Peking 2008: Warum Chinesen jubeln - oder auch nicht - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Peking 2008 Warum Chinesen jubeln - oder auch nicht

Rekordjagden, Medaillenfieber, Sportler und Fans im Glück: Die Olympischen Spiele in China waren eine perfekte Inszenierung - beinahe. Das Deutsche Haus sorgte für Unmut, der Basketball-Bundestrainer hielt eine Uno-Rede und VW erteilte Jubelunterricht. Eine persönliche Bilanz.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zwei Silben. Jia you! Der Songtext des chinesischen Jubels.

Tausende riefen ihn in der Basketballhalle, als Yao Ming gegen Dirk Nowitzki punktete. Oder beim Tischtennis, als Ma Lin gegen Timo Boll gewann. Oder beim Hockey, als die chinesischen Frauen den Titelverteidiger aus Deutschland im Halbfinale besiegten.

Jia you! "Los geht's". Zwei Silben, die oft genug zum Alptraum der Deutschen wurden. Aber die Chinesen riefen sie auch, als ihre drei Turnerinnen beim Sprung abstürzten. Weil die Fans sich auch ein bisschen selbst damit feierten. Leise war es nie in den Stadien. Glaubte wirklich irgendjemand vorher, die Chinesen könnten nicht jubeln?

Ja, schon.

Auf dem Olympic Green, der Fanmeile dieser Spiele, präsentierten sich aufgereiht die Sponsoren. Sie hatten kleine Zelte gebaut und große Gebäude, vor denen sich lange Schlangen bildeten. Man wusste meist nicht, was man bekam, bevor man reinging. Bei McDonald's gab es dann Fastfood, bei Coca Cola Disco-Musik und Cola.

Bei Volkswagen gab es Unterricht im Jubeln.

Alle zwei Stunden saßen Menschen auf Treppen, sie schauten auf die Autos hinter Glas, einen alten Auto Union von 1938 oder auf den neuen Passat. Und alle zwei Stunden bewegten sich Videowände über dem Glas. Auf den Videowänden klatschten Hände und eine Stimme forderte die Zuschauer zum Klatschen auf. "Machen Sie mit beim offiziellen Peking-Jubel. Klatsch, jia you, klatsch, klatsch." Manchmal klatschten die Leute. Danach tauchte die Welle auf der Videowand auf. La Ola, entstanden bei der WM 1986 in Mexiko. "Und jetzt: die mexikanische Welle", blinkte es und Menschen auf der Leinwand standen auf und hoben die Arme. Bei Volkswagen blieben alle sitzen.

Als China im Tischtennis-Teamfinale auf Deutschland traf, schwappte die Welle auf einmal durch die Halle. Einfach so.

Dick Bommer hält eine Dankesrede

Richard Prause hat es getan, der Tischtennis-Bundestrainer. Michael Vesper hat es getan, der Chef der deutschen Olympiamission. Viele deutsche Athleten haben es auch getan: Sie dankten den Tausenden freiwilligen Olympia-Helfern, den Volunteers. Einige in einem Nebensatz, andere ausführlich und blumig. Aber niemand hat es so getan wie der Mann, den sie Dick Bommer nannten. Dramatisch. Emotional.

Und so überraschend.

"Und nun darf ich den deutschen Coach, äh, Dick Bommer, um ein Statement bitten." So hatte alles angefangen. Der chinesische Übersetzer schaute auf seinen Zettel, die Journalisten aber schauten auf Dirk Bauermann, der mit viel Grimm im Blick auf seinem Stuhl saß und sich zum Ausscheiden der Basketball-Nationalmannschaft gegen China äußern sollte.

Es hat selten ein Basketballspiel auf diesem Niveau gegeben, das in der Schlussphase so deutlich durch Entscheidungen der Referees beeinflusst wurde. Merkwürdige Foul-Pfiffe, ausgebliebene Foul-Pfiffe - alles zugunsten der Chinesen. Bauermann wirkte in der Mixed Zone unmittelbar nach Ende der Partie wie ein Mann, der sich den Magen verdorben hatte. Er deutete dort seinen Unmut über die Schiedsrichter an. Und nun? Würde er sie hier in der Pressekonferenz in der Luft zerreißen? Womöglich sogar von Manipulation sprechen nach dem dramatischen Aus?

Niemand in diesem kühlen, hellen Raum tief im Bauch des Wukesong-Basketball-Komplexes hätte sich gewundert, wenn der Deutsche jetzt explodiert wäre. Aber Dick Bommer, dieser Drillsergeant unter den Trainern, dessen Halsschlagader schon mal auf die Größe einer Thüringer Rostbratwurst anschwellen kann, holte nur tief Luft - und dann sprach er sanft. "Erst mal, und das sage ich aus dem tiefsten Herzen, danke!"

