Olympia 2016: Der Höhenfluch - die deutsche Bilanz - DER SPIEGEL
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Abschneiden des deutschen Teams: Die große Olympia-Bilanz

Foto: Franck Robichon/ dpa

Deutsche Bilanz von Rio Olympischer Höhenfluch

"Ich hasse die Medaillenzählerei" - an deutlichen Worten deutscher Athleten mangelte es bei den Spielen in Rio nicht. Für den Deutschen Olympischen Sportbund geht die Arbeit jetzt erst richtig los.
Aus Rio de Janeiro berichtet Benjamin Knaack
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie waren sie denn nun, die sportlichen Leistungen der Deutschen bei den Olympischen Spiele in Rio de Janeiro? Judoka Karl-Richard Frey, der angetreten war, um Olympiasieger zu werden, und nur auf dem vierten Platz landete, sagte: "Ich bin sehr enttäuscht. Ich hatte andere Erwartungen."

Turner Fabian Hambüchen, der am Ende einer langen Karriere am Reck Gold holte, war anderer Meinung: "Überragend" sei es, dass es doch noch geklappt habe: "Damit habe ich nicht gerechnet, ich bin überglücklich."

Erwartungen sind ja immer so eine Sache. Mal werden sie übertroffen, mal nicht erfüllt. Manchmal sind sie aber auch einfach unerreichbar hoch. Der Deutsche Olympische Sportbund hat vor den Sommerspielen Zielvorgaben für jede einzelne Sportart formuliert. An diese Medaillenerwartungen sind auch Fördergelder gekoppelt. 44 plus X Medaillen hatte der DOSB zunächst angepeilt, später sprach man von einem Zielkorridor von 42 bis 71 Medaillen.

Erfolgssportarten und Sorgenkinder

Dieses Ziel hat Deutschland ganz knapp erreicht, insgesamt gab es genau 42 Medaillen für das DOSB-Team. Im Länder-Ranking reichte es dank der 17 goldenen Medaillen für Rang fünf. Bei den Olympischen Spielen in London vor vier Jahren war Deutschland mit elf Olympiasiegen auf Rang sechs gelandet.

Besonders erfreulich an den Spielen in Rio war aus Sicht des DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann die breite Streuung des Erfolgs: "Es werden 150 Medaillengewinner nach Deutschland zurückkehren, jeder Dritte im Team hat eine Medaille." Das liegt vor allem an den erfolgreichen Mannschaftssportarten. Im Hockey gab es zweimal Bronze, im Fußball Gold und Silber und im Handball Bronze.

Medaillenlieferanten waren einmal mehr die Reiter und Kanuten. Zwei olympische Kernsportarten gehören hingegen zu den Verlierern: Die Schwimmer gingen komplett leer aus, dabei hatten sich der Deutsche Schwimmverband (DSV) und der DOSB auf eine Erwartung von zwei bis fünf Medaillen geeinigt. Auch in der Leichtathletik sah es trotz der Überraschungs-Goldmedaillen von Christoph Harting und Thomas Röhler mau aus: "Wir haben zweifelsohne einige Sorgenkinder, wo es unter Umständen tiefgreifende Reformen erfordert", sagte Hörmann.

"Ich hasse die Medaillenzählerei"

Bis zum 30. September will der DOSB Analysen der einzelnen Verbände sammeln und seine bereits begonnene Leistungssportreform weiter vorantreiben. Kritische Anregungen aus den Reihen der Sportler gab es während der Spiele reichlich. Neben dem mangelnden Kampf gegen Doping wurden vor allem die Zielsetzungen und Strukturen kritisiert. "Mich ärgert, dass gar nicht auf die Athleten geguckt wird, sondern nur: Wir haben eine Medaille mehr. Das nimmt einem ein bisschen den Spaß am Sport", sagte Siebenkämpferin Claudia Rath. Auch Turner Hambüchen meldete sich zu Wort: "Ich hasse die Medaillenzählerei, jeder von uns reißt sich den Arsch auf und gibt sein Bestes."

