Olympia: Griechenlands amerikanischer Traum - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Olympia Griechenlands amerikanischer Traum

Griechenland hatte kein Baseball-Team, wohl aber einen Startplatz beim olympischen Turnier. Dank neu eingebürgerter US-Boys hoffen die Gastgeber der Sommerspiele 2004 jetzt sogar auf Gold.
Von Jörg Kramer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die elektronische Annonce konnte Sehnsüchte wecken. Wer die "einzigartige Gelegenheit nutzen" wolle, sich "den Traum" zu erfüllen, bei Olympischen Spielen teilzunehmen, hieß es im Internet, solle sich bei den Baltimore Orioles melden, zu Händen von Koordinator Greg Bader.

Die Zielgruppe dieser Anzeige auf der Website des Baseball-Clubs aus der amerikanischen Major League (MLB) war klar umrissen: talentierte High-School-, College- und Profispieler mit griechischen Wurzeln. Die Suchaktion in den USA, dem Land des Olympiasiegers von Sydney, hatte Erfolg. Griechenland verfügt plötzlich über einen wahrhaft schlagkräftigen Kader für die Spiele im August in Athen.

Dabei hätte vor kurzem der gewöhnliche hellenische Sportfan ein "Home plate" noch eher für ein Tellergericht als für ein Schlagmal gehalten und die Spielregel des "Free Walk" für eine Sondergenehmigung im Strafvollzug. Ausgangspunkt des Imports amerikanischen Sportkulturguts war im September 1997 der Zuschlag der Sommerspiele an Athen. Das Gastgeberland ist automatisch für das olympische Baseball-Turnier qualifiziert. Die Griechen hatten aber weder einen Verband noch einen Ligabetrieb für die Pitcher und Catcher. Es gab nur ein einziges Spielfeld auf einer früheren US-Airbase.

Geld, Spikes, Spieler

In seiner Not wandte sich Panagiotis Mitsiopoulos, Präsident der eilig gegründeten Baseball-Föderation, an den früheren US-Botschafter in Athen, Nicholas Burns. Der Diplomat, ein ausgewiesener Baseball-Fan, bat den Eigentümer des Teams aus Baltimore um Hilfe: Peter Angelos, ein vermögender Anwalt, der früher Panagiotis Angelopoulos hieß, schickte erst Geld, dann Schlagstöcke, Spikes und Handschuhe - und bald auch Spielermaterial.

Die Internet-Akquisition im Baseball-Mutterland - in den Staaten leben etwa zwei Millionen griechischstämmige Menschen - brachte auf einen Schlag 500 Bewerbungen. Die mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) vereinbarte Bedingung für eine Aufnahme ins Team der Ahnen: Wenigstens ein Großvater oder eine Großmutter muss in Griechenland geboren sein.

Oft reichte zum Aufspüren hellenischer Ursprünge ein Blick auf die Nachnamen in den Spielerlisten der Minor League, in der die MLB-Clubs ihre Farmteams unterhalten. Peter Soteropoulos, 22, ein von den St. Louis Cardinals verpflichteter Pitcher (Werfer), kam auf diese Weise mit vorläufigem Pass schon zum Einsatz bei der Europameisterschaft. Das Land seiner Vorfahren kannte er ebenso wenig wie die griechische Sprache. Auch der Baseball-Ruheständler Clint Zavaras, 37, wurde für tauglich befunden, obwohl er seit 1994 nicht mehr professionell spielte. "Wenn Sie wirklich mich brauchen", erwiderte er zögerlich auf die Anfrage der Griechen, "muss Ihr Team in schlechter Verfassung sein."

"Oberstes Ziel ist Gold"

Die größten Hindernisse bei der Einbürgerung wurden unbürokratisch ausgeräumt. Eine Ausnahmegenehmigung befreit die einreisenden US-Boys von der Pflicht zum Wehrdienst in Griechenland. Die politische Hilfe griff: Im letzten Sommer wurde das Retortenteam Vize-Europameister, Ende März gewann es das vorolympische Testturnier in Athen. Die Erwartungen sind nun hoch.

"Oberstes Ziel ist Gold", sagt sogar Teammanager Rob Derksen. Der Amerikaner, hauptberuflich Scout der Baltimore Orioles, sieht sich vor einer schwierigen Mission. Er soll dem Trupp abenteuerlustiger US-Routiniers ein paar in Attika entdeckte Baseball-Greenhorns beimischen. Die Verbandsfunktionäre wünschen sich wenigstens fünf kampffähige Einheimische im 24-Mann-Kader.

Die müssen erst noch geschult werden. Der US-Grieche Cory Harris, Mitglied des aktuellen Kaders, stöhnte schon: "Du hast es hier mit 30- bis 35-jährigen Männern zu tun, die das Leistungsniveau von zehnjährigen Amerikanern haben." Bei ihrem Traum von olympischem Lorbeer beim mit acht Nationen besetzten Turnier kann sich das Griechenland-Team der Unterstützung der amerikanischen Baseball-Missionare sicher sein. Nach dem sensationellen Ausscheiden des US-Teams in der Olympiaqualifikation "jubeln wir nun alle den Griechen zu", sagt Thomas J. Miller, Amerikas Botschafter in Athen. Und das Fernbleiben des Originals, findet Griechenlands Teammanager Derksen, zeige doch: "Dies ist nicht nur ein amerikanisches Spiel."