Es wurde eine Rede, die so pathetisch war wie eine vor der Uno-Vollversammlung. Bauermann dankte allen Volunteers, "den Menschen in den blauen Hemden, die immer hilfsbereit waren, immer da, wenn wir sie brauchten. Ich danke den Menschen, die unsere Zimmer reinigen, ich danke denen, die die Busse gefahren haben." So ging das weiter, und man fragte sich, ob er jetzt auch noch jeden Volunteer beim Namen nennen würde. Und die Schiedsrichter? "Sie haben das Spiel gesehen, ich sollte mich dazu jetzt nicht äußern."

Es hatte nur die paar Meter gebraucht von der Mixed Zone zur Pressekonferenz, und der Olympische Gedanke hatte Dick Bommer wieder.

Ohrstöpsel und Schlafbrillen

Das Deutsche Haus hat mittlerweile eine lange Tradition bei Olympischen Spielen. Seit 1988 ist es alle zwei Jahre Treffpunkt von Athleten, Trainern, Betreuern, Offiziellen, Sponsoren, Medien, und in Peking war das Deutsche Haus im Kempinski Hotel Lufthansa Center zu Gast.

Basketballer Nowitzki im Deutschen Haus: Zufluchtsort für Genervte, Feiernde, Hungrige, Mächtige

Basketballer Nowitzki im Deutschen Haus: Zufluchtsort für Genervte, Feiernde, Hungrige, Mächtige

Der Andrang war groß, weshalb man sich registrieren musste mit zwei Fingerabdrücken und erst am Nachmittag erfuhr, ob man Zutritt bekam. Zutritt zu einem kleinen Stück Heimat in der Ferne, einem entspannten Zufluchtsort für Genervte, Feiernde, Hungrige, Mächtige. Und welche, die es mal waren.

So konnte man Rudolf Scharping beobachten, wie er an einem runden Tisch saß, vor sich einen Fernseher und ein Bier, allein. Scharping war mal Verteidigungsminister und SPD-Vorsitzender, seit einigen Jahren ist er Präsident der Radfahrer. Ein einsamer Präsident.

Aber auch der holländische Kronprinz Willem Alexander und Prinzessin Maxima schauten vorbei und saßen dann mit dem Fürsten von Monaco, dessen Freundin Charlene Wittstock und dem ehemaligen Hürdensprinter Frankie Fredericks zusammen. Sie tranken Wein und lachten, um sie herum schwarz gekleidete Sicherheitsmenschen. Der deutsche IOC-Vize Thomas Bach saß auch dabei. Es heißt, Kronprinz Willem will ins IOC.

Insgesamt war es oft laut im Deutschen Haus.

Und irgendwo in einigen Appartements des Kempinski Hotel Lufthansa regte sich deshalb der Widerstand. Die Gäste dort unten wurden zu ungeliebten, weil sie lange feierten und plötzlich die Ruhe weg war für die Gäste die dort oben vierstellige Beträge im Monat zahlen.

Also schrieben die oben einen Beschwerdebrief. Vielleicht wollten sie einfach auch nur einmal eingeladen werden, einmal mitfeiern, ohne die üblichen 200 Euro Eintritt für "normale" Gäste zu zahlen. Das Deutsche Haus hat einen Millionenetat und der wird durch Sponsoren nicht komplett gedeckt.

Es wäre ein Zeichen gewesen.

Die Antwort auf den Brief war ein Brief. Darin eine Entschuldigung für die Belästigung, eine Schlafbrille und ein paar Ohrstöpsel.

Frank Buschmann muss improvisieren

Als Frank Buschmann zum ersten Mal von den Olympischen Spielen berichtete, war er 27 Jahre alt, freier Mitarbeiter von Radio Hagen und hatte keine Akkreditierung. Ein Einzelkämpfer. Das Basketball-Dreamteam der USA spielte in Barcelona, Jordan, Magic, Bird. Und jeder, der sich für Basketball interessierte, wollte sie sehen. Buschmann, der Mann ohne Akkreditierung, improvisierte. Er ließ sich in die Trainingshalle schmuggeln und bekam am Ende ein Interview mit den US-Boys, das auf Radio Hagen lief.

Er hat dann beim DSF erst Basketball kommentiert, später Fußball. Er moderierte Gerhard Schröders Wahlkampftour 2002, Buschmann war bei "Arena" und sprach auch Coca-Cola-Spots. Seit 2007 ist er die Stimme von "Schlag den Raab", das ein bisschen Klamauk ist, aber auch ein geniales Konzept. "Schlag den Raab" hat manchmal sieben Millionen Zuschauer nach Mitternacht, 65 Prozent Marktanteil. Buschmann ist jetzt oberste deutsche TV-Liga, ein Profi.

