympia-Rummel vorbei ist, die Pressetermine erledigt und die Medaillenfotos mit Sponsoren gemacht sind, wird Marcel Nguyen die Füße hochlegen. Am Strand von Ibiza liegen. Die Sonne genießen. Und über die vergangenen Wochen nachdenken. Über seine Silbermedaille im Mehrkampf. Und nun auch noch seinen zweiten Platz am Barren.
Neben ihm wird dann sein Freund und Teamkamerad Philipp Boy entspannen und wohl ebenfalls über die Olympischen Spiele nachdenken. Und sich vielleicht die Frage stellen, warum nicht er, sondern sein optisch so ähnlicher Freund, mit dem er gemeinsam mit den beiden Freundinnen im Urlaub ist, als der neue Star der deutschen Turn-Szene gilt.
Denn vor dem Beginn der Spiele gab es auf die Frage nach Deutschlands bestem Turner eigentlich nur zwei realistische Optionen: Philipp Boy oder Everybody's Darling Fabian Hambüchen.
Doch nunmehr ist klar: Deutschlands momentan bester Turner ist Marcel Nguyen. Nicht Hambüchen. Nicht Boy. Eine Überraschung.
"Die Spiele sind viel besser gelaufen, als ich es erwartet hatte"
Nguyen holte am Barren gar die erste Medaille seit 1988, als Sven Tippelt für die DDR in Seoul Bronze gewann. Mannschaftskapitän Hambüchen gewann Silber am Reck . In der sportlichen Hierarchie rückt er trotzdem hinter Nguyen.
"Es ist unglaublich, dass es so gelaufen ist. Ich wollte vor den Spielen eine Medaille, egal wie. Dass es nun zweimal Silber ist, ist einfach unfassbar", sagte der 24-jährige Nguyen.
Neben dem Edelmetall gewann er auch eine Flasche Champagner. Sein Trainer Waleri Belenki hatte das Getränk als "kleine Motivationshilfe" für eine Medaille ausgelobt. Dass es tatsächlich klappen würde, daran hatte Nguyen zuvor offenbar nicht so recht geglaubt. "Die Spiele sind viel besser gelaufen, als ich es erwartet hatte."
Nun werden die Erwartungen an ihn steigen. Belenki sprach sogar schon von den Spielen in Rio 2016: "Dann können wir vielleicht an andere Medaillenfarben denken. Jetzt wird es wichtig sein, dass Marcel lernt, mit dem Erfolg richtig umzugehen."
"Ich bin einfach überwältigt und wunschlos glücklich"
Die Perspektiven des 24-Jährigen jedenfalls sind glänzend: Er ist derzeit der einzige Turner der Welt, der den Tsukahara-Abgang vom Barren beherrscht. Und zudem die nötige Ruhe hat, ihn im Wettkampf auch umzusetzen. "Ich habe mir einfach vorgestellt, ich sei in meiner Trainingshalle, das hat mich beruhigt", sagte Nguyen.
Bislang war es meist Hambüchen gewesen, der im Zentrum des öffentlichen Interesses stand, doch nachdem er im Mehrkampf gepatzt hatte, drohte ihm in London ein Debakel. Mit seiner Silbermedaille in seiner Paradedisziplin Reck bewies er aber, dass auch er zur Weltspitze gehört.
"Es war ein hammerhartes Finale. Ich bin froh, durchgekommen zu sein. Ich bin einfach überwältigt und wunschlos glücklich", sagte Hambüchen. Im Anschluss an seine Übung war deutlich zu sehen, wie viel emotionale Anspannung in ihm gesteckt hatte. Lautstark schrie er seine Freude über die gelungene Vorstellung in die Halle.
Nguyen glücklich, Hambüchen glücklich, klar, dass auch der Deutsche Turner-Bund DTB zufrieden war: "Einer der größten olympischen Erfolge deutscher Turner", sagte DTB-Sportdirektor Wolfgang Willam, Ex-Weltmeister Eberhard Gienger wurde noch deutlicher: "Wir sind wieder wer!" Vor allem Nguyen.