London 2012 Es lebe der olympische Geist
Olympia-Fans: Fachkundig und fähig zur Euphorie
Foto: Julie Jacobson/ APWer den olympischen Geist sucht, vermutet ihn wohl als letztes in der Londoner U-Bahn. Hier ist es heiß, eng, voll. Kein Ort, an dem man sich länger als irgend nötig aufhält. Aber in der Nacht, nachdem der britische Langstreckler Mo Farah sein zweites Leichtathletik-Gold gewonnen hatte, stoppte die U-Bahn vom Olympiapark Richtung City mitten auf der Strecke, es ertönte ein lautes Hupen und dann die Stimme des Fahrers: "This is for Mo." Danach setzte er seine Fahrt fort. In der Bahn herrschte ab sofort ausgelassene Heiterkeit.
Der olympische Geist - er ist offenbar nicht totzukriegen. Selbst nicht von einer mittlerweile rundum durchkommerzialisierten Super-Großveranstaltung wie den Spielen von London. Die omnipräsenten Sponsoren haben sich alle Mühe gegeben, den Geist klein zu halten. Da erscheinen McDonalds und Coca Cola als die Hauptgeldgeber für eine Veranstaltung, die doch auch für Gesundheit und Fitness steht. Und an jeder Kasse im Olympiapark prangte der vielsagende Satz: "We are proud to accept only Visa."
Und dennoch: Irgendwann ist man gepackt. Mitgerissen von der Begeisterung eines überragenden Publikums, weit weg von jenem Operetten- und Event-Publikum, das der Fußball kennt. Fachkundig, fähig zur Euphorie, fast immer fair, mit einem feinsinnigen Gespür für Stimmungen. Die Londoner sind ein Sport-Publikum. Gelernt ist gelernt.
44 Minuten für die britische Sporthistorie
Waren es deswegen auch sportlich große Spiele? Ist in London Sportgeschichte geschrieben worden, wie in Barcelona, den ersten Spielen nach der deutschen Wiedervereinigung? Oder wird 2012 in ein paar Jahren mehr oder weniger vergessen sein, so wie Atlanta 1996 oder Athen 2004? Zumindest gab es große olympische Momente.
Die 44 Minuten, in denen die Briten durch Farah, Jessica Ennis und Weitspringer Greg Rutherford dreimal Leichtathletik-Gold errangen, werden in jedem Fall in der britischen Sporthistorie ihren Platz behalten. Die todunglückliche südkoreanische Fechterin Shin A Lam, die sich im Gefecht gegen Britta Heidemann um ihre Medaillen betrogen sah und danach eine Stunde lang auf der Planche hocken blieb, wird im Gedächtnis bleiben. Auch Gewichtheber Matthias Steiner, der hilflos unter seiner eigenen Hantel liegt, ist ein Bild dieser Spiele.
Und dann natürlich der Dreifach-Triumph von Sprinterkönig Usain Bolt. Der Jamaikaner war der Superstar dieser Spiele, er war es vorher schon, er ist es nach seinen Auftritten geblieben. Ob Bolt als einer der bisher größten Leichtathleten bestehen bleiben wird oder ob er irgendwann als ein Doper entlarvt wird - das ist eine der offenen Fragen, die nach London bleiben. Zweifel sind gestattet, aber bewiesen ist nichts.
Spitzensport ist auch BMX und Bogenschießen
Vordergründig waren es weitgehend saubere Spiele. Es gab einige weniger prominente Dopingfälle, die Kugelstoßerin Nadeschda Ostaptschuk etwa, die ihre Goldmedaille zurückgeben muss. Doch die Dopingfahnder laufen den Dopern erfahrungsgemäß stets hinterher. Die Leistungen der Schwimmer und Leichtathleten, ob es die Chinesen sind, die US-Amerikaner oder die erst 15-jährige Litauerin Ruta Miluteyte, die im Schwimmen Gold holte: Man traut sie sich noch nicht abschließend zu würdigen. Das ist einfach so im modernen Sport. Die Erfahrung hat skeptisch gemacht.
London hat nichtsdestotrotz beeindruckt. Die Spiele haben vor allem einem Millionenpublikum vor Augen geführt, wie vielgestaltig die Sportwelt ist. Früher war das klar - aber heute, wo im Fernsehen fast nur noch Fußball gezeigt wird, sind die Olympischen Sommerspiele die einzige große Leistungsschau für Leichtathleten, Ruderer, Schwimmer, Fechter und Reiter. Und es gibt tatsächlich noch Moderne Fünfkämpfer, es gibt BMX-Fahrer und Bogenschützen. Seit Samstag weiß auch jeder in Deutschland: Es gibt Hockeyspieler.
Der frühere und mittlerweile verstorbene IOC-Präsident Juan Antonio Samaranch hat die Spiele 2000 von Sydney die "best Games ever" genannt. Wenn er die Spiele von London kennengelernt hätte, wäre er noch einmal ins Grübeln gekommen.