Ski alpin Papa statt Piercings
Nur auf dem Papier hat Janica Kostelic eine Wespentaille. Zwei Dreiecke, Spitze auf Spitze stehend, so sieht sie aus, die Ski-Königin. In den Augen ihres Vaters und Trainers Ante zumindest. Der hat die Dreiecke auf ein Blatt gezeichnet. Es sind Janicas Leistungskoeffizienten der letzten zwölf Jahre. "Dieses Jahr", sagt der alte Kostelic mit der Gelassenheit eines Genforschers, der seine Laborratte zu kennen glaubt, "dieses Jahr müsste sie eigentlich explodieren."
Sie. Die Leistungskurve von Janica. Im Februar sind Olympische Spiele. Dann beginnt, von langer Hand geplant, Familie Kostelics Operation Gold. In natura hat Janica Kostelic keine Wespentaille. Die Ski-Gesamtweltcup-Siegerin der letzten Saison, die erste aus einem exkommunistischen Land, Nationalheldin in ihrer Heimat seitdem, geehrt mit dem Fürst-Branimir-Orden, belohnt mit einer eigenen Briefmarke und mit einer Audienz beim Präsidenten wie sie da so auf ihrer Bauernholzbank sitzt, ist sie ein ziemlich starkes Stück Kroatien.
Fliehkräfte, Kippstangen, Trainingseinheiten
Genau genommen sitzt sie nicht. Sondern blockt. Verschanzt sich. Versteckt mit jedem Wort, das sie sagt, ein Stück ihres Innersten hinter einer Wand aus Fleisch und Muskeln. Und verschleiert kalkulierte Einsilbigkeit mit mädchenhaftem Lächeln. Janica Kostelic mag keine Fragen. Es sei denn, es ginge um Milka-Schokolade, das Produkt ihres Sponsors, oder um Kroatien, Spaltprodukt ihres Geburtslandes Jugoslawien. Oder, natürlich, um ihren Sport: um Carving-Ski, Fliehkräfte, Kippstangen, Trainingseinheiten. Aber davon wollen ja die meisten Journalisten nichts hören.
Die hören lieber Gerüchte: über ein Mädchen, das vom Vater zum Erfolg gedrillt wurde. Das, aus bitterer Armut zum Übernachten am Gletscherfuß gezwungen, vor Heimweh nach Zagreb und nach der Mama fast magersüchtig geworden, am Ende, wider Willen quasi, Weltstar wird. Gruselgeschichten?
"Ich liebe meinen Vater"
"Ich liebe meinen Vater", sagt Janica Kostelic. Der Vater sitzt daneben in der halb dunklen Küche des Familienquartiers und spitzt die Ohren. "Sie will acht Stunden pro Tag fahren, ich nicht", sagt er nach einer Pause. "Stimmt", sagt sie. Sie tue alles aus eigenem Antrieb. Und: Sie sei damals mit 56 Kilo nicht magersüchtig gewesen und sei derzeit, mit an die 76 Kilo, nicht fett.
"Ich bin jetzt normal", verkündet die beste Skiläuferin der Welt, und strafft sich. Nach überstandener dritter Knieoperation will Janica Kostelic ab sofort wieder starten und siegen. Und am 20. Februar 2002 in Salt Lake City beim Spezialslalom Olympiagold gewinnen. Alles andere ist ihr egal: "Die Journalisten sollen schreiben, was sie wollen."
Nur ein Skiberg in ganz Kroatien
Die Journalisten schreiben, dass die alpine Branche seit mehr als einem Jahr über Janica Kostelics mysteriösen Zuwachs an Masse munkle; dass Österreichs altgedienter Skitrainer Karl Frehsner die Kroatin spöttisch eine wedelnde "Kompaktanlage" genannt habe; und dass Kostelic, sportlich und geografisch gesehen, ein kleines Weltwunder auf zwei Skiern sei.
