Sport 2067: Der gen-erierte Maßathlet - DER SPIEGEL
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Sport 2067 Der gen-erierte Maßathlet

2067 begeistern genmanipulierte Athleten das Publikum. Die Körper funktionieren wie Formel-1-Autos - per Computer wird die Performance perfektioniert. Der Laiensport ist tot, das Volk zu fett, um sich selbst zu bewegen.
Von Joachim Mester
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie sich auf die Zukunft beziehen." Das wusste schon Mark Twain. Das ist im Sport genauso wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Die Prognosequalität, beispielsweise bei der Entwicklung der Weltrekorde, lässt in der Regel sehr zu wünschen übrig. Ob sich etwa der Weltrekord im 100-Meter-Sprint von momentan 9,77 Sekunden in 2028 auf 9,57 Sekunden und im Jahre 2067 auf 9,39 Sekunden "verbessert" haben wird, muss eben dahin gestellt bleiben.

So werden die Gedanken auf einen anderen Weg gebracht. Warum sollte es denn nicht möglich sein, mit den Mitteln der modernen Molekularbiologie solche Muskeln zu generieren, die über mehr als 80 Prozent ultraschnelle Zuckungsfasern verfügen? Deren Kraftspeicher verdoppelt wurde? Das Genom des Menschen ist seit langem entschlüsselt und die Zahl der bekannten Fitness-Gene wird sich von heute 150 sicher im Jahre 2067 auf über 1000 erhöht haben. Das wird es leicht machen, selektiv solche Gene zu aktivieren, die die gewünschten Muskelfasern aufbauen.

Ist es das Ziel, mehr Muskelmasse aufzubauen, so kann man auf die seit langem bekannten Auswirkungen des Proteins Myostatin zurückgreifen, welches den Muskelaufbau hemmt. Schaltet man das Gen aus, das für den Aufbau verantwortlich ist, so wächst der Muskel nahezu ungebremst. Aus der Viehzucht kennt man die Rinderrasse der "Belgian Blue", bei denen eine derartige Genmodifikation vorliegt. Der gezüchtete Muskelprotz ist da nicht weit.

Auch der Maß-Athlet für den Marathon ist dann aus gentechnischer Sicht kein Problem mehr. Bereits heute gibt es Versuche, "Medikamente" einzusetzen, die eine besonders hohe Sauerstofftransportkapazität des Organismus erzeugen sollen. Auf diese Weise sind Steigerungen der Sauerstoffaufnahme von 25 Prozent zu erwarten, was Marathonzeiten von 1:45 Stunden entspräche. Ob allerdings die unerwünschten Nebenwirkungen wie die der Erhöhung der Viskosität - der Zähflüssigkeit - des Blutes immer zu vermeiden sind, darf bezweifelt werden. Auch in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gab es im Radsport ja schon Todesfälle.

Neben der Entwicklung biologischer Verfahren zur Leistungssteigerung wurde bis zum Jahre 2067 auch erheblich in die technologischen Verbesserungen investiert. Die telemetrische Überwachung von Hochleistungsmaschinen in der Formel 1 mit der Übertragung von riesigen Datenmengen während des Rennens und der direkte Eingriff in die Motorsteuerung gehört ja schon heute zu den Standardtechnologien.

Im Jahre 2067 sollte es möglich sein, solche Technologien auch für Athleten im Wettkampf anzuwenden. Messgrößen wie die Herzfrequenz, die Sauerstoffaufnahme, die Körpertemperatur, die Laktatkonzentration und vieles andere mehr können dann telemetrisch leicht erfasst werden und an den Trainer- und Betreuerstab online weitergeleitet werden. Dieser wird anschließend je nach Datenlage Anweisungen an den Athleten funken, damit der sich optimal belasten kann. Ein quasi fremd gesteuerter Athlet. Angesichts der Komplexität der Hochleistungsbiologie und den vorangegangenen Ausführungen über Gen-Manipulation wird das auch aus Gesundheitsgründen dringend erforderlich sein.

Trotz aller gegenteiligen Erwartungen werden Biotechnologien – heute würde man Doping sagen - und elektronische Hilfsmittel im Jahre 2067 allerdings nicht frei zum Einsatz kommen. Der Sport wird immer noch dadurch bestimmt, trotz aller Bestrebungen im Rahmen festgesetzter Regeln zu verlaufen. Die biologischen Kenngrößen aller national und international auftretenden Athleten werden 2067 in DNA-Datenbanken gespeichert sein. Man ist dann so in der Lage, mit den molekularbiologischen Labors an den Wettkampfstätten jederzeit zu überprüfen, ob nur die erlaubten Biotechnologien eingesetzt wurden – ein ultimativer Dopingtest gewissermaßen.

Dies alles setzt voraus, dass es überhaupt noch Menschen gibt, die Sport treiben. Was die eigene Teilnahme am Sport in den nächsten Jahrzehnten angeht, so ist zu befürchten, dass diese – wenn überhaupt – nur noch einer immer kleiner werdenden Gruppe von "fitten" Menschen vorbehalten bleibt. So ist der Anteil übergewichtiger und fettleibiger Menschen in den USA seit 1980 pro Jahr um fast einen Prozent linear gestiegen. Er betrug damals 45 Prozent und somit heute 65 Prozent. Von diesen 65 Prozent sind etwa die Hälfte fettleibig (Body Mass Index über 30). Demnach sind in 60 Jahren nahezu einhundert Prozent der Menschen in den USA fettleibig. Übrigens besteht dieses Problem nicht nur in den USA. Auch in Europa nimmt die Zahl der überwichtigen Menschen dramatisch zu.

Man mag es als Ironie der Geschichte bezeichnen, dass wir noch nie soviel über Gegenmaßnahmen, wie beispielsweise Ernährung und Energieumsatz durch Sport, wussten, es aber zumindest bis jetzt nicht geschafft haben, dieser Prognose entscheidend entgegen zu wirken.

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