Ryder Cup "Wir schießen nicht mit Kugeln"
Bevor das europäische Ryder-Cup-Team am vergangenen Montag in London-Heathrow in den Flieger nach Detroit stieg, erreichte Kapitän Bernhand Langer, 47, eine gute Nachricht. Mit 8,5:3,5 hatte das europäische Juniorenteam, in dem auch die deutsche Nachwuchsnationalspielerin Valerie Sternebeck (GC Velderhof) eingesetzt wurde, ihre Kontrahenten aus den USA in Westfield/Ohio vom Platz gefegt. Damit ist Europa zum zweiten Mal Sieger in dem seit 2002 ausgetragenen Vergleich.
Langer und Co. feierten den Sieg auf einem Flug über den Atlantik mit einer Schwarzwälder Kirschtorte (Black Forrest Gateau) nach dem Rezept von Langers Mutter. Darüber hinaus stand den elf Spielern - der in Chicago lebende Engländer Luke Donald reist mit dem Auto an - ein Massageraum in 10.000 Meter Höhe zur Verfügung. Schließlich ist die Golfsaison in ihrer Endphase und die ersten Wehwehchen stellen sich ein.
Gute europäische Bilanz
Doch nicht nur wegen ihrer erfolgreichen Nachfolger in spe fahren Europas beste Golfer voller Selbstbewusstsein nach Detroit, wo sie von Freitag bis Sonntag auf dem Platz des Oakland Hills Country Clubs gegen die zwölf besten Golfer der USA den vor zwei Jahren im englischen Birmingham gewonnenen Ryder Cup verteidigen wollen. Die Chancen stehen nicht schlecht, denn als Mannschaft haben sich die Europäer in den vergangenen 20 Jahren meistens stärker präsentiert, als sie auf dem Papier eingestuft worden waren. Waren die US-Golfer in den ersten 24 Begegnungen den Golfern der alten Welt nur zwei Mal unterlegen, hat sich das Blatt zuletzt gewendet. Von den neun Kontinentalvergleichen in dieser Zeit konnte Europa fünf für sich entscheiden, 1989 reichte ein 14:14-Remis um die knapp 40 Zentimeter hohe Trophäe zu verteidigen. Die US-Golfer dagegen waren nur dreimal erfolgreich.
Ryder Cup: Kampf der Kontinente
Doch der positiven Statistik zum Trotz: Das Langer-Team erwartet in den kommenden Tagen die härteste Auseinandersetzung, die es im Golf gibt. Der Druck auf die Spieler ist höher als bei einem normalen Turnier, denn mit einem Mal müssen sich die Individualisten als Team präsentieren, obwohl sie das restliche Jahr nur eigene Interessen vertreten. Dazu kommen die Umstellung von Zähl- aufs Lochwettspiel und ungewohnten Vierer-Konstellationen. "Du spielt für dein Land, für deinen Kontinent und so viele andere Menschen", schildert Langer den Stress der Ryder-Cup-Tage, "es gibt nichts, was anstrengender ist." Der Spanier Jose Maria Olazabal, der sich dieses Jahr nicht qualifizieren konnte, beschrieb die Intensität eines Ryder Cups als das Nerven aufreibendste, was er je erlebt hat: "Das einzige, was nicht zittert, ist der Schaft deines Schlägers, so lange er noch in der Tasche ist. Der Rest bebt: deine Hände, deine Knie, alles! Aber genau das macht den Ryder Cup zu so einer einzigartigen Veranstaltung."
Langer ist ein alter Ryder-Cup-Hase. Bei insgesamt zehn Kontinentalvergleichen war er seit 1981 dabei und ist nach Nick Faldo der Spieler mit den meisten Einsätzen für Europa. In Oakland Hills wird er nicht als Spieler antreten, sondern als Kapitän. Langers Putt aus zwei Metern am 18. Loch bei dem zum "War at the Shore" deklarierten Ryder Cup im Jahre 1991 auf Kiawah Island/Sout Carolina ist längst in die Golfgeschichte eingegangen und wird heute noch als der schwierigste Putt aller Zeiten betrachtet. Hätte Langer verwandelt, hätte Europa gesiegt. Doch der sonst in sich ruhende Langer verfehlte das Loch haarscharf, sackte danach mit aufgerissenem Mund zusammen und erinnerte an das Munch-Gemälde "Der Schrei". Europa verlor das feindselig ausgetragene Duell, und das amerikanische Publikum ergötzte sich in nicht enden wollenden "USA, USA"-Rufen.
