Schur-Interview "Acht Deutsche in die Top 100"
SPIEGEL ONLINE:
Anke Huber hat sich für das Saisonfinale in New York qualifiziert, muss aber - wieder einmal - verletzt passen. Ist das Pech, oder ist das die Folge von über einem Jahrzehnt Profi-Zirkus?
Markus Schur: Ankes Körper ist schon in Mitleidenschaft gezogen. Das sieht man daran, dass sie die eine oder andere Verletzung schon sehr lange mit sich rumschleppt. Aber Ankes Handgelenksverletzung, die sie sich bei den US Open zugezogen hat, hatte auch mit viel Pech zu tun: Sie traf einen Linienball zu spät mit der Vorhand. Anke hat seitdem einen kleinen Riss im Handgelenk, und das zieht sich ewig hin. Es ist eine ähnliche Verletzung wie damals bei Boris Becker.
SPIEGEL ONLINE: Auch die Williams-Schwestern und Mary Pierce mussten auf Grund von Verletzungen absagen. Damen-Tennis ist zwar athletischer und attraktiver, aber auch kraftraubender geworden - eine gefährliche Entwicklung?
Schur: Seit Jahren häufen sich am Jahresende die verletzungsbedingten Absagen, übrigens auch auf der Herren-Tour. Das liegt darin, dass die Sportler das ganze Jahr unterwegs sind. Der Stress ist groß, Zeit- und Klimazonen werden ständig gewechselt. Wer Turniere auslässt, gerät gegenüber der Konkurrenz ins Hintertreffen. Der Druck ist deshalb da, pausenlos zu spielen, obwohl es unvernünftig ist. In diesem Jahr kam hinzu, dass Olympia zu einem katastrophalen Zeitpunkt stattfand. Direkt nach den US Open ging es in Sydney um Olympia-Gold, danach - ohne Pause - startete die Hallenserie. Der Tennis-Weltverband hat bei der Turnierplanung Fehler begangen.
SPIEGEL ONLINE: Muss die WTA-Tour reformiert werden?
Schur: Ja. Im nächsten Jahr ist zumindest ein richtiger Schritt unternommen worden. Denn die Saison ist um ein paar Wochen verkürzt worden: Das Masters findet dann schon Ende Oktober statt. Aber gleichzeitig bin ich dafür, dass die Spielerinnen im November und Dezember komplett pausieren und sich regenerieren.
SPIEGEL ONLINE: Ist es realistisch, dass diese Forderung umgesetzt wird?
Schur Nein. Es gibt Spielerinnen, die treten am Jahresende bei 75.000-Dollar-Turnieren an, um sich eventuell noch für die Australian Open zu qualifizieren. Die WTA-Tour kann niemanden vorschreiben, was er tun und lassen soll. Die Vernunft muss in den Spielerinnen selbst stecken.
SPIEGEL ONLINE: Allein Anke Huber vertritt Deutschland in den Top 50 der Weltrangliste. Frankreich zum Beispiel stellt sieben Spielerinnen. Warum steckt das deutsche Damen-Tennis in der Krise?
Schur: In der Jugendförderung ist auf falsche Konzepte gesetzt worden. Mit jungen Talenten ist viel zu spät konsequent trainiert worden. Die Mädchen haben zu lange nur Jugendturniere gespielt, und der Übergang von der Jugend- auf die Damentour ist jahrelang verpasst worden. Schnelle Erfolge kann ich deshalb nicht anbieten.
SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit drei Jahren Bundestrainer. Wie sieht Ihr Konzept aus?
Schur: Wir konzentrieren uns auf die ganz jungen Talente - in vollem Bewusstsein, dass sich das kurzfristig auf der WTA-Tour nicht positiv bemerkbar machen wird. Ich werde immer gefragt: Wann passiert denn endlich was? Wenn wir mit 13-jährigen Mädchen anfangen, dann dauert das eben vier bis fünf Jahre. In Osteuropa ist das anders. Da arbeiten schon Zehnjährige als Profis. Die können dann schon als 15-Jährige Erfolge vorweisen. In Deutschland haben wir ein anderes Gesellschaftssystem. Wir beginnen später.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Bundestrainer-Vertrag wurde gerade um zwei Jahre verlängert. Welches Ziel haben Sie sich gesetzt?
