Skifliegen Absage nach Athleten-Aufstand
Vikersund - Den Machtkampf zwischen den Skispringern und der Jury stoppte letztlich der Regen. Nach stürmischen Turbulenzen auf und neben der Schanze fiel bei der 16. Skiflug-Weltmeisterschaft am Samstag in Vikersund der erste Wertungstag regelrecht ins Wasser. Auf Druck der Athleten hatte die Jury am Vormittag den Wettbewerb nach 20 von 50 Springern abgebrochen. Es folgten hitzige Diskussionen zwischen Jury und Athleten, zu deren Wortführer sich Martin Schmitt (Furtwangen) und Stefan Horngacher (Österreich) gemacht hatten. Als FIS-Renndirektor Walter Hofer um 14.30 Uhr dann einen Neustart versuchen wollte, hatte der Regen für einen Wasserfilm auf der eisigen Anlaufspur gesorgt: Springen war unmöglich. Der Weltmeister soll nun am Sonntag ab 09.30 Uhr in drei Durchgängen ermittelt werden.
Auf Grund eines zähen Wettkampfablaufes wegen unregelmäßiger Windböen hatten Schmitt und Horngacher bei ihren Kollegen Unterschriften für den Startverzicht gesammelt. Doch zur Übergabe der Streikandrohung kam es nicht, da die Offiziellen Mika Konjonkoski (Finnland), Toni Innauer (österreich) und Rudi Tusch (Ohlstadt) die Jury über die Haltung der Springer informierten. "So eine Windparty macht keinen Sinn", urteilte Andreas Widhölzl. Schmitt, der sich schon im Dezember in Predazzo zum "Streikführer" gemacht hatte, ging sogar noch weiter und verkündete in der Aussprache der Athleten mit FIS-Funktionär Paul Ganzenhuber: "Mein Vertrauen in die Jury ist weg. Sie hat in diesem Winter mehrfach falsche Entscheidungen getroffen."
Doch die Jury beeindruckte dies wenig. "Dies ist eine subjektive Einschätzung eines Athleten, die ich nicht kommentiere", entgegnete FIS-Renndirektor Walter Hofer und betonte: "Wenn einer nicht springen will, ist dies seine Entscheidung. Der 1. Platz wird immer vergeben, denn es haben sich 50 Springer qualifiziert." Vor der Aussprache hatte Hofer gesagt, er verstehe den psychischen Druck und wolle den Athleten Gelegenheit geben, sich zu artikulieren. Auch Ganzenhuber fand: "Wenn dauernd Verzichtsdrohungen im Raume stehen, sehe ich fürs Skifliegen künftig schwarz. Die Springer sägen sich ihren eigenen Ast ab. Auf einer Anlage wie Vikersund wird es nie windstill sein."
Tusch und Österreichs Trainer Alois Lipburger brachen sogar eine Lanze für die Jury. "Die Jury hat keinen bei schlechten Bedingungen runter gelassen", sagte Tusch, und Lipburger urteilte: "Die Jury hat es relativ gut im Griff und keine gefährlichen Bedingungen zugelassen." Seitenwind am Vorbau zwischen drei und fünf Metern pro Sekunde zwang die Jury immer wieder zu längeren Pausen, die an den Nerven zehrten.
Tusch räumte außerdem ein, dass der böse Sturz des Russen Artur Kamidullin das unsichere Gefühl bei den Topathleten "negativ verstärkt" habe. Der als Achter in die Spur gegangene Russe war, darüber waren sich alle Experten einig, wegen eines Absprungfehlers ins Trudeln geraten und böse auf dem Hang aufgeschlagen. Dabei verlor er den Helm. Mit Platzwunden und Schnittverletzungen im Gesicht sowie einer schweren Gehirnerschütterung wurde Kamidullin ins Krankenhaus eingeliefert. "Der Verdacht auf Brüche hat sich nicht bestätigt", sagte der WM-Arzt Dr. Ingard Lereim.
So wäre ohne den Regen sogar der Neustart möglich gewesen. "Man hätte springen können", sagte Norwegens Weltrekordhalter Tommy Ingebrigtsen und auch Sven Hannawald, dem am Donnerstag im Training zwei Mal der zweitweiteste Sprung hinter Andreas Goldberger gelungen war, fand: "Ich würde lieber springen als heimfahren." Auch Lipburger meinte: "Es ist nicht extrem gefährlich." Doch Hofer ging auf Nummer sicher. "Wir waren am Limit der Möglichkeiten. Als dann noch der Regen dazu kam, ging es einfach nicht mehr."