Olympia 2016: Zahlreiche Medaillengewinner waren wegen Doping gesperrt - DER SPIEGEL
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Doping und Olympia Wer einmal lügt

Trotz des groß angekündigten Anti-Doping-Kampfes: In Rio sind zahlreiche überführte Athleten am Start - und gewinnen Medaillen. Das vergiftet die Stimmung unter den Sportlern.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Mann heißt Caruso. Aber es sind vor allem Misstöne, die dem Bundestrainer der deutschen Gewichtheber bei den Olympischen Spielen von Rio auffallen. "Das System ist krank. Das ganze System ist korrupt", sagt Oliver Caruso, wenn er auf das olympische Teilnehmerfeld seiner Sportart blickt.

Die russischen und bulgarischen Gewichtheber waren bereits vor den Spielen ausgeschlossen worden, aber was heißt das, wenn an diesem Mittwoch Nijat Rachimow vorn auf der Bühne seinen Siegestanz aufführt? Rachimow hat die Goldmedaille in der Gewichtsklasse bis 77 Kilogramm gewonnen, und eigentlich dürfte er gar nicht hier sein.

Auch den kasachischen Gewichthebern war die Teilnahme an den Spielen eigentlich verweigert worden. Weil aber das Verfahren sportjuristisch nicht rechtzeitig vor den Spielen abgeschlossen wurde, dürfen sie dennoch teilnehmen. Rachimows Gold war die vierte Gewichtheber-Medaille für Kasachstan dieser Spiele. So viele Medaillen hat das gesamte deutsche Olympiateam bisher errungen.

Nijat Rachimow

Nijat Rachimow

Foto: Larry W Smith/ dpa

Dopingsünderin strampelt zur Silbermedaille

"Das IOC hätte sagen müssen: Kasachstan - 27 Dopingfälle seit 2012? Raus mit euch", ereifert sich Caruso in der "Bild"-Zeitung, "stattdessen dürfen die munter starten". So wie die thailändische Olympiasiegerin Sukaya Srisurat, die den Wettbewerb von Rio bis 58 Kilogramm für sich entschied - und die 2011 für zwei Jahre wegen Dopings aus dem Verkehr gezogen wurde.

Gewichtheben ist das vielleicht krasseste Beispiel dafür, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit des Anti-Doping-Kampfes noch auseinanderklaffen. Aber beileibe nicht das einzige. Die Russin Olga Zabelinskaja strampelte sich im Einzelzeitfahren der Frauen zu Silber. 2014 wurde sie der Einnahme des verbotenen Mittels Octapamin überführt, ihre 16-monatige Sperre lief kurz vor den Spielen ab.

Olga Zabelinskaja

Olga Zabelinskaja

Foto: PAUL HANNA/ REUTERS

Zabelinskaja gehört zu den Athletinnen, die sich vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas erfolgreich gegen den Beschluss des IOC gewehrt haben, russische Sportler, die sich einmal erwischt worden waren, von den Spielen fernzuhalten. Jetzt kehrt sie mit Edelmetall heim.

Es gilt: Wer seine Sperre verbüßt hat, hat logischerweise jedes Anrecht, seinen Sport wieder auszuüben. Aber die Unschuldsvermutung aufzubringen fällt der Konkurrenz bei Dopingsündern zunehmend schwer. Russlands Vorzeigeschwimmerin Julia Jefimowa ist da nur das prominenteste und in Rio meistdiskutierte Beispiel.

Jefimowa ist so eine Art Sündenbock

Die Brustschwimmerin, die mithilfe des Internationalen Sportgerichtshofs Cas in Rio starten durfte, ist zweimal aufgeflogen, zuletzt wegen Meldonium. Auch sie errang in Rio Silber - wenn auch angefeindet vom Publikum, Medien und ihren sportlichen Rivalinnen. Wobei man bei der Berichterstattung über sie allerdings auch das Gefühl bekam, alles Böse dieser Sport- und Dopingwelt werde jetzt über ihrem Haupt ausgestreut, um bei anderen nicht zweifeln zu müssen.

Ihr chinesischer Schwimmstarkollege Sun Yang gewann gar Gold über 200 Meter Freistil - Sun Yan, der 2014 bei den chinesischen Meisterschaften des Dopings überführt, aber überraschenderweise nur für drei Monate gesperrt worden war. Auch er schwimmt unter Verdacht. "Der pinkelt lila", hat sein französischer Konkurrent Camille Lacourt polemisiert. Wenn er das Podest über 200 Meter Freistil sich anschaue, "will ich mich übergeben". Australiens Olympiasieger Mark Horton nennt Sun Yang unumwunden "einen Dopingbetrüger".

Sun Yan

Sun Yan

Foto: David J. Phillip/ AP

Ungarns Superstar Kristina Hosszu, bisher mit drei Goldmedaillen von Rio dekoriert, US-Topschwimmerin Katie Ledecky - sie alle werden aufgrund ihrer überragenden Leistungssteigerungen in Rio kritisch beäugt. "Manche Dinge kann man erklären, andere bleiben erst mal unerklärlich", formuliert DSV-Bundestrainer Henning Lambertz vorsichtig, aber zwischen den Zeilen deutlich genug. Nachgewiesen ist Hosszu und Ledecky allerdings nichts.

Dennoch: Die Stimmung gerade unter den Schwimmern ist durch das Dopingthema angespannt wie nie. Die Sportler verdächtigen sich nicht nur gegenseitig, sie sprechen es auch erstmals offen aus. Jahrelang kursierte der Argwohn nur intern, nach außen herrschte die Omerta. Das ist vorbei.

Im Juni tauchten Dopingfahnder unangemeldet bei der Judokämpferin Majlinda Kelmendi aus dem Kosovo auf, die sich in Frankreich zur Olympiavorbereitung aufhielt. Kelmendi weigerte sich, eine Dopingprobe abzugeben, die französische Anti-Doping-Behörde sprach daraufhin eine vorläufige Sperre über die Athletin aus. Der Judo-Weltverband mit ihrem einflussreichen Boss Marius Vizer hat ihr trotzdem die Starterlaubnis für Olympia gegeben. In Rio gewann Kelmendi die Goldmedaille.

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