Rodel-EM Triumphfahrt im Eiskanal
Winterberg - Jens Müller hat die Rückkehr von "König" Georg Hackl auf den Rodel-Thron verhindert. Mit seinem klaren Erfolg bei den Europameisterschaften am Sonntag in Winterberg wiederholte der Oberhofer nicht nur seinen Erfolg von Sigulda 1996, er sorgte mit seinem zweiten EM-Titel auch dafür, dass die kontinentalen Meisterschaften zu einem deutschen Siegeszug wurden. Gold im Mannschaftswettbewerb am Freitag, Gold für die Oberwiesenthalerin Sylke Otto bei den Frauen, Gold für das Doppel Patric Leitner/Alexander Resch (Königssee/Berchtesgaden) bedeuteten eine Bilanz, wie es sie zuletzt vor vier Jahren in Sigulda gab. Müllers Sieg war gleichzeitig der 70. Europameisterschafts-Erfolg deutscher Sportler seit den ersten Titelkämpfen 1914 im böhmischen Reichenberg (Liberec).
Die deutschen Rodler zogen sich nicht nur mit den vier Titeln den Unmut der Konkurrenz aus 22 Ländern zu. Auch die weiteren Platzierungen schockten die komplett versammelte Weltelite im Hinblick auf die Weltmeisterschaften in St. Moritz in drei Wochen: Bei den Frauen belegten Silke Kraushaar (Oberhof), Barbara Niedernhuber (Königssee), Sonja Wiedemann (Hausham) und Gabi Bender (Königssee) hinter Sylke Otto die Ränge zwei bis fünf, Hackl holte Silber, was bei den Doppeln auch die Lokalmatadoren Steffen Skel/Steffen Wöller schafften. Vervollständigt wurde die Medaillenkollektion durch Silber von Deutschland II im Mannschaftswettbewerb.
Hackl sah seinen zweiten Rang als "Teil-Erfolg, der mich halbglücklich macht. Da bezwinge ich schon mal den unschlagbaren Zöggeler, und dann putzt mich der Jens aus der eigenen Mannschaft. Aber ich gönne ihm den Sieg", meinte "Turbo-Schorsch" generös und beendete damit endgültig die aufkommende Krisendiskussion um den erfolgreichsten Rodler aller Zeiten. Jens Müller dagegen genoss sein zweites EM-Gold. "Mit mir rechnet ja keiner, auch die Medien nicht. So kann ich mich auf das Wesentliche konzentrieren, am Material und an mir arbeiten. Aber manchmal schmerzt es schon, wenn alle nur von Hackl und Zöggeler reden. Schließlich bin ich in dieser Saison der erfolgreichste deutsche Rodler. Aber dem Schorsch kann man den Rang nicht ablaufen. Selbst wenn ich vier Jahre immer vor ihm wäre, würde man erst in zweiter Linie von mir Notiz nehmen", gab der Olympiasieger von 1988 einen Einblick in sein Innenleben.
Für Sylke Otto und Leitner/Resch war es der erste EM-Titel. Besonders die Oberwiesenthalerin war im Nachhinein aus dem Häuschen: "Es ist einfach nur schön. Nach meiner Führung im ersten Lauf hatte ich keine Angst vor dem zweiten Durchgang. Viel mehr habe ich ständig zum Himmel geschaut und gebetet, dass es nicht beginnt zu Schneien", erzählte die 30-Jährige, die diese Saison die Weltelite nach Belieben beherrscht.
Ähnlich souverän dominierten die Weltmeister Leitner/Resch."Ich habe denen gesagt, dass sie ab sofort nur noch mit Kufenschonern fahren dürfen", sagte Silbermedaillengewinner Steffen Skel hinsichtlich der vier Zehntelsekunden Rückstand der Winterberger. Die jungen Champions aus Bayern sahen es gelassen: "Wir haben das Maximale rausgeholt. Vor einem Jahr begann unsere Erfolgsserie mit einem dritten Platz beim Weltcup hier in Winterberg. Jetzt sind wir schon Welt- und Europameister. Gigantisch", jubelte "Pilot" Leitner.
"Was soll ich noch sagen. Neun von zwölf möglichen Medaillen - das ist alles überwältigend", brachte Bundestrainer Thomas Schwab das Gesamtergebnis auf den Punkt. Über die Seitenhiebe der internationalen Konkurrenz ärgerte er sich dann aber doch. "Soll ich meinen Athleten sagen, dass sie bremsen müssen, nur damit mal ein anderer gewinnt? Meine Aufgabe ist es, die Sportler erfolgreich zu machen. Das passiert nicht durch irgendwelche Wundermittelchen, sondern durch hartes Training. Wenn die anderen damit ein Problem haben, geht mich das nichts an", schimpfte Schwab, der nun seine Athleten in St. Moritz auf die WM vorbereitet.