Pferdesport "Ein Esel mit fettem Hintern"
Newark - Unter dem frenetischen Jubel der Zuschauer trottet das letzte Pferd mit weitem Abstand auf den Sieger über die Zielgerade, aus den Lautsprecherboxen dröhnt Bruce Springsteens Rock-Hymne "Born to Run". Das Szenario, das sich bis zum Sommer 1998 unzählige Male auf US-Rennbahnen wiederholte, könnte am Mittwoch erneut Realität werden, wenn der nach 86 Niederlagen in Serie zum "erfolglosesten Pferd der USA" gekürte Hengst Zippy Chippy in Cherry Hill/New Jersey sein Comeback gibt. Ein Einspruch der Veranstalter droht die geplante Rückkehr des zum Kult-Gaul avancierten Dauer-Losers allerdings noch zu verhindern, denn zum Wohl der Wetter soll der neun Jahre alte Hengst in letzter Minute gesperrt werden.
Ein Pferd, so schlecht, dass selbst der Jockey Reißaus nahm. "Ich war das Loser-Image leid", sagt Benny Afanador. Andere haben die Hoffnung auf bessere Zeiten noch nicht aufgegeben, zum Beispiel Felix Monserrate. Der Pferdenarr erhielt Zippy Chippy 1994 im Tausch gegen einen zehn Jahre alten Ford-Kleintransporter und hat den Deal trotz des dauerhaften Misserfolges nicht bereut: "Dieses Pferd hat trotz seiner Niederlagen Charakter. Die Leute merken, dass es sein Bestes gibt."
Dass der bisher sieglose Hengst, der nach Einschätzung der Tageszeitung "USA Today" aussieht wie "ein Esel mit fettem Hintern", in seiner gesamten Karriere nur 28.206 Dollar einlief, ist laut Monserrate verschmerzbar: "Er frisst wenig und ist auch mit Billigkost zufrieden. Die Einnahmen decken den Unterhalt."
Zippy Chippy, der mit 67 Längen Rückstand in der Kategorie "deutlichste Niederlagen der Renngeschichte" die Nüstern vorn hat, wurde in den USA zum Phänomen, als er vor knapp zwei Jahren den Rekord seiner vierbeinigen Kollegen "Gussie Mae" und "Really a Tenor" brach, die beide in ihrem 86. Rennen endlich den ersten Sieg einfuhren. Dennoch ist Zippy Chippys Ruhm ungebrochen. Rennbesucher deckten sich mit Zippy-Shirts und Kappen ein, an den Wettschaltern setzten die Fans quasi freiwillig ihre Dollars in den Sand.
Damit soll es jetzt ein Ende haben. "Wir müssen uns fragen, ob wir so ein Pferd im Teilnehmerfeld haben wollen. Im Sinne aller Beteiligten lautet die Antwort wohl nein", sagte Ed Vomacka vom Garden State Park, der für die Austragung der Rennen in New Jersey verantwortlich ist. Eine einstweilige Verfügung gegen den Start will er auch dann durchsetzen, wenn die gerade gegründete Initiative "Fans für Zippy Chippy" am Renntag ihre angedrohten Demonstrationen vor den Eingangstoren durchführt.
Ob zurück auf den Turf oder wohlverdienter Ruhestand im Stall - für Besitzer Felix Monserrate hat der ewige Verlierer Gewinnerqualitäten: "In meiner 25-jährigen Trainerlaufbahn habe ich versucht, mich niemals emotional an ein Pferd zu binden. Bei Zippy Chippy ist mir dies nicht gelungen. Ich liebe ihn, und schon das macht ihn zum Sieger."