US-Open-Sieger Rafael Nadal Auferstanden
Rafael Nadal
Foto: Jewel Samad / AFPAm Ende gab sich der Unterlegene als Fan von Rafael Nadal zu erkennen. "Wir sind im gleichen Alter, aber du bist mein Idol", sagte der 31 Jahre alte Kevin Anderson nach seiner deutlichen Niederlage im Finale der US Open. "Und einer der größten Botschafter unseres Sports." Der Südafrikaner schwärmte von dem Mann, der - neben Roger Federer - 2017 eines der beeindruckendsten Comebacks im Tennis hingelegt hat.
Nadal selbst wurde etwas philosophischer. Auf der großen Videoleinwand im Arthur-Ashe-Stadium waren Bilder seiner bisherigen Grand-Slam-Erfolge gezeigt worden - und Nadal schaute zu: "Ich kann für dies alles nur Dank ans Leben sagen."
Sein 16. Grand-Slam-Triumph, der insgesamt dritte in New York, ist nicht weniger wert als andere, aber er war am Ende verhältnismäßig einfach gewonnen. Anderson wuchtete sieben seiner acht ersten Aufschläge ins Feld und musste im ersten Spiel dennoch über Einstand gehen, weil Nadal - fast acht Meter hinter der Grundlinie auf die harten Aufschläge wartend - blendend returnierte und Anderson wie gewünscht in lange Ballwechsel verwickelte.
Die besten Bilder der US Open: Die Stunde der Außenseiter
Zwar ging der Außenseiter 1:0 in Führung, musste jedoch anschließend bei fast jedem seiner Aufschlagspiele kämpfen und hohes Risiko gehen: 40 unerzwungene Fehler waren die Folge, wobei sich natürlich die Frage stellt, wie "unerzwungen" diese tatsächlich waren: Einen Punkt gegen einen "normalen" Gegner zu machen, ist eine Sache; gegen Nadal muss letztlich zwei-, drei- oder viermal der riskante Gewinnschlag her, um den Punktgewinn wirklich abhaken zu können.
Nadals Ausrichtung beim ungefährdeten 6:3, 6:3, 6:4 war mal wieder ein taktisches Meisterstück, eine perfekte Balance zwischen defensivem In-den-Punkt-kommen bei Aufschlag Anderson und aggressivem Grundlinienspiel. Und, sobald er die Chance dazu bekam, garniert mit fiesen Winkelschlägen und kurz eingestreuten Slice-Bällen, die Anderson zu schaffen machten. Der 2,03-Meter-Mann traute sich trotz der defensiven Returnhaltung Nadals kaum zu Serve-and-Volley-Aktionen; seine seltenen Versuche, ans Netz aufzurücken, parierte Nadal glänzend.
Anderson hatte im Turnierverlauf zu 83 Prozent den Punkt gemacht, wenn der erste Aufschlag kam. Im Match gegen Nadal sank der Wert auf 73 Prozent. Wenn er über den zweiten Aufschlag gehen musste, lag die Quote nur noch bei 36 Prozent. Nadals Zahlen: 84 Prozent Punktgewinne bei erstem Aufschlag, 70 Prozent beim zweiten. Einen Breakball ließ Nadal nicht zu.
Die Vorhand sitzt wieder
Das entscheidende Merkmal in Nadals Spiel auf dem Weg zurück an die Spitze ist allerdings die wiedererstarkte Vorhand. Fühlt sich Nadal unsicher, fällt er oft weit hinter die Grundlinie zurück, seine Schläge landen dann im Bereich der T-Linie und sind für aggressive Spieler gefundenes Fressen. Hat er Selbstvertrauen, sucht er dagegen schnell die Offensive und rückt sogar ans Netz vor - wie im Finale gegen Anderson. "Im Vorjahr hatte er sein Vertrauen in die Vorhand verloren", hatte Toni Nadal in der vergangenen Woche erzählt: "Als wir in die Saison gestartet sind, haben wir gesagt: Die Vorhand muss wieder sitzen."
Apropos Toni: Für den bekanntesten Onkel der Tennisgeschichte war der US-Open-Titel des Neffen ein vorgezogenes Abschiedsgeschenk. Er hatte angekündigt, in der kommenden Saison nicht mehr als Tour-Trainer unterwegs sein zu wollen, sondern sich um die Rafael-Nadal-Tennis-Akademie in Manacor und seine Familie zu kümmern. "Ich kann ihm nicht genug danken, er ist einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben", sagte Rafael Nadal nach dem Triumph über seinen Onkel.
Promis bei den US Open: Stars auf dem Platz, Stars im Publikum
Nadal siegte in Flushing Meadows zum dritten Mal, steht nun bei insgesamt 16. Grand-Slam-Titeln und festigt damit seinen zweiten Platz in der ewigen Rangliste hinter Federer (19 Titel). Dabei hatten im vergangenen Jahr mentale Probleme und eine Verletzung am Handgelenk Zweifel gesät, ob überhaupt noch große Titel möglich seien. 2016 hatte er kurz nach dem Achtelfinal-Aus bei den US Open die Saison für beendet erklärt, um sich komplett auszukurieren.
Komfortable Führung auf Roger Federer
Mit seinem ersten Titel auf Hartplatz seit Januar 2014 hat sich Nadal auch einen komfortablen Vorsprung in der Weltrangliste verschafft. Die Führung hatte er kurz vor den US Open vom verletzten Andy Murray übernommen, Novak Djokovic hat die Saison sogar schon beendet. In New York hätte Federer Nadal ablösen können; der Schweizer hatte jedoch angeschlagen im Viertelfinale gegen Juan Martin del Potro verloren und somit ein direktes Duell mit Nadal im Halbfinale verpasst.
In der Weltrangliste führt Nadal nun mit 9465 Punkten, Federer steht nach den ähnlich überraschenden Erfolgen bei den Australian Open und in Wimbledon bei 7505 Punkten; er läuft vor allem Nadals 4680 Punkten aus der Sandplatzsaison hinterher. Die rote Asche hatte Federer komplett ausgelassen, während Nadal unter anderem bei den French Open siegte.
Federer braucht nun eine starke Schlussphase, machte aber schon klar, dass er außer beim von ihm mit ins Leben gerufenen Laver Cup lediglich in Shanghai, Basel, Paris und bei den ATP World Tour Finals antreten wolle. In London könnte es dann zum finalen Duell der beiden überragenden Akteure dieser Saison kommen.
Wer hätte das vor einem Jahr gedacht?