Reiten: Athleten im Sperrbezirk - DER SPIEGEL
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Reiten Athleten im Sperrbezirk

Die Maul- und Klauenseuche legt den Pferdesport lahm. Der Übereifer der Seuchenbekämpfer gefährdet Tausende Betriebe.
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Mitten in der Nacht schlug die Staatsgewalt zu. Feuerwehrmänner errichteten Straßensperren. Polizeibeamte wachten darüber, dass Olympiasieger Lars Nieberg seinen Hof nicht verließ: "Ich stand unter Hausarrest."

Grund für den Blitzeinsatz am vergangenen Sonntag: Der Springreiter hatte es gewagt, ein Turnierpferd aus der Tierklinik heimzuholen. Dummerweise lag das Gebäude in jenem Sperrgebiet in Mittelhessen, in dem ein paar Schafe angeblich an Maul- und Klauenseuche (MKS) erkrankt waren.

Bei der Seuche versteht der Staat keinen Spaß

Und wenn es um diese Seuche geht, versteht der Staat keinen Spaß. Selbst als die MKS-Schnelltests negativ ausfielen, blieb Niebergs Gestüt in Homberg/Ohm noch 14 Stunden lang abgeriegelt. Nun ermittelt sogar der Staatsanwalt gegen den Goldmedaillengewinner von Sydney.

"Mit meiner Aktion wollte ich ein Zeichen setzen", rechtfertigt Nieberg seinen illegalen Pferdetransport. "Die Behörden müssen endlich aufhören, unsere Tiere als Risikofaktoren zu behandeln und dadurch die Existenz von Tausenden Reitbetrieben aufs Spiel zu setzen."

Der Reitsport kommt immer mehr zu Erliegen

Dass ein eher besonnener Mann wie Lars Nieberg auf einmal zum Rebellen wird, macht deutlich, wie aufgeheizt die Stimmung unter den Reitern ist. Seit dem Ausbruch von MKS in Europa kommt ihr Sport immer mehr zum Erliegen.

Über 400 Reitturniere wurden in Deutschland bereits abgesagt oder verschoben. Der Handel mit Sportpferden meldet einen Umsatzrückgang von über 50 Prozent. Beträchtliche Einbußen und Kurzarbeit gibt es auch bei Transportfirmen, Parcours-Aufbauern und der Turnier-Gastronomie.

"Wir durchleiden einen Alptraum"

"Wir durchleiden einen Alptraum", klagt Kaspar Funke, einer der führenden deutschen Turnierveranstalter. Und der Sport-Informations-Dienst meldet: "Das Wirtschaftsunternehmen Pferd mit einem Jahresumsatz von 13 Milliarden Mark und 330.000 Arbeitsplätzen in Deutschland hält die Luft an."

Schuld an dem Desaster sind Landesregierungen und Amtsveterinäre, die bei der Bekämpfung von MKS oft weit übers Ziel hinausschießen: Mit überzogenem Aktionismus verwandeln sie den ländlichen Raum in eine Hochsicherheitszone ­ und sehen auch die Pferde darin nur noch als potenzielle Virenträger.

"Manche der Schikanen grenzen an Berufsverbote", erklärt Thomas Hartwig, Sprecher der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) in Warendorf. "Bereits jetzt gibt es Millionenverluste ­ dabei hat die Turniersaison gerade erst begonnen."

Zwar werden Reitturniere vorerst nur in wenigen Fällen verboten. Doch in vielen Regionen fallen die Wettkämpfe schon deshalb aus, weil die vierbeinigen Athleten nicht mehr transportiert werden dürfen. Und fast überall sorgen Kreisveterinäre mit aufwendigen und teuren Desinfektionsvorschriften dafür, dass vor allem die ländlichen Veranstalter ­ zumeist kleinere Reitvereine ­ frustriert das Handtuch werfen. Allein am zweiten Aprilwochenende mussten drei von vier Turnieren abgesagt werden.

