Radprofi Gerdemann Held in der Hölle
Manchmal muss sich Linus Gerdemann noch bremsen. Auf die Frage, was denn sein Ziel für 2009 sei, sagt der Radprofi vom Team Columbia: "Da muss man keinen Hehl daraus machen. Ich will eine große Tour de France fahren." Eine große? Das klingt nach Siegertreppchen - was auch dem 25-Jährigen einen Moment später klar wird. "Also, sagen wir mal, eine gute Tour de France will ich fahren."
Mehr Ambition würde dann vielleicht doch vermessen klingen, zumal sich Gerdemann in den vergangenen Tagen und Wochen schon genug Ballast auf die schmalen Schultern geladen hat. Erst holte er sich den Gesamtsieg bei der französischen Tour de l'Ain, dann siegte er beim italienischen Eintagesrennen Coppa Agostini, und nun hat er als Träger des Gelben Trikots alle Chancen, auch die Deutschland-Tour zu gewinnen.
Doch das sind alles nur Zwischenstationen auf der weitaus größeren Mission, die Gerdemann antreten soll: Fans, Medien und Veranstalter haben ihn spätestens in der vergangenen Woche zum Retter des deutschen Radsports erkoren, zum Helden in dieser Doping-Hölle, am besten gemeinsam mit seinem Columbia-Kollegen Gerald Ciolek. Doch der ist ein Sprinter, während Allrounder Gerdemann in den Klassements der großen Rundfahrten weit nach vorne fahren könnte - und das wird in der Öffentlichkeit mehr beachtet als alles andere.
Gerdemann stört das wenig. "Ich hatte die letzten Jahre schon immer Druck, ich habe gelernt, damit umzugehen. Ich lasse mich von den Medien nicht verrückt machen", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Bereits vor gut einem Jahr wurde er schließlich schon einmal als neuer Held auf zwei Rädern ausgerufen.
Als der Radprofi aus Münster im Juli 2007 eine Bergetappe bei der Tour de France gewann und damit ins Gelbe Trikot fuhr, war in Deutschland zum ersten Mal nach dem unfreiwilligen Abgang von Jan Ullrich so etwas wie Radsport-Begeisterung zu spüren. Es passte zu gut: Da sprintete ein junger, gutaussehender Profi den Berg hoch, der sich nach der Siegerehrung auch noch als intelligent und redegewandt zeigte - und ziemlich deutliche Worte zum Thema Doping fand. Was unter den Fahrern damals noch unüblicher war als in der Gegenwart.
"Doping war gestern! Heute ist Gelb!", jubelten seinerzeit in Le Grand-Bornand altgediente deutsche Radjournalisten. Dumm nur, dass wenige Tage darauf Gerdemanns damaliger T-Mobile-Mannschaftskollege Patrik Sinkewitz als Dopingsünder aufflog und Gerdemann selbst Fragen nach dem umstrittenen italienischen Arzt Luigi Cecchini beantworten musste, der ihm in der Trainingsarbeit half. Allerdings hatte der Deutsche, wie er sagt, die Zusammenarbeit bereits 2006 aufgekündigt, nachdem er über den zweifelhaften Ruf des Mediziners in Sachen Doping in Kenntnis gesetzt worden war.
Dass Gerdemann 2005 für das Team CSC fuhr, dem Jörg Jaksche systematisches Doping vorwarf und ab 2006 für den damals alles andere als drogenfreien Rennstall T-Mobile, wird er sich noch oft anhören müssen. So jung kann man im Radsport gar nicht sein, als dass man nicht schon eine Vergangenheit mitschleppen würde, in der sich Anhaltspunkte für leise Zweifel finden lassen.
"Das hätte es früher nie gegeben"
Es gab allerdings nie irgendeinen Verdacht gegen den einstigen Mountainbiker, der nach einem Schienbeinbruch erst mit 17 Jahren auf das Rennrad wechselte. Gerdemann gab sich auch nach der Tour de France immer offensiv und betont heute mit Blick auf die Deutschland-Tour: "Dass ich Gelb trage, zeigt, dass man sauber ganz vorne reinfahren kann." Ob dieser Erfolg damit zusammenhängt, dass die Rennen angesichts verstärkter Dopingkontrollen anders verlaufen als früher, darüber will er nicht spekulieren. Sein Teamkollege Tony Martin, 23, äußerte sich in der "Süddeutschen Zeitung" klarer: "Das hätte es früher nie gegeben, dass so viele junge Fahrer vorne reinfahren konnten wie dieses Jahr."
Für Gerdemann ist seine eigene Leistung ohnehin überraschend. Im März stürzte er beim Zeitfahren des Rennens Tirreno-Adriatico schwer und zog sich neben anderen Blessuren einen Abriss des Kreuzbands im linken Knie und einen eingedrückten Schienbeinkopf zu. Dass er die namhafte Rundfahrt in Italien sonst wohl gewonnen hätte, war bitter genug. Dass er weder bei der Tour de France noch bei Olympia mitfahren konnte, noch schlimmer.
Angesichts der monatelangen Leidensgeschichte mit einigen Rückschlägen ist das Comeback des verhinderten Radsport-Retters erstaunlich - und deutet an, was Gerdemann in Zukunft erreichen kann. Als starker Berg- und Zeitfahrer, der inzwischen auch taktisch weitaus klüger im Rennen unterwegs ist als in früheren Jahren, wird er unter Experten bereits als Kandidat für die Top Ten bei der Tour de France gehandelt.
Wechsel zu Milram steht bevor
Für das Team Columbia, den mittlerweile in die USA abgewanderten Nachfolger des T-Mobile-Teams, wird Gerdemann 2009 wohl nicht mehr starten. Ebenso wie Ciolek forciert er vehement seinen Wechsel zum einzig verbliebenen deutschen Profi-Rennstall, dem Team Milram. Unlängst war bekannt geworden, dass das Gerolsteiner-Team zum Jahresende aufgelöst wird.
Bei Columbia fühlen sich beide nicht ausreichend unterstützt. Halten will man sie dort auch nicht unbedingt, weil Teamchef Bob Stapleton vor allem den US-Markt im Blick hat. Verhandelt wird nur noch über das Geld.
Sollten Gerdemann und Ciolek wechseln, wird es interessant zu sehen, ob die zwei hoffnungsvollsten deutschen Fahrer bei einem fast nur mit Deutschen besetzten Team mit ihren Auftritten auf der Straße und vor den Kameras tatsächlich einen Umschwung für den hierzulande dahinsiechenden Profi-Radsport schaffen können. Zuzutrauen wäre es ihnen. Langjährige Beobachter attestieren beiden, wesentlich kritischer und selbstbewusster aufzutreten als frühere Fahrergenerationen - auch gegenüber den Abläufen innerhalb der Teams.
Christian Frommert, einst verantwortlich für die Kommunikation bei T-Mobile, hält bis heute Kontakt zum extrovertierten Gerdemann, der alles hinterfragte, was ihm nicht plausibel erschien: "Für einen Kommunikationsmann war und ist Linus ein Traum, für manchen sportlichen Leiter ist er sicher ein Alptraum." Für den deutschen Radsport könnte er genau der Richtige sein.