Olympia 2016: Deutsche Vielseitigkeitsreiter mit Problemen - DER SPIEGEL
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Deutsche Reiter bei Olympia: Der Favoriten-Status wackelt

Foto: Fazry Ismail/ dpa

Deutsche Reiter bei Olympia Noch nicht sattelfest

Die Goldmedaille war fest eingeplant, doch jetzt müssen Deutschlands Vielseitigkeitsreiter zittern: In der Dressur patzten die Favoriten. "Ein teurer Fehler", sagt der Star des Teams.
Aus Rio de Janeiro berichtet Benjamin Knaack
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Sandra Auffarth konnte einem leidtun. Die Deutsche hatte sich beim Auftakt des Olympischen Vielseitigkeitsreitens gerade an die Spitze des Teilnehmerfeldes gesetzt, doch bis auf eine Gruppe von etwa 20 deutschen Fans wollte sich sonst niemand im Reitstadion für ihren Ritt begeistern. Der überwiegende Teil der Zuschauer im nicht ausverkauften Olympic Equestrian Centre hatte nur Augen für Marcio Appel.

Das lag allerdings nicht daran, dass Appel mit Medaillenchancen an den Start ging, sondern schlicht und einfach an seinem Pass: Appel ist Brasilianer. Und das reichte, um die ansonsten eher zurückhaltenden Zuschauer in Fahrt zu bringen. Lauter Applaus brandete auf, "Brasil, Brasil"-Sprüche waren zu hören, wie auch schon bei der Eröffnungsfeier der Spiele am Vorabend. Der Zuspruch half allerdings nicht: Appel landete nur auf einem der hinteren Ränge.

Brasilien ist eben keine Reiternation - auch wenn 2004 Rodrigo Pessoa eine Goldmedaille im Springreiten geholt hatte, zwei Team-Bronzemedaillen in derselben Disziplin sollen hier ebenfalls nicht verschwiegen werden. Aber im Vergleich zur deutschen Erfolgsgeschichte ist das dann doch kein wirklicher Referenzwert.

Beeindruckende Erfolgsbilanz

13 Gold-, drei Silber- und sieben Bronzemedaillen im Springreiten, 19 Mal Gold, elfmal Silber, neunmal Bronze in der Dressur und dann noch der Lauf im Vielseitigkeitsreiten: 2008 und 2012 gingen die Olympiasiege an Deutschland, sowohl im Einzel als auch im Team. Bei den Spielen in Rio de Janeiro soll es nach dem Willen der Beteiligten so weitergehen. Der Deutsche Olympische Sportbund gab eine Zielvorgabe von drei bis fünf Medaillen aus.

Die ersten sollen die Vielseitigkeitsreiter holen, die nacheinander in den drei Teildisziplinen Dressur, Geländeritt und Springen antreten. Es war sogar davon die Rede, dass Doppel-Weltmeisterin Sandra Auffarth und Michael Jung, 2012 bereits Einzel- und Teamolympiasieger, den Sieg im Einzel unter sich ausmachen würden. Der 34-Jährige ist quasi im Sattel aufgewachsen: Schon bevor er laufen konnte, hatte ihn sein Vater Joachim mit aufs Pferd genommen. Er trainiert täglich, hat dafür ein Dutzend Pferde zur Verfügung.

Equipe-Chef Hans Melzer ließ seine beiden größten Hoffnungen am ersten Tag auflaufen, er wollte "zwei Knaller am Anfang". Doch so ganz funktionierte das nicht: Auffahrt unterliefen zwei Fehler, sie behielt aber ihre gute Laune, strahlte nach ihrem Auftritt in die Menge, tätschelte ihrem Pferd mit ihren weißen Handschuhen den Hals. Sie sei "sehr, sehr zufrieden" mit ihrem Auftritt. Zwar war ihr Pferd nach den Patzern ein wenig durcheinander, doch "dann waren wir wieder gut in der Spur". Ihren Spitzenplatz verlor sie später jedoch wieder.

Reihenweise Ausfälle der Olympia-Pferde

Auch Top-Favorit Jung leistete sich einen schweren, vermeidbaren Patzer: Sein Pferd Sam, mit dem er in London Doppelgold gewonnen hatte, geriet für kurze Zeit völlig aus dem Takt, blieb beinahe stehen: "Das war ein teurer Fehler, ein Missverständnis", sagte Jung später. Aber auch: "Es ist jetzt kein ganzes Desaster." Sein Vertrauen in Sam habe er nicht verloren: "Er hat sich eigentlich toll angefühlt."

Das Verhältnis zwischen Reiter und Pferd ist entscheidend für den Erfolg, das ist kein Geheimnis. "In erster Linie ist es immer wichtig, dass wir uns gegenseitig ein gutes Gefühl geben", hat Jung mal über seinen Wallach Sam gesagt. Kein Wunder also, dass im Vorfeld der Spiele vor allem die Verletzungsmisere um die deutschen Pferde im Vordergrund stand: Der Goldfavorit Escada von Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke, die am Sonntag an den Start gehen wird, wurde von einer Bänderverletzung gestoppt. Davor waren auch Bella Rose und ihr Ersatz Don Johnson von Dressurreiterin Isabell Werth ausgefallen. Klimke und Werth müssen in Rio auf andere Pferde ausweichen.

Auch Jung hatte eigentlich nicht mit Sam, sondern mit Takinou starten wollen. Das sei aber kein Problem, so Jung: "Es ist sicher ein besonderes Gefühl, mit demselben Pferd zum zweiten Mal bei Olympischen Spielen anzutreten." Ob nach dem holprigen Start nun doch noch alles gut wird? Im Team-Wettbewerb stehen die Chancen trotz der Fehler gut. Und auch den Einzel-Wettbewerb hat Jung noch nicht abgeschrieben, auch wenn es schwer wird: "Ich hoffe einfach, dass keine Patzer mehr dazukommen."