Olympia Hansdampf im Osten
Der Erste Bürgermeister der sächsischen Stadt Riesa tourte gerade auf Dienstreise durch die USA, da ereilte ihn, zwischen Terminen in Los Angeles und Las Vegas, eine kühne Vision. Wolfram Köhler, gerade noch im Begriff, mit dem Stepptanz-Weltverband Details für eine Veranstaltung in der heimischen Sachsenarena auszutüfteln, dachte plötzlich in größeren Dimensionen: Er wollte die Olympischen Spiele akquirieren.
Spontan und ohne Rücksprache mit den präsumtiven Partnern unterbreitete er also vergangenen Sommer mitreisenden Journalisten seinen Vorschlag: "Im gemeinsamen Handeln des Wirtschaftsdreiecks Dresden, Leipzig, Chemnitz würde die Stärke unserer Region liegen."
Der kühne Plan ist längst ein Selbstläufer
Acht Monate später wirkt der alerte Drahtzieher von seiner olympischen Idee immer noch schwer entflammt. Sein kühner Plan ist schließlich längst ein Selbstläufer: Die Staatsregierung signalisierte ihre Unterstützung, die Oberbürgermeister einigten sich auf Leipzig als offizielle Bewerberstadt einer Sachsen-Kandidatur. Und diesen Monat gab die Region eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, die 160.000 Mark kostet.
Walther Tröger, dem Chef des Nationalen Olympischen Komitees, dem bis November eine deutsche Bewerbung für die Sommerspiele 2012 vorliegen müsste, diktierte Köhler fernmündlich schon das Argument für Riesa und seine Partner: Der "infrastrukturelle Schub" wäre "für den Osten gewaltig".
Riesa - das Mekka der Meisterschaften
Olympia in Riesa, das wäre in den Denkmustern des quirligen Impresarios aus dem Rathaus nur ein logisches Etappenziel. Denn nirgends in Deutschland sind seit 1994, seit also Marketing-Autodidakt Köhler sein Bürgermeisteramt mit Verantwortung für Sport, Kultur und Wirtschaftsförderung antrat, so viele Meisterschaften ausgetragen worden von Sumoringen bis Stepptanz.
Postkarten annoncieren den abgewickelten Stahlstandort, wo nach der Wende 50 Schornsteine gesprengt werden mussten, mittlerweile als "Sportstadt". Mit den Events, glaubt Wolfram Köhler, 33, habe das frühere Industriezentrum, die ehemalige "schwarze Stadt" Sachsens, wieder eine "Existenzberechtigung" erlangt.
Und in der Tat vergeht kaum ein Monat, in dem Riesa nicht in den Sportmeldungen auftaucht: Im Frühjahr werden die Deutschen und die Mannschafts-Europameisterschaften der rhythmischen Sportgymnastik, ein Spiel der Volleyball-Weltliga und im Herbst der Handball-Supercup in der 40.000-Einwohner-Stadt am Elbufer ihre Aufwartung machen. Zweimal schon vergab der Deutsche Fußball-Bund eines seiner Hallenturniere nach Riesa. Nur der geplante Einkauf einer Tennis-Daviscupbegegnung ist bislang nicht geglückt, und noch "hatten wir kein Formel-1-Rennen", wie im Rathaus gescherzt wird.
Stattdessen nun Olympia? Das Größte ist Köhler gerade gut genug. "Wenn wir etwas machen, machen wir nichts Provinzielles", sagte der CDU-Mann bereits anlässlich einer Präsentation in der Disziplin Kunst. Als Riesa nämlich ein Denkmal wollte, engagierte der Erste Bürgermeister den Düsseldorfer Professor Jörg Immendorff, der für seinen rostfarbenen Baum auf 17 Tiefladern stolze 235 Tonnen Eisen herankarren ließ. Jetzt hat Riesa das größte gusseiserne Kunstwerk Europas und mithin wieder einen Superlativ mehr.
Großzügig dimensioniert, üppig geplant
Auch die neue Sachsenarena ist mit bis zu 14.000 Plätzen eher großzügig dimensioniert. Um sie einigermaßen auszulasten, bringt Köhler auch Leibesertüchtigungen in die Stadt, die andernorts kaum eine Heimstatt finden. Sie sollen ein Vehikel der Wirtschaftsförderung sein, doch wie viele Investoren etwa wegen einer Formationstanz-Weltmeisterschaft gekommen sind, weiß niemand zu sagen. Riesas Renommee blieb außerhalb Sachsens bislang überschaubar. Die Stadt hat, auch wenn voriges Jahr 150.000 Besucher zu Sportveranstaltungen kamen, eine Arbeitslosenquote von weiterhin über 19 Prozent.
Den größten Image-Gewinn scheint Stratege Köhler zu machen: Für die Wahl zum Oberbürgermeister Anfang Mai gilt er als hoher Favorit. Der frühere Liedermacher aus Templin, 1987 aus der DDR ausgebürgert, kam im Sommer 1990 als Dezernent für Kultur, Schulen und Sport nach Riesa. 1994 zum Ersten Bürgermeister ernannt, konzentrierte er sich mit seinem Marketing-Konzept zunächst auf das Ressort Kleinkunst. Die Erkenntnis, dass die Bevölkerung für einen weiteren Kulturstandort zwischen Leipzig und Dresden nur schwer zu elektrisieren sein würde, erreichte den Vermarkter mit Verspätung.