Er hat schon alles erlebt, denkt man. Aber jetzt berichtet er wieder von den Olympischen Spielen. Und ein bisschen ist es wie damals bei Radio Hagen.

Vor den Olympischen Spielen hat das Deutsche Haus Buschmann als Moderator verpflichtet. Moderatoren gab es schon oft im Deutschen Haus, vor zwei Jahren stellte der ehemalige Zehnkämpfer Christian Schenk ungelenke Fragen. Schenk und Co. waren Fernsehamateure, einen Buschmann hatten sie noch nicht. Für die Unterhaltung im Deutschen Haus war es der Versuch, professioneller zu werden. Für Frank Buschmann eine Erfahrung.

"Kommt der Steiner noch", fragt Buschmann. Er steht in einer Traube aus Sportlern und Sponsoren. Eigentlich soll er mit dem Olympiasieger im Gewichtheben ein Interview führen, aber kurz nach Mitternacht ist immer noch nicht klar, ob Steiner kommt. Die kleine Bühne mit dem Stehtisch ist leer, ein paar hundert Menschen sitzen an weißen Tischen, das Publikum. Wo ist Steiner?

Die Ungewissheit ist der größte Feind des Moderators. 435 Sportler umfasste die deutsche Delegation, 435 potentielle Gäste. 435 Namen, Biografien, "die kann ich gar nicht alle kennen", sagt Buschmann. Eine Redaktion, die ihn auf die Athleten vorbereitet, hatte er nicht. Oft erfuhr er erst kurz vorher, wer da gleich an seinem Tisch stehen würde. Vielleicht haben sie ihn genau deshalb geholt. Improvisieren ist Moderatorenhandwerk.

Matthias Steiner kommt dann doch noch. Um ein Uhr marschiert der Gewichtheber auf die Bühne. Und es wird einer der besonderen Momente für Buschmann. Weil er Steiner ganz vorsichtig fragt, ob dieser noch mal über seine tote Frau sprechen will. Er will nicht. Weil Papa Steiner auf die Bühne kommt und mit brüchiger Stimme sagt, dass er einen tollen Sohn habe. Weil Steiners Teamkollegen vor der Bühne stehen und brüllen und feiern. Weil der Moderator manchmal einfach dasteht, lächelt und laufen lässt. Und als Frank Buschmann dann die Bühne verlässt, lächelt er immer noch.

Genau so hat er sich das vorgestellt.

Danke, Volunteers!

Chinesische Volunteers: Thank you for your cooperation

Chinesische Volunteers: Thank you for your cooperation

Es ist ein Problem, dass hier in China schon so viel über die Leistung der freiwilligen Helfer geschrieben wurde, oder besser: wie. Die "China Daily" hat ihnen einen sehr pathetischen Leitartikel gewidmet ("Lasst uns die Volunteers preisen"), das Organisationskomitee Bocog veröffentlichte regelmäßig Fotoserien und kleine Geschichten, darunter auch die der Guan Jian, die am 8.8.2008 heiratete aber ihre Hochzeitsnacht gegen eine 24-Stunden-Schicht tauschte.

Das alles könnte ja Propaganda sein.

Ich wollte diesen Text mit einer Zahl beginnen, 1,7 Millionen. So viele hatten sich als Volunteers beworben, aber die Zahl ist nicht nachzuprüfen. 100.000 wurden genommen, das steht fest. Ebenso wie die Tatsache, dass am Montag wieder die Schule beginnt. Und die wochenlange kostenlose harte Arbeit in den Ferien endet.

Ich werde die Volunteers jetzt auch loben. Und zugeben, dass es eigentlich nur einen Moment gab, in dem ich sie verflucht habe. Das war, als ich an einem Sicherheitscheck meine Kontaktlinsenflüssigkeit trinken sollte. "Try it", forderte die junge Frau, aber ich deutete verzweifelt auf meine Augen, "Contacts". Nach ein paar Minuten kam ein Kollege von ihr und winkte mich durch. Er trug eine Brille.

Ansonsten bleibt ein Gefühl von tiefer Dankbarkeit. Weil jeder Volunteer freundlich war, auch nach zwei Wochen noch. Weil jeder Englisch sprach, auch wenn es gelernte Phrasen waren ("Thank you for your cooperation"). Weil mir einer in einem Wolkenguss sein Regencape überließ.

Ein bisschen Scham bleibt auch. Weil die Männer und Frauen in den blauen Shirts in der Kantine des Pressezentrums in einer abgetrennten Reihe bei McDonald's anstehen mussten. Nur damit es für die Journalisten schneller ging.

Und weil ich mich womöglich gar nicht mehr an alle Gründe für meine Dankbarkeit erinnere.