Rekord-Olympionik Hackl: "Fuck the history!" - DER SPIEGEL
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Rekord-Olympionik Hackl "Fuck the history!"

Rennrodler Georg Hackl hat in Salt Lake das vierte Gold in Serie verfehlt. Obwohl sich der Berchtesgadener auch über die Silbermedaille riesig freute, vergoss er auf der Pressekonferenz Tränen der Trauer.
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Park City - Im "Deutschen Haus" bediente Georg Hackl wieder das Klischee des bayrischen Gaudiburschen. "Silber ist eine gewaltige Sache", ließ der berühmteste Rodler der Welt die Journalisten augenzwinkernd wissen, posierte für die Kameras mit einer doppelten Weißbiermaß und machte sich über Leberkäs' und Weißwürste her. Es fehlte eigentlich nur noch eine Schuhplattler-Vorführung des Mannes, der Mitglied im Brauchtumserhaltungsverein seines Heimatortes ist.

Keine halbe Stunde zuvor hatte der Berchtesgadener vergeblich um Fassung gerungen. Es war die letzte Frage der Pressekonferenz mit den Medaillengewinnern im Herren-Einsitzer gewesen. Wem er seine fünfte olympische Medaille widmen werde, fragte ein Journalist. Hackl verschlug es die Sprache.

Eine Sekunde, zwei Sekunden. Ein halbe Ewigkeit. Mit schmerzverzerrtem Gesicht kämpfte der 35-Jährige gegen seine ihn überwältigende Trauer an. Der österreichische Bronzemedaillengewinner Markus Prock legte tröstend den Arm um seinen ewigen Rivalen. Mit tränenerstickter Stimme stammelte Hackl schließlich: "Ich widme die Medaille meinem Vater."

Trauer um den toten Vater


Auf der Rodelbahn von Königssee hatte Georg Hackl den gleichnamigen Senior zum letzten Mal gesehen. Ende Dezember 2001 gewann "Turbo-Schorsch" auf seiner Hausbahn ein Challenge-Rennen. Der 55-jährige Vater wollte ihm gratulieren, aber brach auf dem Weg zur Siegerehrung mit Herzinfarkt zusammen.

Hackl verlor die wichtigste Bezugsperson in seinem Leben. Doch das Leben musste weitergehen. Hackls Leben ist Rodeln. Besonders olympisches Rodeln. "Ich wäre ein schlechter Sportler, wenn ich den Sieg jetzt abschreiben würde", sagte er damals im Hinblick auf die bevorstehenden Winterspiele.

Sportliche Gratulation an Zöggeler


Im Alter von 21 gewann der Sportsoldat 1988 in Calgary Silber. 1992 in Albertville, 1994 in Lillehammer und 1998 in Nagano folgte jeweils Gold. Mit einem Olympiasieg in Salt Lake City wäre Hackl der erste Wintersportler der Geschichte mit vier aufeinander folgenden Goldmedaillen in einem Einzelwettbewerb. Doch im Utah Olympic Park bezwang ihn der Italiener Armin Zöggeler, der nach vier Läufen 0,329 Sekunden schneller war. "Er ist ein würdiger Sieger. In den letzten vier Jahren war Armin der beste Rodler der Welt. Es wäre ein Hohn gewesen, wenn er nicht Gold geholt hätte", gratulierte Hackl dem Carabinieri.

Seine Chance auf das historische Gold hatte Deutschlands zweimaliger Sportler des Jahres im dritten Durchgang verloren, als er 0,191 Sekunden auf Zöggeler einbüßte. "Ich dachte, dass sei ein guter Lauf von mir gewesen. Doch wahrscheinlich war das Eis zu kalt und trocken, so dass mein Schlitten nicht so gut gleiten konnte", machte sich der Silbermedaillengewinner sofort auf die Suche nach der verlorenen Zeit.

Besessener Bastler


Spätestens seit seinem Bandscheibenvorfall 1996 ist der athletisch unterlegene Hackl auf technisch überlegenes Rennmaterial angewiesen, um den weltbesten Fahrern Zöggeler und Prock immer wieder aufs Neue Paroli bieten zu können: "Ich muss einen schnelleren Schlitten haben als die anderen. Die rauchen mich doch am Start durch die Pfeife."

Mit der Besessenheit eines Perfektionisten bastelt der gelernte Schlosser deshalb jeden Sommer im stillen Kämmerlein an seinem Schlitten herum. Im Kampf um die entscheidenden tausendstel Sekunden bleibt alles top secret. Zuletzt erhielt Hackl sogar Unterstützung vom Porsche-Chefkonstrukteur und dessen Team.

Noch mindestens eine Saison will Hackl, der im März bei der bayrischen Kommunalwahl für die CSU kandidiert, seine "phantastische Karriere" (Zöggeler) fortsetzen. Trotz der verpassten vierten Goldmedaille in Serie ist ihm ein eigenes Kapitel in den olympischen Geschichtsbücher gewiss. Fünf Einzelmedaillen bei fünf aufeinander folgenden Winterspielen hatte zuvor noch kein Olympionike gewonnen.

Olympisches Finale auf dem Hintern


An Geschichte und Statistiken habe er aber niemals einen Gedanken verschwendet, versicherte Hackl. "Ich mache einfach nur so gut wie möglich meinen Sport. Wenn ich Amerikaner wäre, würde ich sagen: Fuck the history!"

In diesem Sinne fasste der Rodel-Champion die Silbermedaille keineswegs als verlorenes Gold auf. Als er in seinem voraussichtlich letzten olympischen Lauf ins Ziels gerast war, jubelte der Hackl Schorsch so überschwänglich, dass er vom Schlitten plumpste.

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