Olympia vor Ort: Sprachlos in Peking - DER SPIEGEL
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Olympia vor Ort Sprachlos in Peking

Aller Anfang ist aufregend: SPIEGEL-ONLINE-Reporter Christian Gödecke ist im vernebelten Peking gelandet. Sein erster Eindruck ist positiv: Der Taxifahrer kann zwar kein Wort Englisch, bringt seinen Fahrgast aber dennoch sicher ins Hotel. Auch wenn die Fahrt an einen Autoscooter erinnert.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Nummer 150345* schweigt immer noch. Die Arme kleben im rechten Winkel am Lenkrad, der Kopf sitzt bewegungslos auf den massigen Schultern, die Augen blicken stur geradeaus in den Morgennebel von Peking. Manchmal löst Nummer 150345 seinen rechten Arm und bedient mechanisch den Schalthebel. Ganz langsam.

Taxi in Peking: Wenigstens die Klimaanlage funktioniert

Taxi in Peking: Wenigstens die Klimaanlage funktioniert

Foto: DPA

Ich würde jetzt gern was sagen. Ich könnte fragen, wie das Wetter in Peking ist, ob er sich auf die Olympischen Spiele freut, welches Baujahr sein Hyundai ist. Ich male mir aus, wie ich die unerträgliche Stille mit diesen paar belanglosen Sätzen klein schneide und danach in den Mülleimer werfe. Ich werde kurz sauer, weil doch angeblich jeder Taxifahrer Englisch lernen sollte vor den Spielen. Und jetzt das. Zwei Stumme aus unterschiedlichen Welten, zwischen uns zehn Zentimeter und jede Menge stille Vorwürfe. Ich hätte ja auch Chinesisch lernen können.

Nummer 150345 hustet blechern. Dann erstarrt er wieder.

Vor zwanzig Minuten stand sein Taxi an der Spitze dieser Schlange am Flughafen von Peking, er stieg aus, ich ging auf ihn zu. Ich sagte "Ni hao" und schaute freundlich und ein bisschen stolz, aber der kleine, untersetzte Mann nahm mir nur wortlos den Koffer aus der Hand und legte ihn in den Kofferraum. Ich gab ihm den Zettel, auf dem in chinesischen Schriftzeichen die Adresse des Hotels stand, er schaute kurz drauf und warf ihn dann auf den Rücksitz.

Danach sind wir sind die ganze Zeit auf der Autobahn geradeaus gefahren und Nummer 150345 hat seither kein Wort gesagt. Ich starre auf seine Taxilizenz, die auf dem Handschuhfach klebt. Chinesische Schriftzeichen, wahrscheinlich steht dort irgendwo sein Name. Aber ich kann nur die Nummer lesen. Ist er das überhaupt? Der Mann auf dem Passbild lächelt. Der Mann im Auto glotzt auf die Straße. Ich überlege kurz, ob ich schlafen soll. Dann stehen wir im Stau. Wenigstens funktioniert die Klimaanlage.

Der Verkehr schleicht durch die vierspurige Straße wie ein alter Mann am Stock, zwischendurch bleibt er stehen, um Luft zu holen. Es stinkt da draußen, wenn man kurz das Fenster öffnet. Aber ausgerechnet jetzt erwacht Nummer 150345 zum Leben. Er überholt rechts, hupt, schneidet einem Bus den Weg ab, gestikuliert. Ich fühle mich an Fahrten in Palermo erinnert, Autoscooter ohne Regeln, und mein Taxifahrer wird mir langsam sympathisch. Irgendwann dreht er sich auch noch zu mir um, redet ein paar Worte und haut mit der Faust in die geöffnete Handfläche. "Unfall", sage ich, "Accident" und nicke wissend.

Der Fahrer ist jetzt plötzlich auf der linken Spur. Teufelskerl.

Nochmal zwanzig Minuten später suchen wir das Hotel und finden es nicht, aber das ist nicht die Schuld von Nummer 150345. Er spricht Polizisten an und fragt sie nach dem Weg, er ruft bei der Rezeption an, redet mit Passanten. Dieser Mann reißt sich für mich den Allerwertesten auf - er will das hier ordentlich zu Ende bringen. Vielleicht ist dieser Taxifahrer ein Kauz, vielleicht redet er nicht gern, vielleicht hatte er auch einfach nur Angst vor diesem großen, weißen Mann. So wie ich skeptisch war bei diesem distanzierten Fremden. Aber als wir dann nach anderthalb Stunden auf die Einfahrt des Hotels fahren, tut es mir fast leid, dass es vorbei ist.

China mag chaotisch sein. Aber wenn es so ist wie Nummer 150345, dann sollte man diesem Land einfach eine Chance geben.

*Nummer von der Redaktion geändert