Hochseesegeln: Weiter, schneller, nasser
Hochseesegeln Wilder Ritt am Fastnet-Rock
Der Wind pfeift, vorne zieht das riesige Vorsegel, und kurz vor dem Crash fängt "Malizia" an zu singen. Das macht sie immer, wenn sie die Grenzen der Physik durchbricht, wenn eine ihrer Tragflächen sie vorne aus dem Wasser hebt, wenn sie anfängt zu gleiten, über die Wellen zu fliegen, und deshalb viel schneller wird als ein Boot dieser Länge eigentlich segeln kann.
Erst singt die futuristische Rennyacht, dann kreischt sie, jetzt schreit sie: 16 Knoten, 18, mal 22 - knapp 25 Knoten schaffen wir maximal bei diesem Rennen. Es ist das Vibrieren der Flügel, die Resonanz des Kohlefaser-Rumpfs, und oben im Cockpit lachen Boris und Pierre, dann kneifen sie wieder die Augen zusammen. Weil die Gischt über das Deck fliegt und weil es nun jeden Moment schiefgehen kann. Denn natürlich sind die Segel zu groß für diesen Wind, und natürlich wird das gefährlich.
Dann passiert es. Plötzlich läuft "Malizia" aus dem Ruder. Sie gehorcht nicht mehr, sie dreht sich, kippt blitzschnell. Eine Seite des breiten Hecks hebt sich hoch über die Wellen. Was eben noch der Boden des Cockpits war, wird zur Wand. Wir drei klammern uns fest.
Boris und Pierre fieren Leinen. Ganz langsam kommt "Malizia" wieder hoch. Segel und Schote schlagen im Wind, rütteln am Mast, das Boot schüttelt sich. Pierre wird später einen Schluck aus der Whisky-Flasche nehmen und sagen: "Du musst ans Limit gehen, sonst gewinnen die anderen." Das gilt fürs Segeln. Und wohl auch für sein Leben. Eines der Instrumente im Cockpit zeigt immer an, wieviel Prozent ihrer theoretisch erreichbaren Geschwindigkeit "Malizia" gerade schafft. Glücklich sind die beiden ab 100 Prozent.
Heute noch läuft das Fastnet-Race, die größte Hochseeregatta der Welt: Rund 400 Yachten segeln seit Sonntag mehr als 1100 Kilometer von England aus bis zum einsamen Fastnet-Rock vor der irischen Küste und zurück. Aber die "Malizia" ist schon gestern durch die Ziellinie vor Plymouth gegangen - Platz drei ihrer Klasse. Ein unmöglicher Erfolg, eigentlich.
Nur acht Stunden Training
Denn beim Fastnet-Rennen treten die besten Offshore-Segler der Welt gegeneinander an. Der deutsche Profi Boris Herrmann gehört dazu, aber für ihn und seinen Partner Pierre Casiraghi ist die "Malizia" noch neu: Pierre konnte vor dem Rennen nur acht Stunden auf dem Boot trainieren. Das ist praktisch nichts. Beide sind vergleichsweise jung: Pierre - Spross der Herrscherfamilie von Monaco, Sohn der Grimaldi-Prinzessin Caroline von Hannover - ist 29, Boris 36. Und im tückischen Revier zwischen England und Irland mit seinen Strömungen und plötzlichen Wetterumschwüngen bringt Erfahrung viel.
Die beiden nehmen mich mit, ich darf sogar einen eigenen Schlafsack mitbringen. Das ist nett, denn sie selbst teilen sich einen, weil jeder von ihnen sowieso nur vielleicht vier Stunden pro Tag schläft - und vor allem weil jedes Kilogramm zählt, wenn "Malizia" fliegen soll.
Deshalb gibt es nur zwei Löffel, zwei Gabeln, und eine Rolle Küchenpapier statt Spüle. Gegessen wird aus kleinen Tüten mit Trockenmasse, in die man heißes Wasser kippt. Und wer auf Toilette muss, legt eine größere Tüte in den Eimer, die beiden anderen gucken mal eben woanders hin. Denn die über 18 Meter lange "Malizia" ist innen bis auf den Bordcomputer und zwei Rohrkojen praktisch leer. Ihr Rumpf sieht aus wie ein Schacht im Kohlebergbau: nacktes, schwarzes Carbon überall, Streben ziehen sich quer durch den Rumpf, Schächte für die teilweise einziehbaren Tragflächen ("Foils") und weiter vorne Segelsäcke, das war's.
Die "Malizia" ist eine "Imoca 60", das ist eine Klasse von Yachten, die für Rennen um die Welt konstruiert wurden. Diese Rennen laufen über Kurse, bei denen der Wind meistens ungefähr von hinten kommt. Deshalb sind die Imocas bei solchen Winden extrem schnell. Als das Fastnet-Race beginnt, bläst der Wind aber von vorne.
"Malizia" muss kreuzen, das kann sie mit ihrem breiten Heck und dem voluminösen Vorwind-Bug nicht wirklich gut. Wir verheddern uns in einem Feld kleinerer Yachten, müssen ausweichen, wenden, nochmal wenden, es ist eine Qual. Die anderen acht Imocas im Rennen halten sich fern, an der Küste, aus gutem Grund. Als wir die offene See erreichen, liegen wir weit hinten. Und draußen bläst es natürlich auch von vorne.