Kommt aus einem Land, das 1778 Kilometer Adriaküste und 1185 Inseln hat, aber nur einen Skiberg, den 1032 Meter hohen Bärenhügel. Und steht dennoch auf den Brettern, traumsicher wie eine Zillertaler Almbauerntochter. Im März, im schwedischen Åre, mit fliegenden Zöpfen unter dem Milka-Helm und mit eingerissenem Meniskus, hat Janica Kostelic, umnebelt vom Freudenfeuer kroatischer Fans, den Zielstrich überquert als jüngste Gesamtweltcup-Siegerin seit 16 Jahren. Acht Slalomrennen in Folge hatte sie in dieser Saison schon gewonnen. Nicht einmal Gustav Thöni oder Vreni Schneider, Alberto Tomba oder Ingemar Stenmark ist das gelungen. Wer zu Janica Kostelic durchdringen will, stößt immer wieder auf Gips auf Ante Kostelic, Janicas Vater, in Kroatien "Gips" genannt, weil als harter Hund so geschätzt wie verschrien. Er trainiert und erklärt seine Tochter.
Gips selbst war Handballprofi in Cannes und Trainer der jugoslawischen Frauen, die in Moskau 1980 Olympiasilber holten. Ein Typ, der sich als zu kurz geratener Jungspund Pappe in die Schuhe legte, um den Mädchen besser imponieren zu können, und der sich als Erwachsener im Pass vier Jahre älter machen ließ. Im sozialistischen Jugoslawien durften Profisportler erst mit 28 Jahren ins Ausland wechseln. Bei Gips siegte das Fernweh über das Verständnis für die Linie der Partei.
Kleinkinder als mögliche Olympiasieger
Einer wie er sieht im Leben vor allem Chancen und schon in Kleinkindern mögliche Olympiasieger. Janica und ihren zwei Jahre älteren Bruder Ivica hat er zeitig den Bärenhügel hinter Zagreb hochgescheucht. Die Kinder joggten durch Slalomtore bergauf, der Vater nahm das Auto. Seit vorvergangenem Sonntag, als Ivica in Aspen (Colorado) seinen ersten Weltcup-Slalom gewann, ist Gips seiner Vision wieder ein Stück näher gekommen.
In Kroatien erinnern sich nun manche an jenen Tag im Jahr 1989, Janica ist sieben damals, Ivica neun, und Jugoslawien noch eine sozialistische Bundesrepublik, als Gips das rosa Häuschen des Ski Klubs Zagreb von 1918 betritt. Als er den Clubraum stürmt, mit all den Vitrinen voller Pokale, ruft: "Wisst ihr was?", und dann: "Ich will einen Weltmeister machen. Durchschnitt interessiert mich nicht."
Reisen ins Land der richtigen Berge
Die meisten Ski-Klub-Mitglieder lachen damals über den scheinbar Irren. Nur der smarte Arzt Ivo Drinkovic nicht. Er kennt und schätzt Gips, den arbeitslosen Handball-Lehrer, als Besessenen. Drinkovic nimmt Janica, die eigentlich lieber Basketball oder Tennis spielen will, unter seine Obhut, bringt ihr Skifahren bei und legt später Geld dazu für die teuren Reisen nach Österreich, ins Land der richtigen Berge.
Dort trainieren sie heute noch, dort liegt der Schlüssel zum Erfolg. Janica Kostelic wohnt zum Gletschertraining dicht bei Hintertux, Ferienwohnung Christine, nächst rauschendem Gebirgsbach. Steht auf um zehn vor sieben, legt los um Viertel nach acht. Wochenlang, monatelang.
Oben am Gletscher, Sektion 3, in 3260 Meter Höhe, Piste 7, wo bei Frost und Nebel bisweilen die eigenen Skispitzen nicht zu sehen sind, da keult Janica Kostelic. Sie macht bis zu 700 Slalomtore, das entspricht etwa sechs Wettkämpfen zu je zwei Läufen an einem Tag. "Training ist Training. Die anderen Mädchen trinken lieber was, reden oder schauen durch die Gegend", sagt Janica Kostelic: "Aber das kann ich auch abends tun."