Hörmann hatte vor den Spielen von einem "deutschen Weg" gesprochen, der weg von der Fokussierung auf Podiumsplatzierungen führen soll. "Ehrlichkeit und Anstand im Wettbewerb, keine Siege um jeden Preis bedeuten für uns mindestens so viel wie die eine oder andere Medaille mehr", sagte er. Bei der Bilanz-Pressekonferenz im Deutschen Haus stand dann aber doch vor allem die Frage im Vordergrund, wie man in Zukunft noch mehr Medaillen gewinnen könne, wie man noch erfolgreicher sein kann.

Der deutsche Sport muss sich entscheiden, was er erreichen will. Sind Plätze im Mittelfeld bei Olympia ausreichend? Dann könnte mittelfristig auch die finanzielle Unterstützung heruntergefahren werden. Oder will man auch zukünftig um Podestplätze mitkämpfen, vielleicht sogar mehr Medaillen holen? Dann müsste noch deutlich mehr Geld als bisher investiert werden. "Deutschland muss sich die Grundsatzfrage stellen: Geht es künftig um das Motto 'Dabeisein ist alles' oder wollen wir Medaillen gewinnen?", fragte jüngst der Sportschütze Daniel Brodmeier.

Gießkannenprinzip oder Förderung der "Leistungsstarken"?

Die Geldfrage ist im deutschen Spitzensport immer akut. Die Athleten sehen die Gehälter beim Fußball und fragen sich, warum sie selbst trotz ähnlicher - oder teilweise auch größerer - Anstrengungen vielfach am Existenzminimum herumkriechen. Der Ex-Schwimmer Markus Deibler sorgte mit seinem plakativen Vergleich für Aufsehen: "In einem Land, in dem ein Olympiasieger 20.000 Euro Prämie bekommt und ein Dschungelkönig 150.000 Euro, sollte sich niemand über fehlende Medaillen wundern."

In Deutschland werden vom Bundesinnenministerium über den DOSB etwa 153 Millionen Euro im Jahr in den deutschen Spitzensport gespült - bislang nach dem Gießkannenprinzip, also mit einer möglichst gleichmäßigen Verteilung. Ob der DOSB diesen Weg beibehalten will, ist unklar. "Wir müssen versuchen, uns in Zukunft breiter aufzustellen, um mehr Möglichkeiten zu Medaillengewinnen zu haben", sagte der sportliche Leiter Dirk Schimmelpfennig.

Von Hörmann hieß es hingegen: "Am Ende muss es so sein, dass die Leistungsstarken und -fähigen von solch einer Reform profitieren. Und bei den Leistungsschwachen müssen wir abwarten, ob sie gewillt sind, zu den Leistungsstarken hinzukommen zu wollen." Das klingt nach harten Einschnitten und rauen Zeiten.

Auch in Rio war die Sportförderung Dauer-Streitthema. Der verletzte Diskuswerfer Robert Harting fragte: "Ist das Geld richtig verteilt? Wird richtig geführt? Kommen die Investitionen sinnvoll bei den Sportlern an?" Das System hatte im vergangenen Jahr sogar den Bundesrechnungshof auf den Plan gerufen. "Die dargestellten Fördermittel der Verbände sind weder transparent noch untereinander vergleichbar", stand in einem Prüfbericht der Behörde. Pikant: Der DOSB solle sein "Beratungsmonopol" verlieren, weil der Dachverband als Interessensvertreter der Sportverbände "nicht neutral" sei, hieß es weiter.

Es gibt also viel Gesprächsstoff für die kommenden Wochen und Monate. Hitzige Auseinandersetzungen zwischen DOSB, Verbänden, Athleten und dem Bundesinnenministerium, also dem Geldgeber, sind zu erwarten. Und die Zeit drängt. Schließlich ist nach Olympia vor Olympia.