Schwimm-WM Silber für das "Kampftier"
Montreal - Nach dem Sprint im Becken setzte sie zum Sturmlauf auf die Tribüne an. Schließlich warteten dort die Eltern von Anne Poleska auf ihre Tochten, um deren Silbermedaille über 200 Meter Brust gebührend zu feiern. Was für ein Tag für die Essener Schwimmerin. "Jetzt könnte ich sterben vor Glück", sagte die 25-Jährige selig und gönnte sich als Belohnung einen Döner.
Poleska empfand ein Jahr nach Platz drei bei Olympia in Athen nur pure Freude über ihre erste WM-Medaille. "Es hat mir richtig Spaß gemacht, das Feld von hinten aufzurollen", sagte die Essenerin, die dem von ihrem US-Trainer Michael Lohberg verliehenen Spitznamen "Kampftier" alle Ehre machte. "Anne hat wieder einmal bewiesen, wie durchsetzungsfähig sie ist. Sie hat ihre Chance gewittert und sie gnadenlos genutzt", zollte auch der Ralf Beckmann, Sportdirektor des Deutschen Schwimmverbandes (DSV), seiner neuen Aktivensprecherin ein Sonderlob.
In 2:25,84 Minuten blieb Poleska nur zwei Hundertstel über ihrer deutschen Bestmarke von Athen und musste sich lediglich der neuen Weltmeisterin und Weltrekordlerin Leisel Jones aus Australien (2:21,72) geschlagen geben. "Leisel schwimmt in einer anderen Welt", erklärte Poleska, die im Dezember ihr Studium in den USA beenden und nach Essen zurückkehren wird, anerkennend.
Rupprath produziert heiße Luft
Weniger freudig verlief dafür der Tag für den Olympia-Vierten Thomas Rupprath. Denn der war nach Platz zwölf über 100 Meter Schmetterling in 53,20 Sekunden restlos bedient. "Ich habe gekämpft, aber es kam mehr heiße Luft als sonstwas", erklärte der 28-Jährige, der erstmals in seiner Karriere über 50 und 100 Meter Schmetterling die Finale verpasst hatte: "Meine Eltern und viele Fans fiebern nachts um ein Uhr in Deutschland vor dem Fernseher mit, und ich habe sie alle enttäuscht. Dafür kann ich mich nur entschuldigen."
Anschließend ging der Hannoveraner mit dem Trainerstab in die Kritik und sorgte nach der Abrechnung des unmittelbar vor der WM suspendierten Europameisters Stev Theloke für neue Unruhe. "Die Vorbereitung war nicht optimal. Die Form stimmt nicht, und das geht auch Anderen in der Mannschaft so. Darüber muss man reden", sagte Rupprath und zog wütend davon. Beckmann hatte die Vorwürfe von Rupprath, der bereits nach Athen öffentliche Kritik geübt hatte, ohnehin nicht nachvollziehen können. "Wir liegen als bestes Team aus Europa auf Platz vier der Nationenwertung und schwimmen auf hohem Niveau", erklärte der 58-Jährige und konterte: "Thomas sollte über sich selbst nachdenken. Dann wird er feststellen, dass es bei ihm kein Problem der Arme oder Beine ist."
Nur 14 Stunden später relativierte Rupprath seine Kritik. "Damit war nicht der DSV gemeint. Es ging mir um unsere Trainingsgruppe aus Hannover", erklärte Rupprath. Zudem zog er in 25,44 Sekunden über seine Weltmeister- und Weltrekordstrecke 50 Meter Rücken als Vorlaufschnellster ins Halbfinale ein.