Schach: Nervenflattern in Kasparows Lager - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Schach Nervenflattern in Kasparows Lager

Mit seinem zweiten Sieg hat Herausforderer Wladimir Kramnik einen großen Schritt Richtung Weltmeistertitel gemacht. In der zehnten Partie brachte er Garri Kasparow derart in Bedrängnis, dass dieser nach 25 Zügen aufgeben musste.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

London - Schach-Genie Garri Kasparow hat eine der bittersten Niederlagen in seiner glanzvollen Karriere erlitten. Die Nummer eins der Weltrangliste verlor am Dienstagabend in London die zehnte Partie beim Zweikampf gegen seinen russischen Landsmann Wladimir Kramnik. Damit scheint eine Vorentscheidung bei der mit zwei Millionen Dollar dotierten "Braingames-Schach-WM"  gefallen zu sein. Kramnik erhöhte seinen Vorsprung auf 6:4-Punkte.

Der Herausforderer hatte Weiß und ließ Kasparow in einer Nimzoindischen Partie nicht zur Entfaltung kommen. Kramnik nutzte einen ungenauen Läuferzug Kasparows im Mittelspiel, um die schwarze Stellung wirkungsvoll zu attackieren. Kasparow wehrte sich zwar nach Kräften, konnte aber nicht verhindern, dass der Angriffsdruck seines Gegners immer größer wurde. Nach einem falschen Turmmanöver war das Spiel schnell zu Ende. Kasparow kapitulierte schon im 25. Zug, weil er sonst einen Turm gegen einen Springer verloren hätte.

In der Pressekonferenz nach der Partie demonstrierte der angeschlagene Titelverteidiger ungebrochenen Kampfeswillen. "Wenn ich zu meiner gewohnten Form finde, kann ich zurück ins Match kommen", sagte Kasparow. Er ist seit 1985 in sechs WM-Zweikämpfen gegen Anatoli Karpow (Russland/4), Nigel Short (England/1) und Viswanathan Anand (Indien/1) unbesiegt. Auch der 25 Jahre alte Kramnik, der bisher das Duell an der Themse beherrscht, äußerte sich vorsichtig: "Ich weiß, dass der Kampf noch nicht entschieden ist."

Das elfte Spiel findet nach einem Ruhetag an diesem Donnerstag statt. Kasparow hat dann die weißen Steine. Ein Vorteil, den er nur noch drei Mal für sich in Anspruch nehmen kann. Der noch sieglose Profi-Champion benötigt mindestens zwei Erfolge, um den Ausgleich zu erzielen. Bei einem 8:8-Gleichstand würde Kasparow den inoffiziellen WM-Titel behalten. Der Weltschachbund FIDE erkennt das Match nicht an.