Pariser Olympia-Desaster Beerdigung statt Siegesparty
Über dem riesigen Platz vor dem Pariser Rathaus lag gespannte Stille. Die Menge, die sich dort ab Mittag versammelt hatte, um an großen Bildschirmen die Entscheidung in Singapur mitzuverfolgen, hielt den Atem an - und ganz Frankreich mit ihr. Dann stieg ein banger Entsetzensschrei in den grauen Himmel über der französischen Hauptstadt auf: Das Unerhörte, das Unvorstellbare, das Unmögliche war geschehen. London, der verabscheute und gefürchtete Rivale, das perfide Albion hatte Paris, das sich für die prächtigste Metropole der Welt hält, geschlagen.
In Minutenschnelle zerstreuten sich die Zuschauer. Das erwartete Hupkonzert auf den Champs-Elysées fiel aus. Statt der Siegesparty gab es nur noch eine Beerdigung erster Klasse, was der Tag des Ruhms hätte werden sollen, wurde der Tag der Trauer. In die Enttäuschung mischte sich das Gefühl einer tiefen Ungerechtigkeit. Alles hatte so perfekt ausgesehen: das Dossier der Kandidatur mit den technischen Einzelheiten, die Vorbereitung, die Mobilisierung der Nation, die letzte Präsentation am Morgen in Singapur, die von den IOC-Mitgliedern mit Beifall belohnt wurde.
Und alle, alle waren sie überzeugt gewesen, dass sie die Besten seien, dass sie einfach ein moralisches Recht auf die Olympischen Spiele hätten. Nun fühlte man sich düpiert und hintergangen. War das wirklich alles mit rechten Dingen zugegangen?
Olympia-Vergabe: Londoner Triumph, Pariser Tränen
Zum dritten Mal ist Paris gescheitert, nach vergeblichen Bewerbungen 1986 und 2001. Schlimmer noch: So bald wird sich eine weitere Chance nicht ergeben, denn nach London 2012 werden die Spiele Europa mit ziemlicher Sicherheit erst mal wieder verlassen. Bis zur nächsten Gelegenheit wird womöglich ein Jahrhundert verstrichen sein, denn zum letzten Mal richtete Paris die Olympiade 1924 aus. Aber da lebte noch der selige Pierre de Coubertin, der Wiedererwecker der olympischen Idee.
Die Nation zweifelt an sich
Präsident Jacques Chirac erfuhr die schlimme Botschaft im Flugzeug, das ihn von Singapur nach Edinbourgh zum G8-Gipfel brachte. Am Morgen hatte er noch selbst die Kandidatur von Paris vor dem IOC unterstützt: "Wir wollen die olympische Flamme bei uns aufnehmen." Das Scheitern muss er wie einen K.o.-Schlag empfunden haben. Denn die Abfuhr ist der fatale Schlusspunkt in einer schwarzen Serie, die den Staatschef seit Monaten verfolgt.
Erst das französische Nein im Europa-Referendum, dann der fehlgeschlagene EU-Gipfel in Brüssel, und nun die olympische Demütigung: Chirac, der sein Leben lang ein Glückskind der Politik war, ist derzeit vom Pech verfolgt. Mit ihm versinkt ganz Frankreich in eine kollektive Depression. Die Nation zweifelt an sich selbst und an ihrem Ansehen in der Welt.
Anders als bei den Spielen gibt es diesmal kein Silber und kein Bronze. Die Goldmedaille trägt Tony Blair, Chiracs Quälgeist, der den geknickten französischen Präsidenten heute Abend zum Auftakt des G 8-Gipfels als strahlender Gastgeber begrüßen kann. Voller Sportsgeist natürlich, aber in der Politik wird kein Pardon gegeben - wehe den Besiegten.