Radrennstall Milram Sauber bleiben, Jungs
Früher, sagt die Dolmetscherin mit den grauen Strähnen, ach früher, da "hat sich im Radsport nicht alles um diese Dinge gedreht". In ihrer Jugend, in den fünfziger Jahren, als noch Idole wie Fausto Coppi beim Giro d'Italia und der Tour de France über die huckeligen Straßen sausten, da war nicht ständig von Doping die Rede, und DNA-Tests existierten nicht.
Heute aber muss die freundliche ältere Dame fast nur von all diesen unangenehmen Dingen sprechen, wenn sie zwischen Reportern und Gianluigi Stanga übersetzt. Der Team-Manager der deutsch-italienischen Profi-Equipe Milram verbrachte bei der Mannschaftspräsentation heute Vormittag in Bremen die meiste Zeit damit, die Haltung seines Arbeitgebers zur Kontrolle, Bekämpfung und Bestrafung von Doping zu erläutern. Wenn man die Saisoneröffnung bei Milram als Zeichen nimmt, um was es in diesem Jahr im Radsport gehen wird, dann sind Erfolge bei Rennen längst nicht mehr das Wichtigste.
"Wir müssen nicht in jedem Fall immer gewinnen, wir müssen eine ehrliche Mannschaft präsentieren", verkündete Stanga vor den leicht irritierten Journalisten und fügte vorsichtshalber gleich hinzu: "Das ist auch die Meinung unserer Sponsoren." Die saßen in Gestalt einiger Vorstandsmitglieder des Nordmilch-Konzerns in Hörweite und nickten beifällig. "Siege", so führte Stanga weiter aus, "sind nur dann etwas wert, wenn es ehrliche und ehrenvolle Siege sind". Und nicht jene, so durfte man den Team-Manager interpretieren, bei denen drei Tage später der dringende Verdacht aufkommt, man sei nur dank eines kraftspendenden Pflasters am Hodensack die Berge hinaufgerast.
Stangas salbungsvolle Worte verdeutlichten wie die gesamte, so gar nicht von sportlichem Ehrgeiz geprägte Präsentation den schon kurios wirkenden Paradigmenwechsel des Profi-Radsports im Jahr eins nach dem Dopingskandal von Spanien. In diesen Zeiten passt es für einen Sponsor, der möglichst saubere und naturbelassene Lebensmittel bewirbt, bestens, ein Team zu unterstützen, das zwar bislang keine überragenden Erfolge feiern konnte, dafür aber als jung, sympathisch, dopingfrei und anständig gilt. Siege, so scheint es angesichts der kramphaften Betonung des "sauberen Sports", könnten da verdächtig wirken. Auch wenn 2007 erste Plätze bei Mailand-San Remo oder der Straßen-WM in Stuttgart fest eingeplant sind.
Lehnt man sich, um das geballte Understatement sacken zu lassen, einen Moment zurück und schaut sich im Bremer AWD-Dome um, kommt schnell der Gedanke, dass hier, wo jetzt soviel geredet wird, schon morgen wieder die Räder sprechen. Mit dem Sechstagerennen startet die Saison 2007, und es wird sich zeigen, was die schönen Worte wert sind. Zumal Alessandro Petacchi, der italienische Starsprinter von Milram, die Haltung seines Teamchefs im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schnell relativiert: "Was Stanga sagen wollte, ist, dass wir nicht auf Biegen und Brechen gewinnen müssen. Aber wir sind eine große Mannschaft mit einem großen Sponsor, da müssen wir natürlich Siege einfahren, und zwar möglichst viele." Wie die Equipe um Petacchi, Erik Zabel und den neu verpflichteten früheren Straßenweltmeister Igor Astarloa (Spanien) mit dieser Gratwanderung umgeht, wird interessant zu beobachten sein.
Gegen Startverbot für Ullrich
Stanga, früher ein erfolgreicher Amateur-Radler, hat zumindest "nichts Besonderes" geplant, um sauberen Sport innerhalb seiner Mannschaft zu garantieren. Wo man bei Branchenführern wie T-Mobile und dem dänischen CSC-Team intern auf totale Kontrolle der Fahrer setzt, will es Milram mit Vertrauen in die eigenen Athleten versuchen. "Doping wird nicht mit Repressionen bekämpft", gibt sich Stanga überzeugt, "sondern indem man mit den Athleten in Dialog tritt". Auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE präzisiert er später, wie Kommunikation Kontrollen ersetzen soll: "Die Fahrer kennen sich alle." Und was bedeutet das? "Wenn es ein, zwei Fahrer gibt in einer Mannschaft, die dopen, dann müssen die von den anderen getrennt werden, damit sie kein Vorbild sein können." Stangas Prinzip ist simpel: Weil es keine perfekte Überwachung gibt und sowieso jeder Aktive weiß, was innerhalb seines Teams läuft, sollen die schwarzen Schafe von den Fahrern selbst isoliert werden.
Auch was den Umgang mit dopingverdächtigen Konkurrenten angeht, gibt sich der Italiener gelassen: "Wenn die zuständigen Verbände Jan Ullrich und Ivan Basso nicht sperren, dann haben wir keine Probleme damit. Wenn Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, sagt, sie dürfen fahren, dann sollen sie fahren." Bei der Sitzung der ProTour-Teams morgen will sich Stanga dagegen aussprechen, dass Bassos neuer Arbeitgeber Discovery Channel aus dem Verband der Profi-Rennställe ausgeschlossen wird. Erik Zabel hat sich dieser Meinung angeschlossen, auch wenn er sich wünscht, "dass der Ermittlungsrichter in Spanien endlich alle Unterlagen auf den Tisch legt und im Fall von Beweisen Sportgerichtsverfahren eingeleitet werden können".
Es ist möglich, dass man bei Milram die Dinge einfach realistischer sieht als anderswo. Wenn aber, so befürchtet ein für das Team-Marketing zuständiger Herr im Foyer der Halle, "das Saubermann-Image auch nur angekratzt wird, bricht alles zusammen". Dann würde Gianluigi Stanga als furchtbar naiv beschimpft werden. Und beim Hauptsponsor dürfte dann nicht nur die Milch sauer werden.