Amtstierärzte werden zu wichtigen Männern

Dank MKS wird jeder kleine Amtstierarzt plötzlich zu einem richtig mächtigen Mann. Alles hängt davon ab, wie gründlich deutsch er die Vorschriften auslegt. Besonders streng ist etwa der Kreisveterinär von Gütersloh: Tagelang saß Springreiter Franke Sloothak (Weltmeister 1994) auf seiner Reitanlage fest, weil der Seuchensheriff es ablehnte, ihn mit seinen Pferden zum Turnier fahren zu lassen.

In Köln erklärte der Amtstierarzt vorübergehend die ganze Stadt zum Sperrbezirk: Kein Pferd durfte rein, keins raus. Beim Galopprennen am 1. April liefen die Kölner Vollblüter deshalb erstmals ohne auswärtige Konkurrenz um die Wette.

Die Reiter zahlen drauf - so oder so

Selbst wer zu einem Turnier reisen darf, zahlt häufig noch drauf. Um zu Ostern am Weltcup-Finale in Göteborg teilnehmen zu dürfen, mussten die Springreiter ihre Pferde schon zweieinhalb Wochen vor dem Wettkampf nach Schweden kutschieren. "Ein organisatorischer Kraftakt, der viel Geld gekostet hat", ärgert sich Springreiter-Star Ludger Beerbaum. "Wir mussten auf die Schnelle geeignete Ställe finden, Pfleger abstellen und selbst mehrfach hinfliegen, um unsere Tiere zu trainieren."

Auch auf die Veranstalter kommen zusätzliche Kosten zu. So müssen Reinigungstrupps angeheuert werden, die alle Pferdetransporter etwa mit Ameisensäure absprühen. Beim Internationalen Reitturnier in der Dortmunder Westfalenhalle Anfang März wurden sogar sämtliche Pferde durch eine Schleuse mit Desinfektionsmitteln geführt. Wachpersonal kontrollierte die Hygieneaktion. Kosten: 35.000 Mark.

Pferde können nicht an MKS erkranken

Die Wut der Reiter wird vor allem dadurch angefacht, dass sie sich von den Seuchenbürokraten ungerecht behandelt fühlen. Denn Pferde sind keine Klauentiere, sie können nicht an MKS erkranken. Pferde können das Virus lediglich weitertragen ­ wie jeder Fußgänger, Radfahrer oder Jogger auch.

"Obwohl Menschen als Überträger genauso gefährlich sind wie Pferde, werden nirgendwo Fußballspiele abgesagt. Auch Golfturniere, Tennisspiele und Radrennen finden wie gewohnt statt", sagt FN-Sprecher Hartwig. "Und selbst die Fans von Bayern München wurden nicht daran gehindert, ins MKS-verseuchte England zu reisen, um ihre Mannschaft im Spiel gegen Manchester United anzufeuern."

"Das ganze Theater gilt einer relativ harmlosen Krankheit"

Der Pferdezüchter und Turnierveranstalter Paul Schockemöhle aus Mühlen im Kreis Vechta ärgert sich auch aus einem anderen Grund über das Krisenmanagement der Behörden. Als Bauernsohn hat er selbst noch MKS-Ausbrüche erlebt. "Das ganze Theater gilt einer relativ harmlosen Krankheit, an der nur die wenigsten Tiere sterben; dafür muss man nicht das Landleben lahm legen und Tausende gesunder Tiere schlachten", schimpft Schockemöhle. "Und würden wir wieder wie früher impfen, hätten wir die Seuche ohnehin in drei Wochen im Griff."

Schockemöhle trifft die "Hysterie um MKS" zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. In diesem Frühjahr soll die von ihm konzipierte "Riders Tour" starten: Nach Vorbild der Formel 1 hat er neun große Springturniere zu einer Wettkampf-Serie zusammengefasst. Bei jedem Turnier können die Reiter Punkte sammeln; wer am Ende am meisten Punkte erritten hat, gewinnt die Siegprämie von einer halben Million Mark.