Schur: Deutschland sollte acht Spielerinnen in den Top 100 der Weltrangliste besitzen. Eine in den Top Ten, eine in den Top 20, zwei bis drei weitere in den Top 50. Das halte ich für realistisch. Eine neue Steffi Graf zu bekommen, ist nur Wunschdenken. Überhaupt kann der Verband den Erfolg nur peripher beeinflussen. Er kann sich nur darum kümmern, dass das Fördersystem gut funktioniert. Wie sich eine Spielerin individuell entwickelt, liegt weit außerhalb unserer Reichweite. Fast alle Spielerinnen haben ja Privattrainer. Wir können nur unterstützend mithelfen und beraten. Eine Garantie dafür, dass sich die Mädchen nach oben spielen gibt es sowie nicht.
SPIEGEL ONLINE: Wer könnte in die Fußstapfen der großen deutschen Spielerinnen wie Sylvia Hanika, Bettina Bunge, Claudia Kohde-Kilsch, Steffi Graf oder Anke Huber treten?
Schur: Bianka Lamade, 18, zum Beispiel hat alle Voraussetzungen. Sie hat in den letzten Monaten einen Sprung von 0 auf 125 geschafft, bis Juni wird sie in den Top 80 sein. Adriana Jerabek, 17, Carolin Raba, 16, oder Scarlett Werner, 15, brauchen noch Zeit.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben einen schwierigen Job; denn die Öffentlichkeit will schnelle Erfolge sehen. Was motiviert Sie?
Schur: In der Altersklasse unter 13 Jahren haben wir eine große Zahl an guten Spielerinnen. Als ich vor drei Jahren anfing, war die Situation dagegen katastrophal. Natürlich ist es momentan so, dass das, was die Öffentlichkeit sieht, nicht sehr positiv ist, und ich es positiv verkaufen muss. Aber weil ich sehe, welche Spielerinnen nachrücken, bin ich optimistisch.
SPIEGEL ONLINE: Im nächsten Jahr zieht das Damen-Masters von New York nach München. Wird es eine Lokalmatadorin geben?
Schur: Anke Huber wird sich mit Sicherheit qualifizieren, wenn sie nicht verletzt ist.
SPIEGEL ONLINE: Wer wird in den nächsten Jahren das Damen-Tennis dominieren?
Schur: Serena und vor allem Venus Williams. Sie werden zwar nicht so viele Turniere spielen wie der Rest der Weltspitze, aber die wichtigen Veranstaltungen werden sie dominieren, vor Martina Hingis und Lindsay Davenport.
SPIEGEL ONLINE: Welcher Spielerin trauen Sie einen großen Sprung nach vorne zu?
Schur: Die Belgierin Kim Clijsters, die in Leipzig gewann, ist mit 17 Jahren schon sehr weit. Sie ist sehr athletisch, wird sich auf jeden Fall weiter verbessern.
SPIEGEL ONLINE: Wie schätzen Sie die Perspektive von Anna Kurnikowa ein?
Schur: Als Außenstehender kann ich nicht beurteilen, ob Anna wirklich den Ehrgeiz besitzt, ganz nach oben zu streben.
SPIEGEL ONLINE: Annas Ex-Coach Eric van Harpen hat ihr im SPIEGEL-Interview mangelnde Disziplin vorgeworfen...
Schur: Ich glaube, ein Trainer hat nicht viel Einfluss auf sie. Ihr privates Umfeld allein hat das Sagen. Wie auch immer, über kurz oder lang wird auch Anna Kurnikowa einmal ein Turnier gewinnen.