Tischtennis-Teamfinale Deutsches Silber - dank Han und Shan
Tischtennisspielerin Ying Han
Foto: Mike Ehrmann/ Getty ImagesPlötzlich lag die Deutsche Ying Han 8:5 in Führung. Sollte es vielleicht doch eine Sensation in der Tischtennishalle geben? Sollte die deutsche Mannschaft vielleicht doch die Übermacht aus China besiegen können? Viereinhalb Minuten stellte sich diese Frage. Dann hatte die Chinesin Xiaoxia Li den ersten Satz des Eröffnungseinzels 11:9 gewonnen, und fortan nahm das Endspiel im Teamwettbewerb der Frauen den vorgegebenen Verlauf.
Es stellte sich vor dem Finale nicht die Frage, wer die Goldmedaille gewinnen würde. Es ging im Grunde nur darum, ob die Deutschen bei der zu erwartenden 0:3-Niederlage in der Lage sein würden, einen Satz in einem der drei Duelle für sich zu entscheiden. Ja, waren sie - was in der spärlich besetzten Halle für den einzigen Jubelsturm des Abends sorgte.
Das Doppel Xiano Shan und Petrissa Solja gewann einen Durchgang, ehe die Chinesinnen ihre Goldmedaille fast bürokratisch entgegennahmen. Es dürfte bei den Olympischen Spielen keine Entscheidung gegeben haben, die mit weniger Spannung versehen war.
Bundestrainerin spürte "die Wehmut"
"Ich habe bei meinen Spielerinnen die Wehmut bemerkt, weil sie auch dann keinen Punkt gemacht haben, wenn sie einen guten Ballwechsel gespielt hatten", formulierte Bundestrainerin Jie Schöpp nach dem einseitigen Finale. Ihr "richtiges" Endspiel hatten die Deutschen zwei Tage zuvor gewonnen, als sie Japan im Halbfinale in einer dramatischen Partie 3:2 bezwangen und damit für den größten Erfolg in der Geschichte ihres Sports in Deutschland sorgten. Mehr ist im Tischtennis nicht möglich, sofern man keine Chinesin ist.
Das entscheidende Doppel zugunsten Chinas
Foto: Jeon Heon-Kyun/ dpaDie führende Tischtennis-Nation war auch an der Silbermedaille für Deutschland beteiligt. Während des Finales war auf den ersten Blick nicht ersichtlich, auf welcher Seite der Teambänke die deutsche und wo die chinesische Mannschaft platziert war. Mit Ausnahme der 22-jährigen Solja waren nur Spielerinnen an der Platte, die in China aufgewachsen sind.
Nur bei Olympischen Spielen startberechtigt
Han und Shan kamen vor mehr als zehn Jahren nach Deutschland, um dort mit ihrem Sport Geld zu verdienen. Inzwischen besitzen sie einen deutschen Pass und können deshalb bei Olympischen Spielen für Deutschland starten. Grotesk ist, dass Han und Shan bei Weltmeisterschaften nicht für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) spielen dürfen.
Hintergrund ist, dass der Weltverband (ITTF) andere Regularien aufgestellt hat als das Internationale Olympische Komitee (IOC). Ende der Neunzigerjahre untersagte der ITTF Spielern mit chinesischen Wurzeln die Spielberechtigung für andere Nationen. So sollte die Schwemme von kurzfristigen Einbürgerungen von China-Importen in der Tischtennis-Welt Einhalt geboten werden. Weil das IOC seine Zulassungsbestimmungen nicht verschärfte und eingebürgerte Sportler weiterhin nach einer Wartezeit von drei Jahren startberechtigt sind, besteht seither dieser ungewöhnliche Widerspruch.
Der ist Thomas Weikert, seit knapp zwei Jahren ITTF-Präsident, ein Dorn im Auge. "Ob die Regel heute noch zeitgemäß ist, wage ich auch als Präsident des Verbands zu bezweifeln", sagte Weikert SPIEGEL ONLINE. Intern sei schon diskutiert worden, die Regelungen zwischen IOC, ITTF und den Kontinentalverbänden anzugleichen. Doch eine Mehrheit für die Auffassung des deutschen Präsidenten des Weltverbands gab es bislang nicht. Eine einheitliche Regelung ist laut Weikert "auch für die Außendarstellung des Tischtennis" wichtig.
Bei den Sportlern herrscht Unverständnis über das Hin und Her. "Vielleicht sollte man sich generell an olympischen Regeln orientieren", sagte Solja, als die Silbermedaille bereits um ihrem Hals hing. Bei den Weltmeisterschaften im vergangenen Jahr waren die Deutschen - ohne Han und Shan - im Viertelfinale ausgeschieden. Solja war klar, dass der Erfolg in Rio nach den Regularien des Weltverbands nicht möglich gewesen wäre.