Sieg gegen Polen: Mit einer Hand im Halbfinale - DER SPIEGEL
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Sieg gegen Polen Mit einer Hand im Halbfinale

Fliegende Schuhe, katastrophale Schiedsrichter und lachende Gesichter: Die DHB-Handballer haben durch den Sieg über Polen die Hauptrunde erreicht und beste Chancen auf das Halbfinale. Dabei zeigte das Team eine überzeugende Leistung, mit der nur ein Spieler nicht ganz zufrieden war.
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Die Schuhe flogen tief im Kabinentrakt der polnischen Handball-Nationalmannschaft. Kurz nach der 23:30 (11:14)-Niederlage gegen Deutschland ließ Polens Rückraumspieler Michal Jurecki seinem Frust freien Lauf und damit seine Fußbekleidung fliegen. Wenige Meter entfernt klatschten sich die deutschen Spieler ab - voller Freude über den deutlichen Erfolg und den damit verbundenen Gruppensieg.

Weil Mazedonien im ersten Spiel des Tages gegen Russland gewann, gehen die Deutschen ohne Minuspunkt in die Hauptrunde. Eine äußerst komfortable Ausgangslage, die den Einzug ins Halbfinale realistisch erscheinen lässt. Auch wenn Torhüter Carsten Lichtlein warnt: "Dänemark ist als Europameister automatisch ein schwerer Gegner. Die Norweger spielen ähnlich stark und Serbien ist eine typische Jugo-Mannschaft - die werden sehr hart spielen. Darauf müssen wir uns einstellen." Mit der glänzenden Ausgangslage von 4:0 Punkten startet die Mannschaft von Bundestrainer Heiner Brand in die Hauptrunde in Zadar. Dort trifft sie am Samstag auf Serbien, am Sonntag auf Norwegen und am Dienstag auf den ebenfalls ungeschlagenen Europameister Dänemark (alle 17.30 Uhr/Liveticker SPIEGEL ONLINE).

"An einem guten Tag können wir jede Mannschaft schlagen", hatte Bundestrainer Heiner Brand vor der WM in Kroatien gesagt. Donnerstag war so gesehen ein guter Tag. Ein sehr guter sogar. Denn zum ersten Mal bei diesem Turnier hat das DHB-Team nahezu restlos überzeugt. Und das ausgerechnet gegen ein Spitzenteam wie Polen. "Ich bin sehr zufrieden mit diesem Auftritt. Die Mannschaft hat die wichtige Erfahrung gemacht, dass sie auch gegen Topteams bestehen kann", freute sich Brand, der diese Entwicklung nach eigener Aussage vor einer Woche selbst noch nicht für möglich gehalten hätte. "Jetzt wollen wir ins Halbfinale", sagte Kreisläufer Sebastian Preiß selbstbewusst.

Brand hatte schon vor Beginn des Spiels für die erste Überraschung gesorgt. Nicht Stammtorhüter Johannes Bitter stand im Kasten der Deutschen, sondern dessen Vertreter Lichtlein. Bitter hatte am Mittwoch beim 33:23 gegen Mazedonien einen schwachen Start erwischt, sich aber zum Ende der zweiten Halbzeit gesteigert. Dennoch schickte Brand Lichtlein bei der Neuauflage des WM-Finales von 2007 ab der ersten Minute aufs Feld. "Ich habe das heute Morgen beim Frühstück erfahren und war schon ein wenig überrascht, dass ich in so einem Spitzenspiel ran durfte. Zumal Jogi ja bisher auch nicht schlecht gehalten hat", sagte Lichtlein.

Der 28-Jährige rechtfertigte Brands Vertrauen und entschärfte 17 der 38 Torversuche des ansonsten so treffsicheren polnischen Rückraumes. Damit gab der Lemgoer seinem Team die nötige Sicherheit, um aus einer starken Abwehr heraus ein selbstbewusstes Angriffspiel zu starten, das am Ende zu diesem deutlichen Erfolg führte. "Carsten hat sensationell gehalten", lobte Rückraumspieler Holger Glandorf.

