Rasendes Wackelknie: Hilde Gerg fährt trotz Kreuzbandriss um WM-Gold - DER SPIEGEL
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Rasendes Wackelknie Hilde Gerg fährt trotz Kreuzbandriss um WM-Gold

Vor nicht einmal zwei Monaten erlitt Hilde Gerg einen Kreuzbandriss im linken Knie. Am Montag gehört die Olympiasiegerin von 1998 dennoch zu den Medaillenanwärterinnen beim Super-G der alpinen Ski-WM in St. Moritz.
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Josef Schadhauser kennt sich aus mit Spitzenathleten: Boris Becker hat er unter seinen Händen gehabt, Eishockeyspieler, Fußballprofis, Zehnkämpfer. Seine aktuelle Patientin aus dem Profisport bedeutet jedoch selbst für den erfahrenen Physiotherapeuten aus Traunreut eine Herausforderung: Hilde Gerg, 27, Olympiasiegerin 1998, will am Montag bei den Ski-Weltmeisterschaften in St. Moritz eine Medaille im Super-G gewinnen, obwohl ihr ein integraler Bestandteil im linken Knie praktisch fehlt: das vordere Kreuzband.

Wann immer es nötig ist, befasst sich Schadhauser mit dem maladen, nach Belastung auch schmerzenden Gelenk; baut Schwellungen ab, löst Verkrampfungen, hält die Muskulatur in Topform. Denn der Quadriceps im Oberschenkel, unter Skiprofis generell ein extrem entwickelter Muskel, muss die Funktion des Kreuzbandes übernehmen: das Knie stabil halten, das Verschieben des Schienbeins nach vorn verhindern.

Gergs Teilnahme bei der Ski-WM mag überraschen angesichts der Schreckensnachricht, die Anfang der Woche den Leverkusener Fußballprofi Jens Nowotny ereilte. Der erneute Riss seines vorderen Kreuzbandes bedeutet für den Nationalspieler eine Pause von mindestens einem halben Jahr. Fußballer, die andauernd abbremsen, sich drehen und schießen müssen, sind ohne Kreuzband aufgeschmissen. "Wenn ich auf den Ball träte, würde mir der Unterschenkel abfallen", glaubt auch Hilde Gerg. "Schnell Ski fahren", so die Rennläuferin, "kann man mit einem gerissenen Kreuzband aber sehr wohl."

Es war Anfang Dezember im kanadischen Lake Louise: Beim Abfahrtstraining spürte Hilde Gerg plötzlich einen Stich, schwang ab und registrierte eine Instabilität im Knie. Eine Kernspintomografie bestätigte schnell den Verdacht auf einen Riss des vorderen Kreuzbandes. Schon zwei Wochen später fuhr die seit Jahren beste deutsche Rennläuferin wieder eine Weltcup-Abfahrt. "Das Wunder Gerg" titelte "Sport-Bild" - ein Urteil, das die beteiligten Ärzte zurückweisen. Dass die Lenggrieserin im Januar beim Super-G in Cortina d'Ampezzo gar Dritte werden konnte, ist dem Zusammentreffen glücklicher Umstände mit moderner medizinischer Versorgung geschuldet.

Ein Kreuzbandriss kommt selten allein. Meist werden bei derartigen Unfällen auch der Innenmeniskus sowie die Innen- oder Außenbänder im Knie beschädigt. Eine Operation ist dann unausweichlich, sechs Monate Rehabilitation sind die Regel. Hilde Gerg indes erlitt nur eine so genannte isolierte Ruptur. "Sie hatte geringe Schmerzen, konnte gehen, der Bewegungsapparat war intakt", sagt der behandelnde Orthopäde Jürgen Winter. Damit das auch so blieb, wurde dem natürlichen Schutzreflex des Körpers der Kampf angesagt. Hilde Gergs Bein wollte Ruhe. "Diesen Reflex mussten wir durchbrechen", sagt Winter. Sofort nach der Rückkehr stellte Josef Schadhauser in Deutschland die alte Beweglichkeit wieder her. Eine Schinderei, die "nur eine willensstarke und körperbewusste Sportlerin wie die Hilde durchsteht", so Schadhauser.

"Hilde ist eine Ausnahmeathletin"


Schwieriger als das Training an den Kraftmaschinen empfand Hilde Gerg "die Kopfarbeit" - zu akzeptieren, dass "da nix mehr ist mit dem Knie". Sie versucht zu verdrängen, was nicht einfach ist, weil zuweilen ihr linkes Schienbein einen Zentimeter nach vorn wandert. "Schublade" nennen Orthopäden diese unerwünschte Bewegungsfreiheit. Doch Abfahrer rasen vorzugsweise in der Hocke zu Tal, da hat das Kreuzband nicht viel zu tun. Und das Risiko, sich nach einem Sprung den Meniskus einzuklemmen oder den Knorpel abzuwetzen, nimmt Gerg angesichts der WM in Kauf. Erst nach der Saison will sie entscheiden, ob sie das Kreuzband durch ein Transplantat aus der Patellasehne ersetzen lässt - oder künftig mit einem Wackelknie durchs Leben laufen will.

Als Vorbild taugt die Bayerin dem Orthopäden Winter ohnehin nicht: "Von der Konstitution und von ihren koordinativen Fähigkeiten her ist Hilde eine Ausnahmeathletin - was sie geleistet hat, traue ich nur einer Hand voll Weltcupfahrerinnen zu."

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