"Wenn bei uns MKS ausbricht, sehe ich schwarz"

"Wir werden alles tun, um die Riders Tour durchzuziehen", sagt Schockemöhle, "aber wenn bei uns wirklich MKS ausbricht, sehe ich schwarz." In einem vertraulichen Krisengespräch haben sich die Organisatoren bereits darauf verständigt, dass die Riders Tour bestehen bleiben soll, solange nicht mehr als drei der neun Turniere ausfallen.

Sicherheitshalber haben die Veranstalter der Wettkämpfe im Berliner Olympiastadion und auf dem Wiesbadener Schlossplatz schon eine Verschiebung auf den Spätsommer beantragt. Allerdings muss der Weltreiterverband allen Ausweichterminen zustimmen. Denn zu viele Verschiebungen könnten das fein austarierte europäische Turniergefüge ins Chaos stürzen.

"Wenn immer mehr Veranstalter auf spätere Termine drängen, gibt es ein Hauen und Stechen", fürchtet Friedrich Otto-Erley, Sportbeauftragter der FN. "Das kann nicht funktionieren." Auf Nummer Sicher gehen die Polospieler: Aus Furcht vor MKS verschoben sie die für August in Berlin geplante Europameisterschaft gleich um ein ganzes Jahr.

Wenigstens die Vorbereitungen für das traditionelle Hamburger Springderby Ende Mai und das CHIO in Aachen Mitte Juni, das wichtigste Reitturnier der Welt, laufen einstweilen weiter wie geplant. "Natürlich gehen wir dadurch ein Risiko ein", sagt Michael Mronz, Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH (20 Mitarbeiter, Etat: 15,5 Millionen Mark). "Muss ein Turnier kurzfristig abgesagt werden, bleibt der Veranstalter schlimmstenfalls auf einem Großteil der Kosten sitzen."

Die Schäden sind immens

Eine solche Pleite erlebte Mitte März der Turnierausrichter im niederländischen s'-Hertogenbosch: Einen Tag vor Beginn des Springreiter-Weltcups brach in Holland die Seuche aus. Alle Tiertransporte im Land wurden verboten, das Turnier fiel aus. Schaden für den Veranstalter: weit über eine Million Mark.

Noch dramatischer ist die Lage in der MKS-Hochburg Großbritannien. Vor allem die bei den Engländern so beliebten Military-Prüfungen, die in der freien Natur ablaufen, finden kaum noch statt. Der Seuche zum Opfer fällt deshalb auch das größte aller Pferdesport-Ereignisse: die Super-Military in Badminton.

"Ein herber Verlust"

Eine viertel Million Zuschauer bestaunen normalerweise Anfang Mai den Hürdenlauf im Park des Duke of Beaufort, bei dem die Rösser über Eichenstämme, Hecken und Wassergräben hinwegfliegen. "Ein herber Verlust", sagt der deutsche Military-Bundestrainer Hans Melzer, "England ohne Badminton, das ist wie Frankreich ohne Tour de France."

Auch in Deutschland trifft es die Military-Reiterei besonders hart. Denn oft führen die kilometerlangen Geländekurse mit den Naturhindernissen über Felder und Wiesen von Landwirten. Viele Bauern weigern sich aber derzeit, den Pferde-Hürdenlauf auf ihrem Grund und Boden zuzulassen. "Unsere Reiter sind total verunsichert", berichtet Bundestrainer Melzer. "Viele fragen sich sogar, ob sie ihre Pferde überhaupt noch im Gelände trainieren dürfen."

Die Reiterfunktionäre lernen wieder zu improvisieren

In einer Hinsicht hat die Seuche aber auch etwas Gutes: Die Reiterfunktionäre lernen wieder zu improvisieren. Die alljährliche Military-Prüfung in Schenefeld bei Hamburg beispielsweise führt über besonders viel Bauernland. Spontan haben die Veranstalter deshalb Schenefeld einfach 60 Kilometer nach Süden verlegt: Ihr Wettkampf startet dieses Jahr im Military-Mekka Luhmühlen in der Lüneburger Heide. "So schnell", sagt Military-Chef Melzer kämpferisch, "geben wir uns nicht geschlagen."