"Das war ein Bauchgefühl, ein Versuch", lautete Brands Antwort auf die Frage, warum er sich gegen Bitter und für Lichtlein entschieden hatte. "Carsten hat in der Vorbereitung einen guten Eindruck gemacht, gerade bei Rückraumwürfen", so Brand. Zudem habe Bitter zwei Partien nahezu komplett durchgespielt. "Ich habe mir von Carsten die nötige Frische erhofft, das hat er dann bestätigt", so Brand, dessen Plan einmal mehr aufging.

Doch gegen Polen überzeugte nicht nur die Abwehr, in der Lars Kaufmann früh den Mittelblock mit Oliver Roggisch stellen musste. Roggischs etatmäßiger Nebenmann Preiß hatte bereits nach achteinhalb Minuten zweimal zwei Minuten bekommen und stand damit kurz vor einer Roten Karte. Auch vorne lief es - diesmal besonders über den Positionsangriff. Michael Kraus führte von der Rückraummitte Regie und war mit sieben Toren auch gleichzeitig der beste Werfer. Die Halben Pascal Hens (5 Tore) und Glandorf (6) brachten zusammen fast 50 Prozent ihrer Versuche (24) im Tor des Vizeweltmeisters unter. Die Außen Torsten Jansen (5 Versuche/4 Tore) und Christian Schöne (6/5) zeichneten sich einmal mehr durch ihre konsequente Chancenverwertung aus. Auch Kreisläufer Preiß (3/2) scheint im deutschen Angriffspiel angekommen zu sein. Den Rest besorgte der Gegner, der mit zunehmender Spielzeit mürbe und damit anfälliger wurde.

"So viele technische Fehler habe ich bei den Polen noch nie gesehen", staunte Jansen nach der Partie. Der Linksaußen vom HSV Hamburg bremste die Euphorie seiner Teamkollegen allerdings ein wenig. "Bei uns lief auch längst noch nicht alles perfekt. Wir sind vorne manchmal noch zu ungeduldig und haben hinten teilweise zu offensiv gespielt", kritisierte der 32-Jährige. Mit Kritik an den portugiesischen Schiedsrichtern Ivan Cacador und Eurico Nicolau, die teilweise abenteuerliche Entscheidungen trafen, hielt sich Jansen dagegen zurück, auch wenn man ihm deutlich ansah, dass es in ihm brodelte: "Kein Kommentar, vielleicht haben wir die ja im Turnier noch mal." Kreisläufer Preiß fand wesentlich deutlichere Worte. "Was die gepfiffen haben, hat mit Handball nicht viel zu tun gehabt. Das waren unsere schärfsten Gegner heute", so der Lemgoer.

Auch Polens Trainer Bogdan Wenta ging hart mit dem unerfahrenen Gespann, das sein erstes großes Turnier pfeift, ins Gericht, richtete seine Kritik dabei aber in erster Linie an den Weltverband IHF: "Da sollte man mal die IHF fragen, warum man bei einem Spiel, in dem es um soviel geht, nicht erfahrene Schiedsrichter einsetzt", so Wenta. "Die Leute, die da am großen Tisch sitzen, nicken bei Kritik von uns immer mit dem Kopf, aber es passiert einfach nichts."

Die Schiedsrichter hatten immer wieder Hektik in eine überwiegend faire Partie durch nicht nachvollziehbare Zeitstrafen und Fehlentscheidungen auf beiden Seiten gebracht und wurden von den Spielern auf dem Feld teilweise offen ausgelacht. Hätte dieses Gespann bei einem knapperen Spielstand ähnlich viele Fehler begangen, hätten es die Halle wohl besser durch den Hinterausgang verlassen. "Die Jungs waren heute total überfordert", gab dann sogar ein Technischer Delegierter des Organisationskomitees zu. Bleibt zu hoffen, dass Jansen sich irrt und dieses Gespann bei dieser WM höchstens noch in der Trostrunde eingesetzt wird.