Sotomayor-Interview: "Ich vermisse den Wettkampf" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Sotomayor-Interview "Ich vermisse den Wettkampf"

Höher als Javier Sotomayor ist nie ein Mensch gesprungen. Seinen letzten großen Erfolg feierte der kubanische Leichtathlet vor vier Jahren als Olympia-Zweiter in Sydney. Mit SPIEGEL ONLINE spricht der 36-Jährige über sein Heimatland, Diego Maradona und seine ruhmreiche Karriere.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE:

Herr Sotomayor, Sie halten mit 2,45 Meter noch immer den Weltrekord im Hochsprung. Fällt es Ihnen schwer, jetzt nur noch zuzuschauen?

Javier Sotomayor: Jedes Mal, wenn ich im Stadion oder im Fernsehen einen Wettkampf sehe, bekomme ich große Lust, auch zu springen. Ich vermisse den Wettkampf.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es auf Kuba Hochspringer, die in Ihre Fußstapfen treten können?

Sotomayor: Nein. Aber diese Frage klingt so, als wolle man die kubanischen Hochspringer und Hochspringerinnen diskreditieren. Das ist so, als ob die Leute glauben würden, dass es einen anderen Sotomayor geben müsste. Aber weder auf Kuba noch in der Welt gibt es einen anderen Sotomayor. Schon mit 14 Jahren bin ich zwei Meter gesprungen und ab diesem Moment habe ich mich der Aufgabe gewidmet, der Beste zu werden. Als ich mit 16 Jahren 2,33 Meter übersprang, hielt ich mich, ohne es zu sein, für den Besten der Welt. Ich hatte Glück und die erforderliche Qualität.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Ihnen der Sport gegeben?

Sotomayor: Viel. Er steht für mich für Bildung und Werte. Außerdem gab mir der Sport die Möglichkeit, die Welt kennen zu lernen und Freundschaften zu schließen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie von Werten sprechen, welche meinen Sie?

Sotomayor: Sport hat viel zu tun mit Willenskraft und Opferbereitschaft. Ich habe mich praktisch mein ganzes Leben dem Sport gewidmet und ich weiß, was es heißt, Opfer zu bringen und Willenskraft aufzubringen, was Freude ist, Trauer, was es heißt, weit weg von der Familie und einsam zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Nach Ihrem Sieg bei den Panamerikanischen Spielen in Winnipeg wurden Sie im Juli 1999 positiv auf Kokain getestet. Der kubanische Leichtathletikverband stellte sich hinter Sie, Fidel Castro intervenierte und die zweijährige Sperre wurde in eine einjährige verkürzt. Wie war diese Erfahrung?

Sotomayor: Ich fühle mich schlecht, wenn ich daran denke, und das wird mein ganzes Leben so bleiben. Die, die mich wirklich kennen, wissen, wie ich bin, und sie kennen meine Werte. Manchmal musste ich dazu gezwungen werden, Vitamine zu nehmen. Es war nicht nötig, etwas anderes zu nehmen. Ich bin dem kubanischen Sportinstitut und meinen Freunden dankbar, die mir damals geholfen und an mich geglaubt haben. Man kann einen Fehler machen, und Freunde helfen dir. Aber an einen zu glauben, heißt auch, dass sie wissen, dass man keinen Fehler begangen hat. Dieses Vertrauen und dieser Glaube an mich von sehr vielen Leuten, auch vom Comandante, haben mir sehr geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Das Thema nimmt Sie noch heute sehr mit?

Sotomayor: Ja, weil es falsche Anschuldigungen waren.

SPIEGEL ONLINE: Sie kennen den argentinischen Fußballstar Diego Maradona, der auf Kuba seine Drogensucht zu kurieren versuchte. Ist es die permanente Öffentlichkeit, der er ausgesetzt ist, oder seine Persönlichkeit, die ihm solche Probleme bereitet?

Sotomayor: Ich glaube, dass beides eine Rolle spielt. Er wird von vielen nicht nur als Idol gesehen, sondern als Gott. Er ist, wenn er in Ruhe gelassen wird, ein wunderbarer Mensch mit einem großen Herzen. Aber in Argentinien kann er keinen Fuß aus dem Haus setzen. Hier auf Kuba wurde er in Ruhe gelassen. Deshalb gefällt es ihm hier. Er war zu den Geburtstagen meiner Kinder da und hat ihnen Geschenke gemacht, auch zu meinem Geburtstag war er bei mir zu Hause.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie noch aktiv waren, haben Sie Kuba in der ganzen Welt präsentiert. War das ein Privileg oder auch ein Druck?

Sotomayor: Beides. Ein Privileg, weil ich wusste, dass an jedem Ort, wo ich gekämpft habe, der Wunsch vieler kubanischer Fans stand, dass ich gewinne und dem kubanischen Volk einen Triumph schenke. Ich habe das nie als Last empfunden. Manchmal als Druck, aber ich wusste immer, diesem Druck standzuhalten. Das hat mich nicht beeinträchtigt.

SPIEGEL ONLINE: Auf Kuba hat der Sport, ähnlich wie in der DDR, eine große politische Bedeutung. War das ein Vorteil für Ihre Karriere?

Sotomayor: Der Sport ist einer der Bereiche, in denen man im internationalen Maßstab die Entwicklung oder die Kapazität eines Landes zeigen kann. Auch das ist ein Privileg. Der Sport wird sehr stark gefördert, aber ich glaube nicht, dass sich das nur auf den Sport beschränkt. Es wird auf Kuba ebenso in Kunst und Kultur investiert.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Sport wurde aber auch Politik gemacht.

Sotomayor: Ein Sportler ist international anerkannter als ein Künstler - außer es ist ein Künster aus Hollywood. (lacht) Es gibt auf Kuba sehr gute Künstler und Musiker, die in der ganzen Welt sehr geschätzt werden. In Ländern aber, wo keine Salsa-Musik gehört wird, kennt man die guten Sänger nicht. Aber bei Olympischen Spielen guckt praktisch die ganze Welt zu.

SPIEGEL ONLINE: Einige kubanische Sportler oder Künstler sind im Ausland geblieben. Haben Sie nie daran gedacht?

Sotomayor: Nein. Zum einen aus Dankbarkeit für das, was für mich getan wurde. Ich bekam in Kuba meine Ausbildung. Alles, was ich erreicht habe, habe ich als Kubaner erreicht. Training, Medizin und Freundschaften haben mir geholfen, meine Siege zu erzielen. Und zum Zweiten vermisse ich jedes Mal, wenn ich weg bin aus Kuba, mein Land sehr.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie vom kubanischen Team bei den Olympischen Spielen in Athen?

Sotomayor: Wir wollen unter die ersten Sieben in der Länderwertung kommen. Das ist unser Ziel.

Die Fragen stellte Barbara Bollwahn