Keine Piercings in Zunge und Nabel
Solche Sätze gefallen Gips. Denn sie könnten von ihm selbst sein. Auch er ist ein Freund ernsthafter Arbeit. Nichts um Janica herum überlässt er dem Zufall. Wenn Gips sieht, dass Janica gepierct ist, wie unlängst an Zunge und Nabel, weil sie das sexy fand, dann fragt er, ob sie nun durchdrehen wolle wie manche Österreicherinnen mit ihren grünen Haaren. Wenig später schon vernarben in Zunge und Nabel die Löcher.
Manchmal wehrt sie sich. Nimmt einem Journalisten den Block weg und schaut, was der schreibt. Haut mit ihrem Audi zwischen zweimal Training ab, um sich zu amüsieren. Und stellt ihren Vater vor die Alternative, statt kroatischen Specks österreichische Germknödel zu bekommen oder ihre Karriere zu beenden. Kleine Alarmzeichen für Papa, mehr nicht. Ungefähr so, als hätte Steffi Graf verkündet, trotz Eis und heißen Himbeeren sei sie vorläufig nicht mehr dazu zu bewegen, Bälle über Sofalehnen zu schlagen.
Jahre über Jahre protokolliert
Abend für Abend seit 13 Jahren sitzt Ante Kostelic vor seiner Kladde und zieht Bilanz. 1988, Janica war damals sechs, hat er mit den Eintragungen begonnen. Einen blauen Kugelschreiber in der Hand, führt er seither auf, wie viel sein Mädchen am Tag trainiert hat. Das Ergebnis sind Protokolle von mehr als einem Jahrzehnt der Entbehrung. Seit 1994 gehorcht das Programm einem Zwölfjahresplan von Gips für Janica entworfen.
Der Schlüssel zur wissenschaftlichen Annäherung an die These, dass aus dem Kind Janica Kostelic einmal ein Weltstar werden könnte, liegt 1980 in Moskau. Damals hat Gips als Handball-Nationaltrainer während der Olympischen Spiele den großen Medwedew getroffen.
Alexej Sidorowitsch Medwedew, heute 66, zweimal Weltmeister im Gewichtheben für die Sowjetunion, noch immer an der Russischen Staatsakademie für Körperkultur graue Eminenz für Trainingsmethodik, war im kommunistischen Osten einer der Säulenheiligen wissenschaftlich betriebenen Leistungssports.
Langjähriger Trainingsaufbau
Der Kern seiner Lehre vom langjährigen Trainingsaufbau lautet: erst extensiv, also langsam und viel üben, später intensiv. In Abhandlungen wie "Voraussetzungen für die Erarbeitung eines Steuerungssystems für den mehrjährigen Trainingsprozess" (Moskau, 1986) beschreibt Medwedew die Etappen von der Talentauswahl über die "Herausbildung der sportlichen Meisterschaft" bis zum Durchbruch auf internationaler Ebene.
Papa Kostelic sagt, er trainiere Janica und Ivica bis heute nach Medwedew. Er hat die vorrangig auf Gewichtheberdaten von Dynamo Moskau basierenden Karriereabläufe studiert. Für Gips ist sportliche Ausbildung seither ein langer Tunnel und die Goldmedaille am Ende das Licht.
Schon als Janica neun ist, sucht der Vater einen Redakteur auf und legt los. Zeichnet eine Schlangenlinie auf ein Blatt Papier und sagt: "Normale Slalomfahrerinnen fahren so", fügt dann eine zweite Linie hinzu, einer lotrechten Geraden nicht unähnlich, und sagt: "Janica fährt so." Was als Geburtsanzeige eines Wunderkinds verstanden werden soll, bleibt damals weit gehend unbeachtet. Also geht Gips weiter seinen Weg allein. Janica räumt Wettbewerbe für Kleine ab wie die Croupiers liegen gebliebene Jetons. Wenn die Ersparnisse fürs Hotel nicht mehr reichen, schläft der ganze Clan bei strengem Frost im Freien vom Vater abgeschirmt durch Seitenwände aus Styropor.
Kinderschinderei oder nicht, mit gerade 16, bei Olympia 1998 in Nagano, fährt Janica alle fünf Wettbewerbe und wird Achte in der Kombination. Im November desselben Jahres, nach ihrem erst sechsten Weltcup-Start überhaupt, spricht sie bereits vom Gesamtsieg. Anfang 1999, in St. Anton, fährt sie staksig und noch ohne Helmsponsor erstmals auf Rang 1.