Hurrapatriotismus und Psychospielchen
Seit Kiawah Island ist der Ryder Cup eine emotionsgeladene Veranstaltung, die an harte Daviscup-Nächte oder berüchtigte Fußball-Derbys erinnert, nicht an ein gepflegtes, königliches Spiel voller Ruhe und Ausgeglichenheit. Besonders beim letztmalig in den USA ausgespielten Ryder Cup, 1999 in Brookline/Massachusetts, gerieten die Ereignisse aus den Fugen, als den USA am Schlusstag eines der größten Comebacks der Sportgeschichte gelang und sich anschließend weder das angetrunkene Publikum noch die euphorisierten Spieler und Spielerfrauen an die im Golfsport geforderte Etikette hielten. Als der Amerikaner Justin Leonard im Spiel gegen Olazabal einen Putt übers gesamte Grün einlochte, stürmten US-Spieler samt Entourage mit spitzen Absätzen durch die Puttlinie des Spaniers, der noch nicht fertiggespielt hatte und durchaus die Chance zum Ausgleich besaß. Die britische Presse ist heute noch empört über den so genannten "jingoism" (Hurrapatriotismus) der Amerikaner und den Regeln überschreitenden psychologischen Scharmützeln, die von diesem Tag in Erinnerung geblieben sind.
Um derlei Eskalationen in diesem Jahr zu vermeiden, haben sich Langer und der amerikanische Kapitän Hal Sutton geeinigt, die Stimmung nicht zusätzlich anzuheizen. "Ich hoffe, die Zuschauer werden sich vernünftig und fair benehmen", sagte Langer bei seiner Ankunft in Oakland Hills, "das ist kein Krieg, wir schießen nicht mit Kugeln. Wir versuchen auch nicht, die anderen umzubringen. Wir nehmen lediglich an einem großartigen Wettbewerb teil. Wir sind Freunde."
Sutton, der vor fünf Jahren Mitglied des berüchtigten Brookline-Teams war, sagte Langer seine Unterstützung zu. "Ich habe allen meinen Spielern erklärt, dass sie sich wie Gentlemen benehmen sollen." Auch die Organisatoren wollen strikt eingreifen. "Jeder, der sich unsportlich verhält, fliegt raus. Wir werden es nicht tolerieren", sagt US-Verbandspräsident M.G. Orender. Alkohol ist für die täglich rund 40.000 Zuschauer auf der Anlage verboten.
"Hey Monty, nice tits"
Wie sehr sich Dinge kontrollieren lassen, bleibt abzuwarten. Mit Sergio Garcia steht ein Spieler in den Reihen der Europäer, der die Tradition der feurigen Spanier wie Severianos Ballesteros und Olazabal auf dem Platz fortsetzt. Zudem hat Langer mit dem Schotten Colin Montgomerie einen Spieler im Team, der allein durch sein Erscheinungsbild das amerikanische Publikum zu Äußerungen provoziert. Leicht übergewichtig und mit ernster Miene wird der 41-Jährige bei seinen Auftritten in den USA stets als "Mrs. Doubtfire" verspottet, nicht selten wird ihm ein unverschämtes "Hey Monty, nice tits" hinterher gerufen.
Das europäische Team wappnet sich vor eventuellen Eskalationen, besonders die fünf Rookies - neben Donald sind Ian Poulter, David Howell, Thomas Levet und Paul Casey erstmals dabei - geben sich kampfeslustig und optimistisch. "Wir spielen auswärts, da wird es schon einmal lauter", prophezeit der leidenschaftliche Arsenal-Fan Poulter, "die Zuschauer werden versuchen uns abzulenken und auch schon einmal während eines Schlages reinrufen. Aber das macht es alles noch viel schöner, wenn man am Ende gewinnt."