Valentino Rossi: An Krücken auf die Maschine
Rossi-Comeback Die Wunderheilung des "Doctors"
Ein Schienbeinbruch ist eine überaus unangenehme Sache. Er schränkt die Bewegungsfreiheit ein, verursacht Schmerzen, in der Regel folgt eine wochenlange Krankschreibung. Ist man zudem als Leistungssportler tätig, kann man getrost von einer monatelangen Pause ausgehen. So lautete auch die Prognose für Motorrad-Rennfahrer Valentino Rossi, nachdem der Italiener am 5. Juni beim Training zu seinem Heim-Grand-Prix in Mugello wegen einer Unachtsamkeit gestürzt war. Ein offener Bruch des rechten Schienbeins war die Folge, noch am selben Abend wurde er operiert. Seine riesige Fangemeinde war schockiert.
Nun ist sie entzückt. Der bekannteste Motorradfahrer der Welt ist zurück. 43 Tage nach dem Crash will er am Sonntag beim Großen Preis von Deutschland auf dem Sachsenring wieder ein Rennen der MotoGP bestreiten. Getestet hat er bereits, im tschechischen Brünn. "Der Test lief sehr gut, aber ein komplettes Rennen auf dem Sachsenring ist etwas anderes. Die Rennen hier und in einer Woche in Laguna Seca brauche ich dringend, wenn ich nach der Sommerpause wieder völlig fit sein und um Siege fahren will", sagt Rossi.
Und nichts anderes als Siege zählen für den 31-Jährigen. 104 davon hat er in seiner Karriere bereits gesammelt, in nur 230 Rennen. Nur noch 18 Erfolge fehlen Rossi um den legendären Giacomo Agostini einzuholen, der in den sechziger und siebziger Jahren das italienische Motorrad-Idol war. "Das zu erreichen, ist mehr als ein Ziel", sagte Rossi einst. "Es wäre ein Traum."
Neun Weltmeister-Titel in 14 Jahren
Als 17-Jähriger stieg der "Doctor", so der bekannteste seiner Spitznamen, in die Motorrad-Weltmeisterschaft ein. In der Klasse bis 125 Kubikzentimeter fuhr er schnell in der Spitze mit, bereits sein zehntes Rennen gewann Rossi. In der zweiten Saison folgte der erste von bislang neun WM-Titeln und der Sprung eine Klasse höher. Bei den 250ern ging es noch schneller: Vizeweltmeister im ersten Jahr, der Titel in der Saison darauf. Die Motorradwelt hatte einen neuen Superstar.
Und dieser wollte weiter zu den ganz Großen. Er verließ Aprilia und wechselte zu Honda. Der japanische Hersteller bot ihm die Gelegenheit, schon im Alter von 21 Jahren in der Königsklasse bis 500 Kubikzentimeter zu fahren. Rossi gewann in vier Jahren drei Titel, wechselte dann unter lautem Getöse zu Hondas Konkurrenten Yahama. Das Ergebnis: zwei weitere Weltmeister-Titel.
Ehrenrunde mit Gummipuppe
Zwischendurch wurde die Lebenslust des 1,82 Meter großen Rossis kurzfristig getrübt. 2007 ermittelten die italienischen Behörden wegen Steuerhinterziehung gegen ihn. Rossi zahlte 35 Millionen Euro an den Fiskus und bekannte in seiner für ihn typischen Art, er sei jetzt zwar ärmer, aber auch glücklicher als zuvor.
Es ist nicht nur seine sportliche Ausnahmestellung, die Rossi so beliebt macht bei den Fans und so wertvoll für die Vermarkter und Strategen der Motorrad-WM. Es ist auch sein Humor. Denn wo Rossi ist, ist Spektakel. Gewinnt der Fahrer mit der Startnummer 46 - die auch schon sein Vater, ebenfalls Rennfahrer, trug und die sich Rossi auf den Bauch tätowieren lassen hat - bietet er oft eine spezielle Show. Einfach jubeln sei ihm zu langweilig, hat er mal bekundet. So drehte Rossi bereits eine Ehrenrunde mit einer als Claudia Schiffer verkleideten Gummipuppe auf dem Sozius. Er wollte damit Erzfeind Max Biaggi provozieren, der wenige Wochen zuvor Naomi Campell bei einem Rennen zu Gast hatte.
Rossi stand auch schon als Robin Hood verkleidet auf dem Podium, oder, um nach einer langen sieglosen Serie Buße zu tun, in Sträflingstracht. Die "Times" schrieb einst: "Der Spaß ist Rossis Sauerstoff."
Und der sportliche Ehrgeiz scheint noch nicht gestillt. Theoretisch ist die Titelverteidigung noch möglich. Nach sieben von 18 Saisonrennen liegt der "Doctor" 61 Punkte hinter dem Gesamtführenden Spanier Jorge Lorenzo (165 Punkte). Zudem gibt es Gerüchte, dass Rossi - dem auch Ferrari immer wieder Avancen macht, in die Formel 1 einzusteigen - wieder einmal vor einem Markenwechsel steht.
Der italienische Motorradhersteller und Rennstall Ducati soll ihm ein unwiderstehliches Angebot gemacht haben. Es wäre zum Ende der Karriere hin eine Beziehung, wie für Rossi geschaffen. Ein legendärer Fahrer auf einem legendären Motorrad.