In der Nacht lassen mich die beiden ein paar Stunden schlafen, als ich aufwache, schwappt Wasser durchs Boot. Irgendetwas ist schiefgelaufen. Ich hangle mich zu einer der wasserdichten Türen, die ins Cockpit führen, draußen steht Pierre, eine Selbstgedrehte im Mundwinkel. Der Himmel ist düster, und offenbar leckt die starke Pumpe, die bei jeder Wende 2,5 Tonnen Wasserballast von einer Seite des Boots auf die andere schafft. Ohne das System wäre "Malizia" chancenlos. Endlich findet Boris das Problem, einen gerissenen Schlauch, er kann ihn reparieren.
Die beiden diskutieren den Kurs, lange, denn Hochseeregatten sind ein bisschen wie Schach: Die Taktik entscheidet. Ständig läuft der Bordcomputer, das sogenannte Polardiagramm der "Malizia" ist dort einprogrammiert. Es zeigt, auf welchem Kurs und bei welchem Wind das Boot wie schnell sein kann. Dazu füttert ein Satellitensystem den Rechner mit Wetterprognosen, die nach drei verschiedenen Modellen berechnet werden. Die Pfeile auf dem Monitor sehen sehr präzise aus. Der Computer kann dann den schnellsten Kurs errechnen. Das Problem: Die Prognosen der Meteorologen stimmen jetzt nicht. Und auch nachher wird keine davon eintreten.
Der Wind ist eine ständige Gefahr
Boris und Pierre entscheiden: Wir halten uns weit draußen, es ist die richtige Entscheidung. Langsam lassen wir andere Imocas hinter uns, auch den britischen Weltrekord-Segler Alex Thomson auf seiner schwarzen "Hugo Boss". Er war vor dem Rennen der Maßstab für die beiden. Ihn zu schlagen, ist schon ein Sieg.
Nur hält die Freude nicht lange. Auf einmal schläft der Wind ein, neben der viele Millionen Euro teuren Rennyacht mit ihren Flügeln und gewaltigen Segeln paddeln kleine schwarze Vögel gemütlich übers Wasser.
Doch der Wind kommt wieder, natürlich von vorne. Bei jeder Wende müssen Boris und Pierre am sogenannten Grinder wie verrückt kurbeln, das ist Schwerstarbeit. Auf den Schoten lasten mehrere Tonnen Zug, die Seile sind starr wie Stahlstreben. Dazu müssen die beiden die 300 Kilogramm schweren Austauschsegel, die unten im Rumpf bereitliegen, auf die Luvseite zerren, auch den Proviant, die Ersatzeile - alles. Nur mit jedem Gramm auf der richtigen Seite segelt das Boot optimal.
Hochseesegeln: Weiter, schneller, nasser
Aber Pierre hat sich vor Kurzem einen Rückenwirbel angebrochen, die Ärzte haben ihm für die nächsten Wochen jeden Sport verboten. Er schluckt Schmerzmittel und andere Pillen. Der "Talisker"-Whisky hilft vielleicht auch. Ich darf nicht helfen, Imocas dürfen laut Regattareglement nur von zwei Mann gesegelt werden.
Endlich, am Dienstag, kommt Irland in Sicht, dann der Fastnet-Rock, wir müssen um ihn rum. Eine andere Imoca 60 läuft auch auf den Felsen zu, das Duell beginnt. Über den beiden Booten kreist ein Hubschrauber, die Yachten kommen sich gefährlich nahe.
Boris und Pierre wollen keinen Meter verschenken, die Crews manövrieren jetzt. Die Gennaker müssen möglichst schnell hoch, riesige Halbwindsegel sind das, denn auf dem Weg nach England wird der Wind endlich eher von hinten kommen.
Brutal und laut und hart
Als sich "Malizias" Gennaker öffnet, beschleunigt sie zum ersten Mal so, wie sie das soll: Sie hebt sich auf den Flügel der Leeseite, rauscht los - bis sie den Bug in die nächste höhere Welle rammt und fast stoppt. Dann beschleunigt sie sofort wieder. So geht das jetzt den ganzen Tag, brutal und laut und hart. Aber sehr schnell. Die andere Imoca hat keine Flügel, sie kann nicht so fliegen wie "Malizia", sie bleibt zurück.
Pierre sitzt im Cockpit, nimmt den "Talisker"-Whisky aus einer Fallentasche. Über eine Boombox spielt sein Handy Bruce Springsteen, die alten Songs: "Glory Days". Pierre lacht.
Boris und er riskieren jetzt viel, die Wellen werden bald höher, die Hecksee rauscht wie bei einem Motorboot, wir sind zu schnell für dieses Wetter. Deshalb kann der Wind "Malizia" dann auf die Seite legen. Aber deshalb können sie noch vor Land's End auch die bisherige Nummer drei der Imocas überholen.
Im Morgengrauen um kurz nach sechs Uhr deutscher Zeit überqueren wir die Ziellinie vor Plymouth. Boris und Pierre klatschen sich in die Hände, fast umarmen sie sich. Dann kommt uns ein Motorboot entgegen, es holt Pierre und mich von Bord.
Denn Boris kann wegen "Malizias" Flügeln an den Seiten hier nicht anlegen. Er dreht die Yacht vor dem Hafen und nimmt Kurs auf Frankreich, dort warten Freunde.
Und bald muss "Malizia" auch runter ins Mittelmeer, denn am 21. August startet das nächste Rennen. Von Palermo nach Monte Carlo. Natürlich soll sie dort wieder ihr Lied singen.