Ski alpin Abfahrt auf Crash-Kurs
Olympia-Hoffnung Kucera: Saison mit Schienbeinbruch beendet
Foto: OLIVIER MORIN/ AFPHamburg - Thomas J. Lanning hatte sich für diesen Winter viel vorgenommen. Die Vorsaison war nach einem Sturz in Kitzbühel komplett verkorkst, jetzt sah der US-Amerikaner die Zeit gekommen, wieder anzugreifen. Im Februar wartet schließlich der Saisonhöhepunkt Olympia. Also stürzte sich Lanning zum Auftakt des Winters die Abfahrtsstrecke im kanadischen Lake Louise herunter. An einem Tor erwischte er die Kurve falsch, nahm das halbe Tor mit seinem rechten Ski mit und versuchte, die lästige Torfahne, die an seinem Ski hängengeblieben war, mit einem Schlenker loszuwerden. Dabei geriet er mit seinem rechten Ski kurz auf seinen linken, verlor die Balance, überschlug sich und landete im Fangzaun. Ein alptraumhafter Sturz, Lanning schrie vor Schmerz - alles live im Fernsehen zu sehen und zu hören. Diagnose: Nackenwirbel gebrochen, das linke Knie ausgekugelt.
Ob Lanning jemals wieder Ski fahren kann, weiß niemand. Die Olympia-Saison ist auf jeden Fall für ihn vorbei, bevor sie richtig begonnen hat - wie für Abfahrtsweltmeister John Kucera, wie für die österreichische Ex-Weltmeisterin Nicole Hosp, wie für den italienischen Super-G-Vizeweltmeister Peter Fill, wie für das Schweizer Großtalent Sandra Gini. Eine Sportart frisst ihre Kinder, und bei der Suche nach der Ursache herrscht Uneinigkeit.
"Alle sind sich bewusst, dass diese Bilder dem Sport nicht zuträglich sind", sagt Ralph Eder, der Sprecher des Deutschen Skiverbandes (DSV). Dass die Sportler unter dem Druck einer Olympia-Saison bewusst ein höheres Risiko in Kauf nehmen, glaubt er nicht: "Wir bewegen uns hier ohnehin dauernd im Grenzbereich. Grundsätzlich sind sich die Damen und Herren absolut bewusst, dass sie eine Risikosportart ausüben."
Eine Risikosportart, die offenbar einen Punkt erreicht hat, wo das Risiko unkalkulierbar geworden ist. Die Strecke in Lake Louise gilt als eine der leichteren im Weltcup-Terminkalender, dennoch erwischte es außer Lanning auch Kucera auf der Piste. Der große Hoffnungsträger des Gastgeberlandes für Olympia in Vancouver erlitt einen Bruch des linken Schien- und Wadenbeins. Einen Start in Vancouver kann er vergessen. Den Finnen Marcus Sandell erwischte es in der Vorbereitung noch schlimmer. Nach seinem Trainingssturz im Pitztal musste ihm eine Niere entnommen werden. Erinnerungen an den Horrorsturz des Österreichers Matthias Lanzinger wurden wach. Dem Fahrer musste nach seinem Unfall im März 2008 der Unterschenkel amputiert werden.
Breitere Skier - höheres Risiko?
Eder spricht zurückhaltend von einer "Verkettung unglücklicher Umstände", Österreichs Top-Fahrer Benjamin Raich will das als Erklärung nicht akzeptieren. Für ihn liegt die Ursache klar auf der Hand, beziehungsweise unterm Fuß. Die breiteren Skier, die der Internationale Skiverband Fis vor zwei Jahren eingeführt hatte, sind nach seiner Lesart schuld: "Ich verstehe nicht, dass man nicht kapiert, dass diese Ski gefährlicher sind", wird er im österreichischen "Standard" zitiert.
Die Fis hatte die Ausrüstung 2007 eigentlich verändert, um die Sicherheit der Aktiven zu verbessern. Zudem wurde die Standhöhe auf den Skiern verringert, die Schuhe sind immer leichter und dünner geworden.
All das aber, so Raich, habe die Gefährlichkeit des Sports erhöht. Unterstützung erhält er von der Sportmedizin. Christian Fink, Chirurg an der renommierten Innsbrucker Unfallklinik Hochrum, sagte zu SPIEGEL ONLINE: "Die Rennläufer haben ein gutes Gefühl dafür. Tatsache ist, dass trotz Regeländerungen die Skier noch aggressiver geworden sind." Fink hat zahlreiche österreichische Spitzensportler in seiner Klinik operiert. Zuletzt war Nicole Hosp nach ihrem schweren Sturz in Sölden bei Fink unterm Messer.
Die Verbände sind in ihren Schuldzuweisungen vorsichtiger als Raich. Eder betont, dass die Fis schon bemüht sei, "die Risiken so weit wie möglich zu minimieren". Vor jeder Abfahrt seien mindestens zwei Trainingsläufe vorgeschrieben, und die Trainer "wirken auch mal auf die Fahrer ein, wenn einer zu forsch zur Sache geht". Ansonsten sei der Skisport "aber schon ein Sport mit hoher Eigenverantwortung". Letztlich müsse man, so der DSV-Sprecher, auch sehen, dass "Kreuzbandverletzungen einfach immer schon zum Skifahren dazugehört haben".
DSV-Funktionär Eder bringt ein anderes Thema ins Spiel: "Wir bewegen uns gerade bei der Abfahrt im Spannungsfeld zwischen attraktiven TV-Bildern und dem Risiko, das der Athlet eingeht." Je schneller, je atemberaubender es den Berg heruntergeht, je weiter die Sprünge über die Kanten werden, desto mehr schauen am Fernsehen zu. Eine Entwicklung, die für Eder an ein Ende angekommen ist. Er appelliert denn auch an die Kreativität der Fernsehmacher. "Mittlerweile ist die TV-Übertragungstechnik so ausgefeilt, dass man ein Rennen auch hochattraktiv zeigen kann, ohne das Risiko für die Fahrer zu erhöhen."
Bis dahin geht die Sturzserie weiter. Die erste Bilanz des Trainings von Beaver Creek, wo die Herren am Wochenende gastieren: Kreuzbandriss und Saisonende für das österreichische Top-Talent Max Franz, Sturz und Knieverletzung bei seinem Weltklasse-Landsmann Rainer Schönfelder. Die Strecke von Beaver Creek heißt übrigens "Birds of Prey". Raubvögel.