Seriensieger Armstrong Schneller als Superman
Als Lance Armstrong in Courchevel der Konkurrenz mal wieder eine Lehrstunde erteilt, schaut sogar Superman vorbei. Er steht am Streckenrand, und als der Tour-Dominator mit seinen verbliebenen drei Verfolgern im Schlepptau eine der letzten Kurven des Schlussanstiegs nimmt, stürmt er los. Dabei streckt Superman seinen rechten Arm mit der geballten Faust, wie er es immer macht, wenn er fliegt. Für kurze Zeit fliegt Superman neben Armstrong, doch nach wenigen Sekunden enteilt der Amerikaner. Er ist einfach zu schnell.Es ist eine schöne Szene, weil sie zu dem passt, was sich in Courchevel, einem Skiort in 2004 Metern Höhe, ereignete. Armstrong hat auf der erstenBergetappe die Konkurrenz nach Belieben beherrscht und mit einem einzigen Antritt die Mitfavoriten Ullrich, Winokurow sowie Ivan Basso deklassiert. Sein Lohn: Nach zwei Tagen Pause trägt er wieder das Gelbe Trikot. Sein direkter Vorgänger, der Deutsche Jens Voigt, verlor gestern über eine halbe Stunde auf den 33-Jährigen. Dass Armstrong am 25. Juli seine Karriere mit dem siebten Tour-Sieg beenden wird, bezweifelt nach dieser Vorstellung niemand mehr.
10. Tour-Etappe: Gipfelsturm der Wölfe
"Wir sind jetzt in einer sehr guten Position. Die wichtigsten Rivalen haben Zeit verloren", sagt Armstrong. Er hat gerade vier Stunden, 50 Minuten und 35 Sekunden im Sattel gesessen und zwei Berge der ersten Kategorie hintersich gebracht. Doch der Kapitän des Teams Discovery Channel sieht aus wie einer der 100.000 Zuschauer am Anstieg in Courchevel: entspannt, gebräunt, relaxt. "Wir müssen das Gelbe Trikot jetzt verteidigen - und amEnde könnte das natürlich auch heißen, dass ich mit diesem Trikot zurücktrete."Genau das wollte T-Mobile mit Ullrich an der Spitze eigentlich verhindern. Doch wie schon in den vergangenen vier Jahren ist die Tour für den besten deutschen Radfahrer nach der ersten schweren Etappe de facto bereits verloren. Ob Courchevel, La Mongie vor einem Jahr, L'Alpe d'Huez 2003 und 2001 oder Lourdes 2000 - unterschiedliche Orte, doch stets das gleiche Ergebnis: Die erste Bergankunft beraubt Ullrich regelmäßig der Illusion, den übermächtigen Armstrong schlagen zu können. "Es ärgert mich schon, dassich nicht dranbleiben konnte. Ich fühlte mich eigentlich ganz gut, aber bei der Attacke von Armstrong musste ich abreißen lassen", beschrieb Ullrich das Debakel von Courchevel 2005.
Fairerweise muss man sagen, dass Ullrich bei der 92. Tour de France zweimal schwer gestürzt ist und auf die 10. Etappe mit Rippenprellungen gegangen war. "Die Schmerzen haben mich sicherlich gehandicapt. Aber ich weiß gar nicht, ob sie mich am Schlussanstieg behindert haben. Ich wäre wohl auch so nicht dran geblieben", gesteht der 31-Jährige. Man muss es Ullrich hoch anrechnen, dass er seine Schwäche nicht zuerst auf seinen angeschlagenen Körper zurückführt, sondern die Überlegenheit des Gegners anerkennt. Und, natürlich, gebe es ja auch noch Hoffnung. "Auch im Vorjahr bin ich bei der Tour zum Schluss immer stärker geworden", behauptet der Gesamtvierte von 2004. Man kann solche Statements für Floskeln halten oder als Durchhalteparolen bezeichnen, Ullrich nennt es Optimismus. Was bleibt ihm auch sonst? "Ich gebe nicht auf", sagt er.Armstrong selbst hat T-Mobile noch auf der Rechnung. Zumindest sagt er es. Bei 4:02 Minuten Vorsprung auf Ullrich, 4:16 auf Andreas Klöden und 6:32 auf Winokurow kommen einem derart generöse Aussagen leichter über die Lippen. "Ich glaube nicht, dass man sie schon abschreiben sollte. Jedes gute Team kann nach einem solchen Tag zurückkommen", sagt Armstrong. Die deutsche Mannschaft habe zwar Zeit verloren, "aber wir werden sie weiter beobachten und respektieren. Ich kann nichts Schlechtes über T-Mobile sagen."
