Olympia-Enttäuschung in Madrid: Der zerplatzte Traum - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Olympia-Enttäuschung in Madrid Der zerplatzte Traum

Die Stadt hatte sich einige Hoffnungen gemacht, doch wie in Paris, Moskau und New York hieß es auch in Madrid am Ende: Aus der Traum von den Olympischen Spielen 2012. Die Madrilenen fühlen sich um den nahen Sieg betrogen - dabei haben die Spanier durch ihre Bewerbung auch gewonnen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die drei großen Madrider Tageszeitungen erschienen heute morgen mit dem gleichen Aufmacherfoto: Der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero eingerahmt vom Madrider Bürgermeister Alberto Ruiz-Gallardón und von der Präsidentin der Autonomen Region Madrid, Esperanza Aguirre. Die Repräsentanten der Madrider Olympiakandidatur in Singapur strahlen voll Optimismus und zeigen mit den Daumen nach oben.

"Die Stunde von Madrid" titelte "ABC" und zeigte die Digitalanzeige 13:30, der Moment, an dem der Sieger verkündet werden sollte. Doch die entscheidende Stunde für Madrid hatte schon um 12 Uhr 35 geschlagen, als die Mitglieder des Olympischen Komitees in der dritten Abstimmungsrunde den Daumen senkten für die spanische Hauptstadt. Ein Traum, an dessen Verwirklichung Funktionäre und Freiwillige seit mehr als zehn Jahren gearbeitet hatten, war zerplatzt.

Auf der Plaza Mayor im Herzen der Metropole hatten sich vor einer Videowand Tausende Bürger versammelt. Die meisten trugen die roten Shirts mit der aufgedruckten weißen Flamme, Symbol der Olympiakandidatur, rote "pulseras", Gummiringe ums Handgelenk oder einen der Sonnenhüte mit weißrotem Band, um sich gegen die 33 Grad Hitze bei wolkenlosen Himmel zu schützen. Die ausgelassen Tänzen und Gesänge brachen schlagartig ab. Aus den Kehlen drang ein kollektives "Ohhh" der Enttäuschung. Vielen kamen gar die Tränen. Denn laut Umfragen hatten nicht weniger als 91 Prozent der Madrilenen die Spiele unbedingt ausrichten wollen.

Fotostrecke

Olympia-Vergabe: Londoner Triumph, Pariser Tränen

Foto: REUTERS

"Es ist nicht fair", kommentierte Juan, ein Sportstudent. Er hatte gehofft, mit seinen Freunden in der Heimatstadt Weltrangathleten bewundern zu können. Was hat London, was hat Paris, das wir nicht bieten können, fragen die jungen Olympiafans. "Nichts", sagt Juan bitter, "das ist alles Politik."

Denn überrascht waren die Verlierer schon, dass London mit seinem rein virtuellen Projekt der Versprechungen überzeugen konnte. Dagegen war der Madrider Bürgermeister so stolz darauf gewesen, dass 83 Prozent der nötigen Bauvorhaben, Stadien und Zugangswege heute schon fertig zur Verfügung stehen. Deshalb betont Ruiz-Gallardón, seine Stadt habe viel gewonnen, seit sie mit den attraktivsten Metropolen der Welt in die Endrunde kam. Sie brauche daher die Spiele nicht dringend. Denn um neben Paris, London und New York bestehen zu können, musste sich Madrid bereits verändern.

"Wir werden weiterkämpfen"

Die verantwortlichen Städteplaner sind überzeugt, dass die Bürger die Verwandlung in eine moderne, umweltfreundliche, mit Wasser und Energie sorgsam umgehende Metropole wünschen und auch einfordern werden, auch ohne Olympische Spiele. Dieses Madrid der Zukunft soll grüner sein und Auto-Verkehr nicht länger das Zentrum verstopfen. Die Abgasbelastung und der Höllenlärm von Kneipen und Discos und Nachtschwärmern, der vielen leidgeplagten Bewohnern der Innenstadt den Schlaf raubt, sollen gesenkt werden.

Die Verbesserungen sollen insgesamt 6,5 Milliarden Euro kosten. Nun plant man, den Zeitraum für die Investitionen bis 2016 zu strecken. Trotzdem, so kalkulieren die Rechner im Rathaus, entgehen der Stadt Zuschüsse in Höhe von zwei Milliarden Dollar aus der Olympiakasse, sowie sechs Milliarden Euro Gewinn. Jährlich eineinhalb Millionen Touristen mehr als bislang hatte man erwartet. Etwa 175.000 Arbeitsplätze sollten bis 2016 zusätzlich geschaffen werden.

Die Erweiterung des Peineta-Stadions, in dem am 10. August 2012 die Eröffnungszeremonie stattfinden sollte, lohnt nur noch dann, wenn ein Fußballclub einzieht. Die Pläne für den Gymnastikpavillon, das Radstadion und ein Zentrum für die Sportschützen, sowie für den Wildwasserkanal bleiben in der Schublade. Auch das Projekt für das olympische Dorf, das anschließend für Sozial- und Studentenwohnungen genutzt werden sollte, ist eingefroren.

Wenigstens vorerst. Denn Raúl, Kapitän des glorreichen Real Madrid und Mitglied der Delegation in Singapur, gab seinen Landsleuten neue Hoffnung: "Vamos a seguir peleando", "wir werden weiterkämpfen". Vielleicht ja schon um die Ausrichtung der Spiele 2016. Sein Teamkollege David Beckham allerdings ist heute der Bestgehasste bei den spanischen Fußballfans. Der coole Blonde mit den Engelstatoos hatte sich sogar noch in Asien so stark für London ins Zeug gelegt, dass seine Stadt gar den Favoriten Paris ausstach.