Skandal im olympischen Boxsport "Das sind korrupte Bastarde"
Der irische Boxer Michael Conlan
Foto: Christian Petersen/ Getty ImagesMichael John Conlan stand mit ausgestrecktem Mittelfinger im Boxring und wollte keine Zweifel darüber aufkommen lassen, was er vom Ausgang im Viertelfinale des Bantamgewichts hielt. Der irische Boxer war nach einer umstrittenen Punktniederlage gegen den Russen Wladimir Nikitin ausgeschieden - und ließ seinem Frust darüber freien Lauf.
Im anschließenden Interview mit dem irischen Sender RTE Sport konkretisierte Conlan seine Vorwürfe gegen den Weltverband des olympischen Boxsports. "Die Aiba ist eine Bande von Betrügern, sie sind verdammte Betrüger. So einfach ist das", sagte der 24-Jährige. "Ich werde niemals wieder für die Aiba boxen. Das sind korrupte Bastarde, das läuft alles mit Bezahlung. Und es ist mir vollkommen egal, dass ich im Fernsehen fluche."
Vorangegangen war ein Kampf, den Conlan in seinen Augen dominiert hatte. Der amtierende Welt- und Europameister, der als Favorit auf den Olympiasieg galt, landete saubere Treffer und verstand es außerdem zumindest phasenweise, seinen russischen Gegner durch gute Beinarbeit ein ums andere Mal ins Leere schlagen zu lassen. Trotzdem gaben die Punktrichter die erste und letzte der insgesamt drei Runden an Nikitin, der nach dem wohl auch für ihn überraschenden Sieg mit 29:28-Punkten jubelnd auf die Knie sank.
"Der hat doch selbst nicht geglaubt, dass er gewonnen hat", sagte Conlan zur Reaktion des Russen. "Er hat geschrien, als hätte er gerade Gold geholt." Auch mit etwas Abstand wollte sich der junge Ire nicht beruhigen, sondern legte via Twitter noch mal nach, indem er den russischen Präsidenten Wladimir Putin fragte, wie viel Geld ihn dieser Sieg gekostet habe.
Hey Vlad @PutinRF_Eng
— Michael Conlan (@mickconlan11) August 16, 2016
How much did they charge you bro?? @AIBA_Boxing #Rio2016 😘
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Die Aiba weist jegliche Korruptionsvorwürfe von sich und betont, dass es darum ginge, einen "fairen und transparenten Wettkampf" zu garantieren. Im Fall von Conlan zeigte ein namentlich nicht genannter Aiba-Sprecher gegenüber der britischen Zeitung "Guardian" aber auch Verständnis für die Reaktion des Iren. "Jeder Boxer, der verliert, ist enttäuscht, und er sucht die Gründe dafür niemals bei sich selbst. Wir verstehen seine Enttäuschung, aber wir können seine Anschuldigungen natürlich nicht akzeptieren."
Conlans Niederlage war allerdings nicht die einzige umstrittene Entscheidung in Rio. Im Schwergewichtsfinale siegte der Russe Jewgeni Tischtschenko gegen Wassili Lewit aus Kasachstan, obwohl Lewit der deutlich aktivere Mann war. Das Publikum quittierte die Entscheidung mit Buhrufen.
Die schlechte Außendarstellung trifft die Aiba hart, weil der "Guardian" bereits am 1. August, also vor Beginn der Spiele, in einem ausführlichen Artikel über Korruption im olympischen Boxsport berichtet hatte. Darin räumte mit Seamus Kelly ein irischer Punktrichter ein, dass es seit Einführung des "Ten point must"-Systems 2011 Absprachen zwischen Punktrichtern gegeben habe.
In der neuen Wertungsart beurteilen die Punktrichter die Runden im Ganzen und vergeben zehn Punkte für den Sieger sowie neun (oder weniger) Punkte für den Verlierer. In das Urteil fließen dabei neben der Schlaganzahl und -härte auch vermehrt weiche Faktoren wie "Dominanz", "Wettbewerbsfähigkeit", "Überlegenheit in Technik und Taktik" sowie "Einhaltung der Regeln" ein.
Durch die subjektive Einschätzung sind Manipulationen möglich. Überall, wo Menschen aufgrund ihrer persönlichen Wahrnehmung Entscheidungen treffen, sind Kontroversen programmiert. Und Boxen ist nun mal keine exakte Wissenschaft.
Manipulationsvorwürfe sind im olympischen Boxsport kein neues Phänomen - und umstrittene Urteile gab es auch schon vor dem neuen Wertungssystem. 1988 verlor der US-Amerikaner Roy Jones jr. in Seoul das Finale im Leicht-Mittelgewicht, obwohl er seinen Gegner - den Südkoreaner Si-Hun Park - schwindelig boxte. Namentlich nicht genannte Verbandsoffizielle berichten laut "Guardian" von Absprachen vor den Spielen 2008 und 2012. Auch davor und dazwischen soll es immer wieder merkwürdige Urteile gegeben haben.
Michael Conlan trifft den Russen Wladimir Nikitin
Foto: YURI CORTEZ/ AFPBei Conlan ist der Fall allerdings nicht so eindeutig. Die amerikanischen - in diesem Fall also neutralen - Schlagstatistiker von CompuBox haben errechnet, dass Conlan insgesamt tatsächlich öfter geschlagen (365 zu 257) und getroffen (89 zu 75) hat als Nikitin. Aber: Der Russe war effektiver (29,2 zu 24,4 Prozent Trefferquote) und kam in der ersten Runde öfter durch als Conlan (26 zu 18 Treffer). Gerade diesen Durchgang glaubte der Ire deutlich dominiert zu haben. Und tatsächlich kann man seine Meinung anhand der Fernsehbilder teilen. Doch die Punktrichter gaben die Runde an Nikitin - und die Zahlen scheinen ihnen recht zu geben.
Die Aiba hat mittlerweile reagiert und eine ungenannte Zahl an Ring- und Kampfrichtern zurückgezogen. "Weniger als eine Handvoll an Entscheidungen" sei nicht auf dem erwarteten Niveau getroffen worden, teilte die AIBA mit. Der Verband hatte die 239 Kämpfe überprüft, die bis Mittwochmorgen stattgefunden hatten. Die Ergebnisse der beanstandeten Duelle blieben jedoch gemäß der AIBA-Regeln bestehen.
Ob und in welchem Maße der Sport - vermutlich schon seit Jahrzehnten - von Korruption und Betrug durchdrungen ist, wird sich anhand des Ausscheidens von Conlan nicht aufklären lassen. Aber das Urteil und die Reaktion darauf zeigen mal wieder, welche Glaubwürdigkeits- und Imageprobleme das olympische Boxen hat.
Conlans Mittelfinger wird daran nichts ändern.