Ryder Cup Umsturz durch die zweite Garde
Birmingham - Als Paul McGinley am Sonntagmorgen zum Frühstück erschien, setzte er sich gemeinsam mit Pierre Fulke, Niclas Fasth und Phillip Price an den Tisch und hatte ein ernsthaftes Gespräch unter Teamkollegen. Die vier Ryder-Cup-Spieler aus Europas Team wussten, was in den nächsten Stunden auf sie zukommen würde. Ihr Kapitän Sam Torrance hatte am Abend zuvor mit einem unerwarteten Schachzug das amerikanische Team überrascht, indem er seine Aufstellung auf ungewöhnliche Weise gestaltete: Seine wichtigen Stützen Montgomerie, Garcia, Clarke und Langer schickte er früh auf die Runde und die schwächer eingeschätzten Spieler spielten eigentlich unüblich auf den hinteren Positionen, wo sie es mit Furyk, Love III, Mickelson und Azinger, absoluten Großkalibern des Golfsports, zu tun hatten.
Entscheidender Putt aus dreieinhalb Metern
"Wir wussten, dass einer von uns einen Punkt holen musste, denn es war
höchst unwahrscheinlich, dass alle ersten sechs Spiele gewonnen würden",
erzählte McGinley. "Es lag an uns, ob wir den Ryder Cup gewinnen würden."
Dass der kleine Ire einige Stunden später den entscheiden Putt zum Sieg für
das europäische Team machen würde, gehört zu der Faszination, die dieser
Wettbewerb bei seiner 34. Austragung auf der "The Belfry"-Anlage in der
Nähe von Birmingham auszeichnete. Denn ausgerechnet McGinley, der die
gesamte Saison wegen seiner schlechten Form in diesem Jahr als
Schwachstelle des europäischen Teams beschrieben wurde, lochte auf dem 18. Grün den
entscheidenden Putt aus dreieinhalb Metern zum Sieg für die Europäer
ein.
"Ich wusste, wie wichtig dieser Putt war. Als Golfprofi wartet man ein
ganzes Leben auf eine solche Gelegenheit. Ich habe die Linie genau gesehen
und wusste, dass es nur darauf ankam, die Nerven zu behalten und den Ball
richtig zu treffen", beschrieb McGinley seinen Moment in der
Golfgeschichte. Als der Ball ins Loch fiel, war ein Schrei zu hören, der
die englischen Midlands auf nahezu ähnliche Weise erschütterte wie das
Erdbeben zu Anfang der Woche: McGinley hatte gegen Furyk sein Match geteilt
und den halben Punkt zum 14,5 geholt!
Die rund 45.000 Zuschauer, die an
diesem letzten Tag des Ryder Cups die Tribünen füllten, lagen sich in den
Armen, und Sam Torrance, der das Drama aus nächster Nähe verfolgte, sackte
in sich zusammen und hatte Tränen in den Augen. McGinley nahm anschließend
nicht nur ein Bad in der Menge, die begeistert Fußballgesänge anstimmte,
sondern wurde samt Irlandfahne von seinen Teamkollegen in den neben dem 18. Grün
gelegenen Weiher geworfen. "One Paul McGinley, there's only one Paul McGinley", wurde aus vollen Kehlen gesungen.
"Die Europäer haben uns den Arsch versohlt"
"Dies ist neben meiner Hochzeit und der Geburt meiner Kinder der
glücklichste Tag in meinem Leben", ließ der Schotte wissen, dessen Taktik
für den letzten Tag voll aufgegangen war. "Ich war mir sicher, dass unsere
Rookies am Ende die Sache für uns herausreißen würden", schwärmte auch
Jesper Parnevik, der gegen Tiger Woods sogar einen weiteren halben Punkt
holte, auch wenn der am Ende völlig unbedeutend war. "Ich war sehr enttäuscht,
dass der Ryder Cup schon verloren war, als ich auf die 18. Bahn kam", gab
Woods anschließend zu.
US-Kapitän Curtis Strange blieb nichts anderes übrig, als seine Niederlage
einzugestehen und die Taktik der Europäer zu loben. "Es war ein sehr riskanter
Schachzug von Sam. Aber ich muss feststellen, dass meine Mannschaft heute
von den Europäern ziemlich den Arsch versohlt bekommen hat", bekannte er.
Stiller Held Phillip Price
Doch welch diabolisches Drehbuch wurde am Sonntag geschrieben, ehe die
Europäer sich den Sieg gesichert hatten. Zunächst lief alles nach Torrance' Plan.
Colin Montgomerie führte bereits nach dem ersten Loch gegen Scott Hoch, und
auch Sergio Garcia (gegen David Toms), Darren Clarke (gegen David Duval)
und Bernhard Langer (gegen Hal Sutton) gewannen ihre ersten Löcher gegen die
amerikanischen Kontrahenten. "Wir wollten schnell in Führung gehen, um die
Begeisterung im Publikum zu schüren. Und Monty hat uns allen den Weg
gezeigt", freute sich Torrance.
Als Montgomerie, Langer und Harrington früh ihre Spiele gewinnen konnten,
konzentrierten sich die Zuschauer auf die hinteren Partien und hier
zeichnete sich vor allen Phillip Price aus, der gegen den
Weltranglistenzweiten Phil Mickelson ein brillantes Spiel zeigte. "Er
wusste zu jedem meiner Schläge die passende Antwort", musste Mickelson
anschließend zerknirscht zugeben. Price, der stille Waliser, der noch vor
ein paar Wochen von der britischen Boulevardpresse aufgefordert wurde,
wegen Formschwäche seinen Rydercup-Platz zur Verfügung zu stellen, stellte
seine Kritiker mit einem unerwarteten "3 und 2"-Sieg über Mickelson bloß.
"Das ganze letzte Jahr wurde ich bombardiert mit Negativmeldungen. Deshalb
bin ich sehr stolz, was ich heute geleistet habe", freute sich Price mit
seinen Teamkameraden über den unerwarteten Sieg.
Kritisch für das europäische Team wurde es allerdings noch, als sich im
Flight vor McGinley/Furyk Fasth und Paul Azinger einen erbitterten
Kampf um jedes Loch lieferten. Als Azinger am letzten Loch noch einen
Bunkerschlag zum Birdie einlochte und einen halben Punkt für die USA
rettete, sah es für einen Moment danach aus, als würde die USA doch noch
die Oberhand gewinnen. Die Partien Fulke gegen Love III und Woods gegen Parnevil standen unentschieden und hätten auf den letzten Löchern noch gewonnen werden können, womit die USA den Ryder Cup verteidigt hätte. Doch dann kam McGinley, lochte den Putt und
versetzte "The Belfry" in einen Rausch der Glückseligkeit.