Sport zur Belebung der Stadt
Dann entdeckte er den Sport. Als "Nische, mit der man die Stadt beleben kann" (Köhler). Mit Ladenhütern wie der Weltelite der Akrobatik-Junioren, die Menschen übereinander türmen wie gelangweilte Wirtshausgäste Bierdeckel, fing die skurrile Event-Schwemme an. Bald kamen die Akrobatik-Senioren, und die sächsische Kleinstadt setzte sich gegen Konkurrenten wie Lissabon, Minsk und Honolulu durch.
In Riesa, auf dem Veranstaltungssektor zu DDR-Zeiten allenfalls bei der Rassegeflügelschau oder dem Kreissportfest der Werktätigen in Erscheinung getreten, wollte Köhler mit Bob-Anschub-Wettbewerben und Motocross-Festivals "europaweit Maßstäbe setzen". Man brauchte nämlich ein Image "weg vom Geruch der einstigen Stahlküche der DDR". Rund 10.000 Arbeitsplätze hatte die Liquidation des Stahl- und Walzwerks gekostet. 270 Jobs konnte Köhler im Event-Bereich besorgen.
Dabei half dem früheren Radiomoderator, Sohn eines Pfarrers, stets ein gut sortiertes Beziehungsnetz. Seit 1996 dient der rastlose Ost-Hansdampf im Nebenberuf Deutschlands populärstem Schwergewichtler als Manager: Axel Schulz hat seine aktive Laufbahn zwar vor eineinhalb Jahren aufgegeben, aber nun ist der Box-Pensionär oft als Kommentator und Schauspieler auf Sendung. 60 Prozent der Sportveranstaltungen, die Köhler für Riesa einfing, so schätzt der Bürgermeister, hätte er "ohne Axel nie bekommen".
So schrieb Schulz, "mein Freund und irgendwo auch mein Kind" (Köhler), ein Kochbuch für jenen Riesaer Nudelfabrikanten, der die Sumo-Weltmeisterschaft in Riesa sponserte die erste außerhalb Japans, wenn auch nur für Amateure. Bei einem PR-Termin mit Schulz in den USA konnte Köhler die Box-Legende Muhammad Ali überreden, sich eine Jacke mit Riesa-Aufdruck anzuziehen.
Provinzstadt soll mit Sportstars geschmückt werden
Um die Provinzstadt mit Sportstars zu schmücken, kommt Köhler auf immer neue Kniffe: Den Gewichtheber Marc Huster vom AC Chemnitz, Silbermedaillengewinner von Atlanta, verführte er mit einer Aufgabe als Repräsentant der Riesaer Städtereklame zum Ortswechsel. Bob-Olympiasieger Harald Czudaj stattete er mit einem Werbevertrag aus: "Investieren in Riesa" prangte jahrelang auf dem Sportgefährt mit dem Sponsorengeld kaufte sich der Athlet ein Grundstück und baute gemeinsam mit Trainer Gerd Leopold für sechs Millionen Mark einen Fitness-Tempel, Riesas "Olympiazentrum".
Kritiker fürchten, Riesa gerate als Refugium für Belastete in die Schlagzeilen statt als neue Metropole des Sports: Czudaj war IM, Trainer Leopold, der jetzt Frankreichs Bob-Elite betreut, war einst hauptamtlicher Stasi-Offizier. Die Schwimmer Jens Kruppa und Katrin Jäke werden im Riesaer Becken von Trainer Uwe Neumann unterwiesen, der unlängst einen Strafbefehl wegen Dopens von Minderjährigen akzeptierte.
"Schnell eine Tür öffnen"
Köhler stellt klar, weder Leopold noch Neumann hätten jemals Geld von der Stadt erhalten. Berührungsängste sind ihm fremd. Und überhaupt: Sport sei für ihn "Mittel zum Zweck" gewesen, sagt er, als sei der ganze Spuk mit den Events schon Vergangenheit. Er habe dadurch gelernt, "wie schnell ich mir eine Tür öffnen kann".
Für die Zeit nach der Oberbürgermeisterwahl stellt sich Köhler wieder eine eigene Radiosendung vor. Und nach der Legislaturperiode, sagt er und lässt das kleine silberne Handy klingeln, gehe er "als Gewinner aus der Sache raus dann kann ich hin, wo ich will".
IOC-Vorsitz in Lausanne?
Schon morgen könne er in Riesa "die Teigwarenfabrik übernehmen", aber womöglich denkt Köhler auch an den IOC-Vorsitz in Lausanne. In der olympischen Bewegung hat er sich ja offenkundig schon einen Namen gemacht. Leipzigs zuständiger Sport-Beigeordneter Burkhard Jung nennt Köhler schon einen "Teil unserer Software". So was hört der Wirbelwind gern: Vor fünf Jahren, schätzt der Spiritus Rector der Olympia-Initiative, sei es "noch undenkbar gewesen, dass diese Städte auf eine Idee einsteigen, die aus Riesa kommt".
So unbescheiden hat Köhler schon mit 18 geklungen, als er noch in Erfurt seine Chansons vortrug. Da sang er den Refrain: "Seht mich an, bald bin ich Bundeskanzler und Staatsratsvorsitzender in einer Person. Ihr werdet mich vergöttern, doch niemals werd ich Gott sein wenn, dann nur sein Sohn."