Olympia 2016: Dabei sein. Das ist alles. - Kommentar - DER SPIEGEL
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Erfolg und Misserfolg bei Olympia Dabei sein. Das ist alles.

Sportlerinnen werden beschimpft, weil sie jubeln, ohne eine Medaille erkämpft zu haben. Verbände fordern noch mehr Geld vom Staat. Was hat das alles mit Olympia zu tun?
Happy together: Anna (r.) und Lisa Hahner
Happy together: Anna (r.) und Lisa Hahner

Happy together: Anna (r.) und Lisa Hahner

Foto: Bernd Thissen/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das klang nach einer wirklich skandalösen Geschichte: Der Ruderer Max Planer hat in einem Interview mit dem Deutschlandfunk  davon berichtet, dass die deutschen Sportler bei der Rückreise von den Olympischen Spielen auf zwei Flugzeuge aufgeteilt würden: die Medaillengewinner in der einen, die anderen Sportler in einer zweiten Maschine.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hat das umgehend dementiert:

Offenbar war Planer einem Missverständnis aufgesessen. Dass er die Geschichte mit der Zweiklassengesellschaft für plausibel hielt, gibt aber trotzdem Aufschluss über die Bedeutung von Erfolg und Misserfolg bei den Olympischen Spielen. Planer wurde mit dem deutschen Vierer ohne Steuermann im B-Finale Letzter, insgesamt Zwölfter. Er sagt in dem hörenswerten Beitrag: "In Deutschland zählen halt leider nur Medaillen. Für mich ist aber die Erfahrung das Wichtigste."

Er lebe mit Olympia seinen Traum, denn: "Man trifft Leute aus der ganzen Welt." Er formuliert damit etwas, was mal als "der olympische Geist" bekannt war.

Max Planer

Max Planer

Foto: Soeren Stache/ dpa

Als die beiden Zwillinge Lisa und Anna Hahner beim Marathon Hand in Hand strahlend über die Ziellinie liefen, dauerte es nicht lange, bis Kritik laut wurde. Sabrina Mockenhaupt beschwerte sich, dass die Schwestern, obwohl weit abgeschlagen, mit ihrer "Inszenierung" mehr Aufmerksamkeit bekämen als die sportlich erfolgreichere Anja Scherl.

"Keinen Erfolg" zu haben bei Olympia, das ist für viele Sportler ein echtes Stigma. Auch die Reiterin Julia Krajewski kann ein Lied davon singen, nachdem sie für ihre Fehler beim Geländeritt von ARD-Kommentator Carsten Sostmeier verunglimpft wurde. Woran aber bemisst sich "Erfolg"?

Hier machen es sich alle Beteiligten einfach: am Medaillenspiegel. Diese statistische Spielerei wird auf der ganzen Welt als eine Art Tabelle der Spiele behandelt.

Der DOSB verwendet in seiner Kommunikation den Hashtag #WirfuerD, der klarmacht, dass alle deutschen Sportler nicht für sich und ihre Träume starten, sondern für das nationale Interesse. Dieses wird quantifiziert in Zielvorgaben des DOSB : Medaillenerwartungen, die wiederum auch von der Politik vorgegeben werden.

Da verwundert es nicht, dass die Sportverbände eine Intensivierung der Förderung fordern. Der deutsche Chef de Mission in Rio, Michael Vesper, wünschte sich in einem Interview mit dem NDR , "dass mehr Zug reinkommen muss in das System, dass mehr Konzentration und mehr Steuerung von oben reinkommen muss, um alle auf ein höheres Niveau zu bringen".

Was hat all das noch mit dem olympischen Gedanken zu tun? Vespers Zitat könnte aus dem dystopischen Roman "Brave New World " von Aldous Huxley stammen. Deutschland ist aber kein totalitärer Staat mehr, und es ist alles andere als selbstverständlich, dass Steuergelder direkt oder indirekt in die Förderung von Leistungssport fließen müssen. Diktaturen mögen es nötig haben, sich im Glanz von Medaillen zu sonnen. Freie demokratische Gesellschaften haben es nicht.

Michael Vesper (l.) mit Goldmedaillengewinner Christoph Harting

Michael Vesper (l.) mit Goldmedaillengewinner Christoph Harting

Foto: Kai-Uwe Wärner/ dpa

Es geht hier nicht um den Profisport, der seine eigenen Einnahmen generiert und dementsprechend nach Leistungskriterien operiert. Es geht um ein Sportfest, das alle vier Jahre für zwei Wochen stattfindet. Mit über 300 Wettbewerben und Tausenden von Athleten sind die Olympischen Sommerspiele ein unübersichtliches Chaos. Die meisten Medien versuchen, der Unübersichtlichkeit Herr zu werden, indem sie ihre Berichterstattung nach nationalen Gesichtspunkten gewichten: "Und jetzt zum Schwimmen, da ist eine Deutsche im Finale."

Nun ist dieses große, chaotische Sportfest aber kein Pfadfinderlager, sondern ein großes Marketing-Event mit globalen Sponsoren und einem Veranstalter, der sehr viel Geld damit verdient. Muss man das unterstützen, indem man so viel Geld für Übertragungsrechte ausgibt, dass man dann lieber gleich  den DOSB-Hashtag  #WirfuerD mitverwendet , weil man den deutschen Medaillenerfolg als Rechtfertigung der Investitionen begreift?

Angesichts der relativ mageren deutschen Medaillenausbeute sind Forderungen laut geworden, die finanzielle Förderung der deutschen Athleten sogar noch zu erhöhen: "In einem Land, in dem ein Olympiasieger 20.000 Euro Prämie bekommt und ein Dschungelkönig 150.000 Euro, sollte sich niemand über fehlende Medaillen wundern", hat der frühere Schwimmer Markus Deibler geschrieben.

Worauf will Deibler hinaus? Dass die Förderung der deutschen Olympiamannschaft verachtfacht werden sollte? Dass der Staat hier genausoviel Geld ausgeben sollte wie Privatsender? Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass der Privatsender das Geld durch Werbeeinnahmen wieder einspielt. An den Olympiainvestitionen verdient nur das IOC.

Anstatt noch mehr Geld und noch mehr Erfolgsorientierung zu fördern, könnte man ein paar Gänge zurückschalten und denken wie der Ruderer Max Planer. Das ist billiger, sympathischer und olympischer. Und hinterher fliegen am besten alle Sportler zusammen nach Hause.