Ryder Cup: Umsturz durch die zweite Garde - DER SPIEGEL
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Ryder Cup Umsturz durch die zweite Garde

Sie galten als Schwachstellen im europäischen Ryder-Cup-Team. Doch am Ende sorgten der Ire Paul McGinley und Phillip Price aus Wales dafür, dass die hocheingeschätzten US-Golfer mit einer Niederlage nach Hause geschickt wurden.
Von Andreas Lampert
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Birmingham - Als Paul McGinley am Sonntagmorgen zum Frühstück erschien, setzte er sich gemeinsam mit Pierre Fulke, Niclas Fasth und Phillip Price an den Tisch und hatte ein ernsthaftes Gespräch unter Teamkollegen. Die vier Ryder-Cup-Spieler aus Europas Team wussten, was in den nächsten Stunden auf sie zukommen würde. Ihr Kapitän Sam Torrance hatte am Abend zuvor mit einem unerwarteten Schachzug das amerikanische Team überrascht, indem er seine Aufstellung auf ungewöhnliche Weise gestaltete: Seine wichtigen Stützen Montgomerie, Garcia, Clarke und Langer schickte er früh auf die Runde und die schwächer eingeschätzten Spieler spielten eigentlich unüblich auf den hinteren Positionen, wo sie es mit Furyk, Love III, Mickelson und Azinger, absoluten Großkalibern des Golfsports, zu tun hatten.

Entscheidender Putt aus dreieinhalb Metern


"Wir wussten, dass einer von uns einen Punkt holen musste, denn es war höchst unwahrscheinlich, dass alle ersten sechs Spiele gewonnen würden", erzählte McGinley. "Es lag an uns, ob wir den Ryder Cup gewinnen würden." Dass der kleine Ire einige Stunden später den entscheiden Putt zum Sieg für das europäische Team machen würde, gehört zu der Faszination, die dieser Wettbewerb bei seiner 34. Austragung auf der "The Belfry"-Anlage in der Nähe von Birmingham auszeichnete. Denn ausgerechnet McGinley, der die gesamte Saison wegen seiner schlechten Form in diesem Jahr als Schwachstelle des europäischen Teams beschrieben wurde, lochte auf dem 18. Grün den entscheidenden Putt aus dreieinhalb Metern zum Sieg für die Europäer ein.

"Ich wusste, wie wichtig dieser Putt war. Als Golfprofi wartet man ein ganzes Leben auf eine solche Gelegenheit. Ich habe die Linie genau gesehen und wusste, dass es nur darauf ankam, die Nerven zu behalten und den Ball richtig zu treffen", beschrieb McGinley seinen Moment in der Golfgeschichte. Als der Ball ins Loch fiel, war ein Schrei zu hören, der die englischen Midlands auf nahezu ähnliche Weise erschütterte wie das Erdbeben zu Anfang der Woche: McGinley hatte gegen Furyk sein Match geteilt und den halben Punkt zum 14,5 geholt!

Die rund 45.000 Zuschauer, die an diesem letzten Tag des Ryder Cups die Tribünen füllten, lagen sich in den Armen, und Sam Torrance, der das Drama aus nächster Nähe verfolgte, sackte in sich zusammen und hatte Tränen in den Augen. McGinley nahm anschließend nicht nur ein Bad in der Menge, die begeistert Fußballgesänge anstimmte, sondern wurde samt Irlandfahne von seinen Teamkollegen in den neben dem 18. Grün gelegenen Weiher geworfen. "One Paul McGinley, there's only one Paul McGinley", wurde aus vollen Kehlen gesungen.

"Die Europäer haben uns den Arsch versohlt"


"Dies ist neben meiner Hochzeit und der Geburt meiner Kinder der glücklichste Tag in meinem Leben", ließ der Schotte wissen, dessen Taktik für den letzten Tag voll aufgegangen war. "Ich war mir sicher, dass unsere Rookies am Ende die Sache für uns herausreißen würden", schwärmte auch Jesper Parnevik, der gegen Tiger Woods sogar einen weiteren halben Punkt holte, auch wenn der am Ende völlig unbedeutend war. "Ich war sehr enttäuscht, dass der Ryder Cup schon verloren war, als ich auf die 18. Bahn kam", gab Woods anschließend zu.

US-Kapitän Curtis Strange blieb nichts anderes übrig, als seine Niederlage einzugestehen und die Taktik der Europäer zu loben. "Es war ein sehr riskanter Schachzug von Sam. Aber ich muss feststellen, dass meine Mannschaft heute von den Europäern ziemlich den Arsch versohlt bekommen hat", bekannte er.

Stiller Held Phillip Price


Doch welch diabolisches Drehbuch wurde am Sonntag geschrieben, ehe die Europäer sich den Sieg gesichert hatten. Zunächst lief alles nach Torrance' Plan. Colin Montgomerie führte bereits nach dem ersten Loch gegen Scott Hoch, und auch Sergio Garcia (gegen David Toms), Darren Clarke (gegen David Duval) und Bernhard Langer (gegen Hal Sutton) gewannen ihre ersten Löcher gegen die amerikanischen Kontrahenten. "Wir wollten schnell in Führung gehen, um die Begeisterung im Publikum zu schüren. Und Monty hat uns allen den Weg gezeigt", freute sich Torrance.

Als Montgomerie, Langer und Harrington früh ihre Spiele gewinnen konnten, konzentrierten sich die Zuschauer auf die hinteren Partien und hier zeichnete sich vor allen Phillip Price aus, der gegen den Weltranglistenzweiten Phil Mickelson ein brillantes Spiel zeigte. "Er wusste zu jedem meiner Schläge die passende Antwort", musste Mickelson anschließend zerknirscht zugeben. Price, der stille Waliser, der noch vor ein paar Wochen von der britischen Boulevardpresse aufgefordert wurde, wegen Formschwäche seinen Rydercup-Platz zur Verfügung zu stellen, stellte seine Kritiker mit einem unerwarteten "3 und 2"-Sieg über Mickelson bloß. "Das ganze letzte Jahr wurde ich bombardiert mit Negativmeldungen. Deshalb bin ich sehr stolz, was ich heute geleistet habe", freute sich Price mit seinen Teamkameraden über den unerwarteten Sieg.

Kritisch für das europäische Team wurde es allerdings noch, als sich im Flight vor McGinley/Furyk Fasth und Paul Azinger einen erbitterten Kampf um jedes Loch lieferten. Als Azinger am letzten Loch noch einen Bunkerschlag zum Birdie einlochte und einen halben Punkt für die USA rettete, sah es für einen Moment danach aus, als würde die USA doch noch die Oberhand gewinnen. Die Partien Fulke gegen Love III und Woods gegen Parnevil standen unentschieden und hätten auf den letzten Löchern noch gewonnen werden können, womit die USA den Ryder Cup verteidigt hätte. Doch dann kam McGinley, lochte den Putt und versetzte "The Belfry" in einen Rausch der Glückseligkeit.