Federer, Nadal und Co. Jungbrunnen Männertennis
Roger Federer triumphiert auch in Key Biscayne
Foto: Al Bello / AFPDie Fortschritte der Videotechnologie lassen die Erinnerungen schneller altern. Wer auf YouTube nach dem letzten Sieg von Roger Federer beim Masters Turnier in Miami sucht, elf Jahre ist das immerhin her, muss ob der körnigen Bilder erst die Augen leicht zusammenkneifen. Fast altertümlich wirkt die visuelle Präsentation, der Ball ist selbst im Vollbildmodus nicht immer zu erkennen.
Seit dem Jahr 2006 ist ja auch viel passiert. Nur im Tennis, da ist anscheinend alles beim Alten geblieben. Zwar spielt Federer, mittlerweile 35 Jahre alt, nicht mehr gegen seinen damaligen Finalgegner und heutigen Coach Ivan Ljubicic. Aber in den vergangenen Wochen gewann der Schweizer drei der wichtigsten Titel im Tennis, besiegte dabei in zwei Finals seinen Dauerrivalen Rafael Nadal, 30, und einmal Landsmann Stan Wawrinka. Auch der ist immerhin schon 32 Jahre alt.
Warum also hat die Welt so viele Fortschritte gemacht, aber im Tennis tut sich vermeintlich nichts?
Zur Erklärung lohnt sich ein Blick in genau jenes Jahr 2006. Gemeinhin wird es als Höhepunkt der Dominanz von Federer gesehen. Zum dritten Mal in Folge gewann er damals drei Grand-Slam-Turniere in einer Saison. Hätte ihn Nadal nicht auf Sand gebremst, hätte er wohl auch auf der Asche gewonnen und den Grand Slam, also alle vier Major-Titel in einem Jahr, geholt.
Doch blickt man heute zurück, war 2006 vor allem ein Übergangsjahr. Denn schon ein Jahr später war Tennis in einer neue Ära angekommen und hatte einen Wandel - vor allem durch eine einmalige Generation aus Federer, Nadal, Djokovic und Andy Murray - abgeschlossen, der den Sport bis heute prägt.
Heute sind die Alleskönner gefragt
Als Federers Karriere begann, gewannen Rasenspieler noch auf Rasen und Sandplatzspieler auf Sand. Für jeden Belag waren andere Spielertypen gefragt. Nur wenige konnten damals den Graben überwinden und erfolgreich auf schnellem wie langsamem Untergrund spielen. Doch in den späten Neunzigern setzte ein Trend ein, dass sich die Beläge anglichen. Sandplätze wurden schneller, Hartplätze etwas weniger dynamisch angelegt. Nun waren athletische und technische Alleskönner gefragt. Und mehr Alleskönner als Federer sind schwer denkbar.
Federer vs. Nadal: Zwei ewige Rivalen
Seine Dominanz war aber nicht nur Resultat seines überragenden Talents. Federer, obwohl noch im alten Tennis aufgewachsen, passte sich einfach schneller an die neuen Bedingungen an als fast all seine Altersgenossen. Durch die Generation um Nadal, Djokovic und Murray, die seit 2007 zusammen mit Federer das Tennis beherrschten, wurde die Ausnahme zur Norm.
Vier an der Spitze
Aber ist dieses Quartett wirklich einzigartig? Die Konstellation von vier sich stets gegenseitig zu Weiterentwicklungen und Höchstleistungen antreibenden Spielern ist fast einmalig in der Tennisgeschichte. Zeigten ein oder zwei von ihnen Schwächen, wie Nadal und Federer es in den vergangenen Jahren taten, waren noch die anderen, Djokovic und Murray, da, um die großen Titel unter sich aufzuteilen.
Auf der Verliererseite war oft die meist als "Lost Generation" betitelte Riege um Grigor Dimitrow, Milos Raonic und Kei Nishikori. Alle drei sind zweifellos hochtalentiert. Aber gelangen ihnen wichtige Siege gegen die Dominatoren, wie zum Beispiel Raonic im Halbfinale von Wimbledon im Vorjahr gegen Federer, war anschließend gegen den nächsten großen Namen, in diesem Fall Murray im Finale, Schluss. Das ist für sie vor allem historisches Pech. Denn ein Roger Federer musste bei den meisten seiner frühen Grand-Slam-Titel nicht zwei oder drei Matches gegen die Allerbesten gewinnen.
Andy Murray und Novak Djokovic
Foto: TYRONE SIU/ REUTERSFederer, Djokovic, Nadal und Murray vom Thron zu stoßen, wird daher auch nicht dieser Generation zufallen, sondern der neuen Zukunft des Tennissports. Diese heißt zum Beispiel Nick Kyrgios und Alexander Zverev. Zwei Spieler, die Federer und Co. um einen halben Kopf überragen und trotzdem beeindruckend athletisch sind. Schon die Erfolge von Juan Martín del Potro vor einigen Jahren, bevor er sich immer wieder verletzte, zeigten: Große, kräftige und agile Alleskönner sind die logische Folge der Veränderungen im Tennis.
Was noch fehlt, sah man in den vergangenen Wochen. Zverev gegen Nadal bei den Australian Open und Kyrgios in Miami gegen Federer, sie waren ganz nah dran. Beide spielten furchtlos, scheiterten allerdings an der Fitness oder Konstanz. Das dürfte sich schon bald ändern.
Zverev als French Open Sieger 2018 und Kyrgios als Triumphator in Wimbledon? Durchaus denkbar. Wenn dem so sein sollte, dann war das Jahr 2017 wieder ein Übergangsjahr.