Olympiavorbreitung Der Quartiermacher
Für einen seriösen Reisehinweis des Bundesaußenministeriums fehlt seinen Informationen der sachliche Ton, doch der ist auch gar nicht gewollt. Tobias Schulte erzählt aus dem chinesischen Alltag vor allem Dinge, die für Handballer wissenswert sein können. Zum Beispiel: "Die Jungs werden angeglotzt wie die Außerirdischen, weil viele groß und blond sind."
Schulte ist groß, aber nicht blond. Und er trägt inzwischen meist einen Geschäftsanzug. Dass er mal Junioren-Nationalspieler war und auf Augenhöhe mit den Weltmeistern Torsten Jansen und Florian Kehrmann in seine sportliche Karriere startete, ist Vergangenheit. Doch kurz vor den Olympischen Spielen in Peking werden sich die Wege der drei wieder kreuzen. Schulte lebt mittlerweile in Zhuhai, unweit von Hongkong.
Der 32-Jährige leitet die Dependance des Unternehmens seines Vaters in der chinesischen Sonderwirtschaftszone. Und eben dort werden sich Bundestrainer Heiner Brand und seine Weltmeister-Spieler vom 1. bis zum 7. August auf Klima und China einstellen. Seinen Gästen verspricht Schulte fröhlich eine unsanfte Ankunft: "Wenn du aus dem Flughafen kommst, läufst du erstmal gegen eine Wand." 90 Prozent Luftfeuchtigkeit bei bis zu 40 Grad Zhuhai wird noch einen Tick härter als die Olympiastadt Peking.
Wenn er von den Herausforderungen in China erzählt, schaut Schulte vergnügt. Seit vier Jahren lebt er mit seiner Frau Tanja in der Perlenmeer-Stadt. Am vorolympischen Camp der deutschen Männer werkelt er seit Oktober 2007, als er Bundestrainer Brand während des Supercups erfolgreich die Reize und Möglichkeiten Zhuhais präsentierte. Bevor die Nationalmannschaft in das eher spartanische Olympische Dorf einzieht, wird in der Fünf-Sterne-Herberge Harbour View logiert; dank eines Schweizer Kochs werden die kulinarischen Abenteuer sehr kalkulierbar.
Weil Schulte die Geschichte des Projekts Gold 2007 bestens kennt, schafft er auch in Zhuhai eine vertraute Hotelatmosphäre mit großem Aufenthaltsraum für virtuelle Golfspiele, Musik- und Physiotherapie. Die womöglich aufschlussreichste Erfahrung könnte ein Testspiel gegen eine Pekinger Auswahl sein die Partie wird akustisch in Grenzbereiche führen. "Egal, wo du dich bewegst der chinesische Geräuschpegel", sagt Schulte, "ist ständig hoch, weil jeder laut spricht." 4000 Zuschauer fasst die lokale Arena. Ob mehr als 1000 kommen dürfen, muss Schulte allerdings noch mit den Oberen der Stadt klären. Auch zweieinhalb Flugstunden von Peking entfernt wächst vor den Spielen die Sorge um die Sicherheit.
Sollte der Testgegner in personelle Nöte geraten, könnte Schulte helfen. Er war mal ein formidabler Mittelmann, führte den Zweitligisten HSG Düsseldorf mit viel Spielverständnis, als er nur wenig älter als 20 war. "In der 1. Liga hätte ich wohl unterkommen können, aber ich hätte andere körperliche Voraussetzungen haben müssen. Das", sagt Schulte, "hätte nicht gepasst."
Weil es nicht zur absoluten Spitze gereicht hätte, trat der gebürtige Mendener bereits mit 26 ab und konzentrierte sich nach seinem BWL-Studium auf den Job. Ob er damit eine sportliche Chance verpasst hat? Er zuckt mit den Schultern und antwortet: "Da kannst du auch in eine Glaskugel gucken. Und es ist erstaunlich, wie schnell man im Beruf den Abstand zum Handball bekommt." Natürlich bleiben Freundschaften wie mit Frank von Behren bestehen, doch das alltägliche Geschehen der Szene rückt in den Hintergrund.
In der Nacht vom 1. auf den 2. Februar 2007 raste das Herz jedoch. Via Internetradio verfolgte Schulte das WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Frankreich, litt in einem Pekinger Hotel und entschied sich kurzfristig für einen Heimflug, um das letzte Kapitel des Wintermärchens mit eigenen Augen zu sehen. "Da hat es mich wieder gepackt", gesteht der Jung-Unternehmer. Der Kreis schließt sich, wenn "Topse" Schulte nun in Zhuhai für die alten Gefährten Jansen und Kehrmann sowie all die anderen Nationalspieler die Basis für das nächste Goldprojekt schafft.