Kaderschmiedekind auf dem Weg in die Marktwirtschaft
Janica Kostelic ist zum damaligen Zeitpunkt ein Kaderschmiedekind auf dem Weg in die Marktwirtschaft. Und geht, mit ihrer Mischung aus sowjetischer Trainingslehre und amerikanischem Englisch, als junge westöstliche Diva durch. Natürlich erregen sie und die Ihren Aufsehen. Den Girardellis darin nicht unähnlich, der Familie des einst unter luxemburgischer Flagge siegenden Allrounders Marc Girardelli, stehen auch die Kostelics im Ruf der Eigenbrötler in einer dem Takt Kunstschnee spuckender Kanonen gehorchenden Skisport-Interessengemeinschaft.
Das liegt, zum einen, an Gips selbst. Der verblüfft im sonst eher schmalspurigen Skizirkus, indem er streut, er halte es wie der Herzog von Alençon im Hundertjährigen Krieg: "Ich bin immer für Angriff." Das liegt, zum anderen, aber auch an Leuten wie dem Bodybuilder, ehemaligen Turmspringer und Hilfstrainer Slaven Petrovic dem Mann, von dem keiner so genau weiß, was der mit Janica eigentlich macht.
Slaven Petrovic, 36, hauptberuflich Betreiber des Fitness-Studios Sil in Zagreb, Besitzer eines Karelischen Bärenhundes und eines Professorentitels der Körperkultur, ist ein bunter Vogel. Von ihm gibt es Bilder mit geschwollenen Muskelsträngen, da posiert er wie Schwarzeneggers schmalbrüstiger Stiefbruder.
Werbung für blähendes Kraftfutter
Von Petrovics Homepage bis zur Werbung für blähendes Kraftfutter oder zum Verweis auf anabole Steroide ist es nur einen Klick und eine laue Warnung weit: "Steroide sind jetzt ein sehr umstrittenes Thema. Anfänger sollten wissen: nicht mit Vitaminen und Proteinen mischen." Gips hingegen legt Wert darauf, dass sein Stall sauber ist: "Bei uns finden sie höchstens Knoblauch", spottet er.
Einer wie Petrovic sorgt für Heiterkeit, wenn er Kristina Koznick oder Martina Ertl im Sessellift erklärt, wie Skilauf funktioniert. Doch er kann helfen, wenn Janica nach Operationen wieder auf die Beine kommen muss. Dreimal in zwei Jahren ist sie am Knie operiert worden, zuletzt im September ein Tribut wohl auch an die Carving-Technik, die mit stark taillierten Skiern engere Kurvenradien befiehlt, höhere Fliehkräfte schafft, stabilere Knie verlangt.
System des alten Ostens
Das System Kostelic aber, also das System des alten Ostens, kennt keine Wehleidigkeit. Das System Kostelic steht für Vorwärtsbewegung, für den Glauben an den Triumph des Willens, für eine Denkschule, die davon ausgeht, dass auch Nomaden carven lernen könnten, wenn nur der Trainingsaufbau stimmt. Folgerichtig rüsten sich jetzt, trotz zusammengerechnet sieben Operationen in vier Jahren, die Kostelic-Kinder aus Kroatien, um in Salt Lake City Geschichte zu schreiben. In Ivica Kostelics Tagebuch steht: "Osvojit cu zlatnu olimpijsku medalju" Ich werde die Goldmedaille gewinnen.
"Nach der Lehre von Professor Medwedew explodieren Jungs mit 22 und Mädchen mit 20", prophezeite Ante Kostelic im Herbst: "Erst in diesem Alter kommen die wirklichen Resultate." Zwei Monate später, genau zwei Tage nach seinem 22. Geburtstag, gewinnt Ivica Kostelic dann sein erstes Weltcup-Rennen mit Startnummer 64. Janica Kostelic ist vorläufig noch 19. Das Alter, in dem sie nach Berechnungen ihres Vaters losgehen wird wie eine Rakete, erreicht sie am 5. Januar 2002 34 Tage vor Beginn der Olympischen Spiele.
Walter Mayr