Schach-WM "Supernerd" schlägt Lehrer
London - Auch in der 15. von ursprünglich 16 angesetzten Partien behielt Kramnik die Nerven und verteidigte seinen Zwei-Punkte-Vorsprung. Nach 38 Zügen und vier Stunden Spielzeit einigten sich die Kontrahenten am Donnerstagabend auf ein Remis. Das Unentschieden reichte dem Kasparow-Schüler zum 8,5:6,5-Triumph. Sein Lehrmeister hätte die beiden Schlusspartien gewinnen müssen, um das vor vier Wochen gestartete Duell zu seinen Gunsten entscheiden zu können. Von überschwänglichem Jubel beim Neu-Champion jedoch keine Spur. "Mittendrin hatte ich sogar oftmals das Gefühl, dass mein Kopf total leer ist", bekannte Kramnik.
Kasparow, der von den 15 WM-Partien im Londoner Hotel "Riverside" nicht eine gewinnen konnte, führte seine Niederlage auf die "exzellente Vorbereitung" Kramniks zurück. "Ich wurde nicht am Brett ausgespielt, sondern vorher. Ich war müde", erklärte der 37-Jährige nach dem Debakel. Er wolle sich den Titel jedoch wieder zurückholen. "Supernerd" Kramnik hatte für die Weltmeisterschaft mit dem Rauchen aufgehört und nach eigenem Bekunden soviel trainiert, dass er zehn Kilogramm abnahm.
Garri Kasparow war der jüngste Weltmeister aller Zeiten gewesen, als er sich 1985 die Schachkrone von Anatoli Karpow holte. Bis zu dem Duell mit Kramnik hatte er fünf Titelverteidigungen siegreich beendet. Einzig gegen einen Computer hatte Kasparow zuvor den Kürzeren gezogen: 1997 besiegte ihn der Computer "Deep Blue".
Von dieser für Kasparow völlig überraschenden Niederlage habe er sich nie richtig erholt, urteilen Experten wie der US-Altmeister Larry Evans. "Es war eine Willensfrage. Gegen Kramnik hat er in einigen Situationen aufgegeben, wenn der alte Garri Kasparow gefightet hätte."
Brillenträger Kramnik, der umgerechnet knapp drei Millionen Mark Siegprämie kassierte - Verlierer Kasparow bekam die Hälfte -, kündigte jedoch schon einmal an, es nun auch "Big Blue" zeigen zu wollen, nachdem er jeden Weltklassespieler besiegt hätte: "Das wäre eine große Herausforderung für mich."