Rad und Doping: Helden des Spritzensports - DER SPIEGEL
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Doping: Sportart unter Generalverdacht

Foto: CHRISTOPHE ENA/ AP

Rad und Doping Helden des Spritzensports

Mit Alberto Contador und Lance Armstrong stehen die beiden erfolgreichsten Radprofis der vergangenen Jahre unter schwerem Dopingverdacht - und die Öffentlichkeit nimmt es achselzuckend hin. Der Profiradsport hat sich sein Image mittlerweile so verdorben, dass sich keiner mehr aufregen kann.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Radsportfans bekamen dieser Tage einiges geboten. In den USA lief die hochkarätige Kalifornien-Rundfahrt, in Europa geht der Giro d'Italia in seine Abschlusswoche. Die Schlagzeilen, die die Sportart derzeit macht, werden aber wieder einmal von ganz anderen Themen bestimmt.

Alberto Contador, der Dominator der Szene, wird Anfang Juni vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas zitiert werden, wo über eine Sperre des dreifachen Tour-de-France-Siegers befunden wird. Und Lance Armstrong, quasi Contadors Vorgänger als die unumstrittene Nummer eins, muss sich massive Dopingbezichtigungen durch ehemalige Weggefährten gefallen lassen. Der Radsport zeigt seine zwei Gesichter.

Es sind die beiden bedeutendsten Radprofis der vergangenen 15 Jahre, die mehr denn je unter Verdacht stehen. Das ist so, als wären in der Formel 1 Michael Schumacher und Sebastian Vettel gleichermaßen von der Sperre bedroht, im Tennis Roger Federer und Rafael Nadal.

Die Reaktion der Öffentlichkeit ist Achselzucken.

Dass die größten Helden der Branche als Doping-Sünder gelten, ist mittlerweile kein Aufreger mehr, es wird als geradezu selbstverständlich hingenommen. Der Profiradsport hat über Jahre viel dafür getan, sein Image zu ruinieren. Er hat sein Ziel erreicht. Es gilt nicht mehr die Unschuldsvermutung, im Profiradsport gilt längst die Schuldvermutung.

Abwehrreaktionen aus der Radsportgemeinde

Die Abwehrreaktion aus dem harten Kern der Radsportgemeinde verläuft gemeinhin nach folgendem Muster: In anderen Sportarten werde ja auch gedopt, im Radsport werde lediglich genauer hingeschaut. Die mediale Begleitung verenge sich zudem viel zu sehr auf das Dopingthema, über das Sportliche werde dagegen kaum noch berichtet. Die Berichterstattung in Deutschland habe mittlerweile Züge einer Hexenjagd angenommen.

Tatsächlich ist der Radsport nicht alleine, wenn es um Doping geht. Leichtathletik, Skilanglauf, Biathlon, Schwimmen - auch hier sind zahlreiche Athleten mittlerweile aufgeflogen, Stars der Branche waren darunter: Marion Jones, Dieter Baumann, Johann Mühlegg. Aber man nenne irgendeine andere Sportart, in der annähernd die gesamte Weltspitze in Leistungsmanipulationen verwickelt ist. Doping ist unter den Radprofis flächendeckend betrieben worden, der Radsport ist das Muster einer Dopingdisziplin, von den Anforderungen her ideal, um medizinisch nachzuhelfen.

Es sind doch gerade die Heroen des Sports, die auffällig geworden sind: Richard Virenque, Marco Pantani, Bjarne Riis, Floyd Landis, Tyler Hamilton, Alejandro Valverde, Ivan Basso, Michael Rasmussen - das ist das Who is Who des Radsports, das sind die Größten ihres Fachs gewesen, Weltmeister, Etappensieger, Bergkönige. Alle erwischt. Von denen, die nicht mehr offiziell überführt wurden, nicht zu reden. Wer glaubt ernsthaft an die Unschuld von Jan Ullrich?

Chancen zur Rehabilitation nicht genutzt

Profi-Radfahren ist eine Sportart, die auch mehr als zehn Jahre nach ihren ersten großen öffentlich gewordenen Dopingskandalen noch immer nicht in der Lage ist, sich zu säubern. Die Festina-Affäre kam 1998 ans Licht - 13 Jahre und viele, viele Skandale später hat der Radsport sein Image grundsätzlich nicht verändern können. Die Sportart hat seitdem viele Chancen zur Rehabilitation erhalten. Genutzt hat sie wenige.

Der Giro d'Italia wird in diesem Jahr mutmaßlich von Alberto Contador gewonnen, der Spanier führt mit großem Vorsprung das Klassement an. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihm der Sieg bereits kurze Zeit später in Folge des Urteilsspruchs vor dem Cas wieder aberkannt wird, ist hoch. Dieses Risiko war allen längst bekannt, als man Contador für den Giro nominiert hat. Der dreifache Tour-Sieger wurde dennoch selbstredend von den Giro-Verantwortlichen eingeladen.

Die großen Rundfahrten sind im Lauf ihrer Geschichte zu einem solchen Spektakel gewachsen, dass Teams und Athleten offenbar glaubten, dies nicht ohne Betrügereien leisten zu können. Man muss sich nur das extreme Streckenprofil des diesjährigen Giro anschauen. Dass der Radsport auf dem Weg ist, seine maximalen Anforderungen herunterzuschrauben, lässt sich daran jedenfalls nicht ablesen.

Das Abstreiten gehört zu den Reflexen

Es handelt sich zudem um eine Sportart, in der das Abstreiten von Dopinggebrauch immer noch zu den Reflexen gehört. Tyler Hamilton, der jetzt seinen früheren Chef Armstrong massiv beschuldigt hat, hat jahrelang alle Dopingvorwürfe zurückgewiesen. Jetzt, wo es gilt, seine Autobiografie zu promoten, entdeckt er die Ehrlichkeit. Wie viele Ausflüchte hat man sich in den vergangenen 15 Jahren anhören müssen. Man ist dieses Theaters so ungemein überdrüssig geworden.

Möglicherweise war Doping in der Szene irgendwann dermaßen verbreitet, dass die Fahrer tatsächlich der Ansicht waren, "niemanden betrogen zu haben" wie Ullrich es einmal ausgedrückt hat. Die Geschichte des Dopingbetrugs im Radsport ist auch eine des Selbstbetrugs.

Es stimmt, dass die sportliche Berichterstattung über die Radsportereignisse, auch bei SPIEGEL ONLINE, in den vergangenen Jahren kontinuierlich zurückgegangen ist. Aber dies sollte man den Medien zuallerletzt vorwerfen. Jahrelang sind die Leistungen der Radprofis in der Öffentlichkeit schließlich lang und breit gewürdigt worden - um anschließend in zahlreichen Fällen festzustellen, dass all das nur unter Zuhilfenahme illegaler Praktiken zustande gekommen ist.

Auch die Medien waren der Faszination des Radsports, der Königsetappen in den Alpen, der atemberaubenden Duelle in den Anstiegen, erlegen. Der Radsportboom war wie ein Rausch. Er ist verflogen. Was Faszination war, ist Desillusion geworden.

Wer sich weiter von der Kalifornien-Rundfahrt und dem Giro d'Italia begeistern lassen will, soll das tun. Er soll sich aber nicht beschweren, wenn man ihm dafür Naivität attestiert.