Und weil Armstrong auch ansonsten lieber Gutes sagt, lobt er neben dem eigenen Team ("Ich würde allen meinen Kollegen heute die Note eins geben") gleich noch die beiden Profis, die bei dieser Etappe für die weiterenSchlagzeilen sorgten: Mickael Rasmussen und Alejandro Valverde. Der Däne vom Rabobank-Team hat schon vor drei Tagen die Konkurrenz düpiert und in Gérardmer gewonnen. Das brachte ihm einen deutlichen Vorsprung in der Bergwertung - und offenbar die Lust auf mehr. Nach dem Ruhetag überzeugte der Kletterspezialist erneut, wurde Dritter, und ließ sich bis kurz vor dem Zielstrich auch von Armstrong nicht abschütteln. "Auf den müssen wir jetzt aufpassen. Jeder der drei, die mit mir angekommen sind, gehört jetzt automatisch zum Kreis der Kandidaten auf den Gesamtsieg", sagt Armstrong.Valverde, Tagessieger in Courchevel und Zweiter der Straßen-Weltmeisterschaften 2003, gehört demnach auch dazu. Der Spanier vom Team Illes Balears gilt in seiner Heimat als größtes Radsporttalent seit dem fünfmaligen Toursieger Miguel Indurain. Wie Indurain ist der 25-Jährige ein Naturtalent in den Bergen - die finale Attacke von Armstrong konterte er mit einem famosen Schlussspurt aus dessen Windschatten. "Für mich war es das schönste Erlebnis meines Lebens", sagte Valverde, der im Ziel noch einen respektvollen Handschlag Armstrongs bekam. Der legte später auch verbal noch nach und erklärte den Tour-Neuling in einem Nebensatz zur "Zukunft des Radsports".Klöden sauer, Ullrich und Winokurow übersäuertDiese sieht bis auf weiteres für T-Mobile nicht rosig aus. Der schon als neuer Kapitän gehandelte Winokurow, vor der Etappe noch aussichtsreich im Rennen um den Toursieg, brach am letzten Anstieg ein und kam mit mehr als fünf Minuten Rückstand ins Ziel. Wortlos begab er sich in das Teamhotel, um sich wenig später doch noch zu äußern. Er sei sehr enttäuscht, erklärte Winokurow: "Ich war so motiviert." Den von Teamarzt Lothar Heinrich vermuteten "Hungerast" bestritt der Kasache jedoch. Er sei blockiert gewesen.Der Kapitän angeschlagen, der Chef in spe abgeschlagen. Da passt es ins Bild, dass auch der dritte im Bunde der Bonner Topfahrer nicht glücklich war. Im Gegenteil: Andreas Klöden war sogar ziemlich angefressen. DerTour-Zweite des Vorjahres, der in den Vogesen bereits mit einer erfolgreichen Attacke aufgefallen war, wollte im Ziel und auch später keinen Kommentar abgeben. Der Grund für die Verstimmung: Klöden war von der sportlichen Leitung zu Ullrich nach hinten beordert worden, als dieserschwächelte. So hielt sich zwar dessen Rückstand auf Armstrong in Grenzen, doch womöglich hat T-Mobile mit dieser Anweisung auch eine Platzierung auf dem Podium in Paris verspielt. An mehr darf man ja nicht denken. Jedenfalls nicht, solange Armstrong noch fährt.