Olympisches Synchronschwimmen So schön gaga
Japans Yukiko Inui und Risako Mitsui
Foto: CHRISTOPHE SIMON/ AFPEs gibt ja Nölepeter, die Synchronschwimmen für klimbimmigen Pseudosport halten. Rein effekthascherische Plantscherei, exzentrisches Wassertreten, losgelöst vom normalen Leben. Das ist natürlich weit gefehlt, zumindest ein Detail aus diesem schmählich unterschätzten Sport kann man in den Alltag integrieren: Der zuständige kanadische Sportverband erließ einmal - als Reaktion auf die pandafleckengroßen Augenschminkwagnisse der Schwimmerinnen - die Regel, dass ihr Augen-Make-up höchstens denselben Durchmesser haben dürfe wie der Kreis, den die Trägerin mit Daumen und Zeigefinger bilden kann. Und das ist doch mal eine brauchbare Handreichung, wenn man sich vor dem Ausgang unsicher sein sollte, ob man die Guckerchen vielleicht zu heftig umkrakelt hat: Einfach kurz den Synchronschwimmkringel machen und überprüfen.
Das gestrige Finale im Duett-Synchronschwimmen zeigte Connaisseuren und Schmeckleckern darüber hinaus noch fünf andere tolle Gründe für die stille Größe dieses edlen Sports.
Inui und Mitsui: Putzige Posen
Foto: Erik S. Lesser/ dpaErstens: Der Einmarsch. Wenn sich die beiden Gleichklangsportlerinnen vor der Kür dem Becken nähern, machen sie das traditionell in einer speziellen Untenrum-Klemmhaltung, als müssten sie sehr, also wirklich sehr dringend aufs Klo, versuchten diese Notlage aber beim Gang quer durch den Klub zu den Örtlichkeiten durch fortgesetztes Grimassieren zu überspielen. Schon dieser Basic-Gang ist die reine Freude. Am Beckenrand präsentierten einige Athletinnen dann noch weitere Gimmicks: Die Synchronschwimmerinnen aus den USA zeigten Hintüber-Beuge-Verrenkungen, die man sonst nur vom Messerwerfen kennt. (Apropos: Könnte Messerwerfen nicht auch mal olympisch werden? Die Premiumdisziplin Trampolin kommt ja auch aus dem Zirkus.) Die Japanerinnen dagegen sahen bei ihrem Intro am Beckenrand aus, als machten putzige Tiere Bodybuilder-Posen.
Zweitens: Die wilde Interpretierbarkeit der Figuren. Mitunter haben die Vorführungen zwar dramatische Themen wie "Tod und Wiedergeburt" oder "Donnergott und Windgott kämpfen", trotzdem lässt sich aus der Kunstplantscherei nach Belieben eine eigene Geschichte herausdeuten. Der kanadische Finalbeitrag erzählte vielleicht doch die Geschichte eines Werkzeugkastens, der über Nacht lebendig wird: Die ausdauernden Schraubenfiguren wirkten wie wildgewordene Bohrmaschinendriller, Beine stießen plötzlich wie zwei riesige, schnappende Heckenscheren aus dem Wasser.
Kanadas Jacqueline Simoneau und Karine Thomas: Schnappende Heckenscheren
Foto: MARTIN BUREAU/ AFPDrittens: Das wohlbehütete Plemplem-Prinzip. Viel Platz zum Durchdrehen bietet Olympia nicht. Schon minimal abweichlerisches Verhalten der Sportler und Sportlerinnen wird von der zuschauenden Nation schließlich schon ähnlich schmallippig-spaßfeindlich geahndet, wie die Hausmutter bei "Hanni und Nanni" durchzugreifen pflegte, wenn sie die Internatsinsassinnen bei einer heimlichen Mitternachtsparty erwischte. Synchronschwimmen ist der letzte Ort, wo völlige Gaga-Ideen wie Badeanzüge mit glitzernden Skeletten darauf sowie komplett over-actete Totschießpantomimen möglich sind.
Viertens: Die stille Schönheit des Regelwerks. Viele Figuren, die im Wasser gezeigt werden, tragen offiziell geradezu poetische Namen, die leider im leicht lieblosen Kommentar des Live-Streams ("Zwei gehobene Arme sind besser als einer") zu kurz kamen: zum Beispiel der Schneebesen (kreisende, stabilisierende Beinbewegungen), der Flamingo, das Segelboot, der Eiffel Tower Twirl. Kann man da nicht mal echte Fachleute ans Mikro setzen? Wenn ein Doppelballettbein-Tauchboot gezeigt wird, möchte man doch bitte darauf hingewiesen werden.
Fünftens: In diesem Sport werden noch echte Dramen geschrieben. Das Tollste in diesem Jahr stammte von den österreichischen Alexandri-Schwestern, die als Zwillinge antraten, in Wahrheit aber Drillinge sind: Die dritte, ebenfalls synchronschwimmende Schwester, war bei der Duettdisziplin nur leider logischerweise überschüssig und musste zu Hause bleiben. Weckt das nicht finstere Gefühle und so weiter? Das ist der Stoff, aus dem die großen TV-Romane geschrieben sind. Mit Veronica Ferres, Christine Neubauer und Andrea Sawatzki als eineiige Drillinge.
Fürs Protokoll: Am Ende siegen Natalia Ishchenko und Svetlana Romashina aus Russland vor den Chinesinnen Xuenchen Huang und Wenyan Sun sowie Yukiko Inui und Risako Mitsui aus Japan. Zu diesem Zeitpunkt ist der Zuschauer aber längst damit beschäftigt, zu googeln, ob die Schwimmerinnen wirklich ganz normale Gelatine nehmen, die sie dann kurz aufkochen, um sich damit die Haare wasser- und bombenfest an den Kopf zu kleben. Und ob die Duschzeit dann wirklich 45 Minuten beträgt, um die Schlacke wieder vollständig vom Kopf zu spülen. Das wäre noch so ein Detail, das man sich für künftige verbesserte Frisurenstabilität vom Synchronschwimmen mitnehmen kann. Bald beginnt schließlich der stürmische Windstoß-Herbst.