Sportstar Hambüchen: Turnfloh auf Abwegen - DER SPIEGEL
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Fabian Hambüchen: Ein Floh am Reck

Foto: Fabian Hambüchen: Die Autobiografie

Sportstar Hambüchen Turnfloh auf Abwegen

Fabian Hambüchen ist Deutschlands größter Turnstar, nun wartet der 22-Jährige in seiner Autobiografie mit intimen Details auf. Während er damit für Schlagzeilen sorgt, wird die nationale Konkurrenz immer besser. Sie könnte ihn bald ablösen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es gibt viele kleine Geschichten, die den Charakter von Fabian Hambüchen erklären. Eine lautet so: Bei einem Wettkampf in Stuttgart patzt er 2005 am Sprung. Abends steht der Fahrservice zum Hotel schon bereit, doch Hambüchen kommt nicht. Er kehrt zurück in die Halle und versucht die Übung erneut. Fünfmal. Siebenmal. Zehnmal. Nicht ein Versuch gelingt. Schließlich kommt sein Vater herein, der auch sein Trainer ist, und nimmt ihm das Sprungbrett weg. "Fabi, komm runter. Lass es für heute sein."

Fabian Hambüchen

ist ein außergewöhnliches Talent, ein akribischer Arbeiter, ein Perfektionist. So hat er sich in jungen Jahren zu Deutschlands bestem Turner entwickelt. Mit 16 Jahren wurde er bei den Olympischen Spielen von Athen Siebter am Reck, mit 19 in Stuttgart Weltmeister. Manchmal jedoch will er zu viel. Mit 22 hat er nun seine Autobiografie geschrieben und natürlich muss die Frage erlaubt sein, was ein Mann in diesem Alter vom Leben erzählen kann.

Die erste Liebe, na klar, Geschichten vom Gewinnen und Verlieren. Alle Teenager erleben das, die meisten jedoch auf kleinerer Bühne als Hambüchen. Musste er wirklich auch noch erzählen, wie Mama ihn einmal beim Sex erwischte? "Ich finde es überhaupt nicht lächerlich, so etwas zu schreiben", sagt Hambüchen. "Meine Fans sehen dann, wie normal es bei mir zugeht. Es ist doch schön, auch mal den privaten Fabian Hambüchen kennenzulernen."

Was er nicht sagt: Manche Dinge sind so privat, dass vielleicht nicht jeder von ihnen wissen will.

Hambüchen sitzt in einem feinen Berliner Hotel, die Wände sind in dezentem beige gehalten, leise dudelt klassische Musik. Am Sonntag hat er bei den Deutschen Meisterschaften Gold am Reck gewonnen, es war sein sechster Titel in Folge in dieser Disziplin. Interessanter war jedoch, was Hambüchen diesmal nicht gewonnen hat. Wegen Problemen mit der Achillessehne verzichtete er auf den Start am Boden und am Sprung. An den Ringen und am Barren reichte es nur zu Platz zwei. Die nationale Konkurrenz ist stärker geworden, Turner wie Marcel Nguyen, Matthias Fahrig und Phillip Boy rütteln an seiner Dominanz.

Mit 16 Monaten hängt er am Mini-Reck

Schlagzeilen macht allerdings nur Hambüchen, die pikantesten Kapitel seiner Autobiografie waren vorab in der "Bild"-Zeitung zu lesen. Genervte Teamkollegen sind in so einer Konstellation unvermeidlich. Seit Jahren turnen sie im Schatten des Vorzeige-Athleten und selbst wenn er nun einmal nicht gewinnt, steht er im Mittelpunkt. "Da schreibt einer mit 22 Jahren sein Leben auf, das kann doch nur schnulli sein", lästert Fahrig. Ein "Groschenroman" sei das. "Peinlich", urteilt Boy.

Fabian Hambüchen findet sein Buch "echt gelungen und einfach klasse". Der erste Satz in Kapitel eins lautet: "Ich war ein Wunderkind." An Selbstbewusstsein hat es ihm noch nie gemangelt. "In den vergangenen Jahren habe ich mehr und mehr gelernt, mit kniffligen Situationen umzugehen", sagt Hambüchen. "Daher mache ich mir jetzt auch keinen Kopf darüber, ob einige Leute mein Buch kritisieren oder nicht."

Im Alter von 16 Monaten hängt er zum ersten Mal an einem Mini-Reck. Von da an geht es in seinem Leben eigentlich nur um eines: Turnen. Und fast immer hat er Erfolg. Mit sechs Jahren wird er Hessischer Meister, mit elf gewinnt er ein Turnier in Ungarn, mit 14 wird er Junioren-Europameister am Barren, mit 15 nimmt er an der WM der Männer teil und qualifiziert sich mit der Mannschaft für die Olympischen Spiele. In Athen wird er als jüngster Olympiateilnehmer Deutschlands schlagartig berühmt. Unbekümmert steigt er zum Liebling der Medien auf, sie nennen ihn "Turnfloh", weil er so jung ist und mit 1,63 Metern ziemlich klein.

Andere suchen ihren Rausch in der Disco, er in der Turnhalle

Während andere Teenager ihren Rausch in der Disco suchen, findet er seinen in der Turnhalle. Hambüchen rühmt sich, nie auf Partys gegangen zu sein. Training hatte immer Vorrang. Neben dem Leistungssport wird die Schule zur größten Herausforderung. "Zwischendurch gab es Momente, in denen ich dachte: Ich schaff das nicht, das wird zuviel", sagt Hambüchen. Doch er quält sich 2007 durch das Abitur und erreicht bei der WM in Stuttgart den Höhepunkt seiner Karriere: Gold am Reck, Silber im Mehrkampf, Bronze mit der Mannschaft. Im gleichen Jahr wird er zu Deutschlands Sportler des Jahres gewählt.

Erst bei den Olympischen Spielen von Peking 2008 muss Hambüchen lernen, mit schweren Niederlagen umzugehen. Er patzt am Reck, statt der erhofften Goldmedaille gewinnt er Bronze. Die WM ein Jahr später in London verpasst er verletzt. Seiner Popularität hat es nicht geschadet. Hambüchen ist in der Öffentlichkeit erwachsen geworden und ein echter Promi. Fraglich ist nur, ob das eine gute Entwicklung ist oder nicht.

Wer Bettgeschichten preisgibt, muss damit rechnen, dass bald häufiger andere Dinge im Mittelpunkt stehen als die sportliche Leistung. "Klar werden auch zukünftig Fragen kommen. Aber es ist dann immer noch meine Verantwortung, was ich preisgebe", sagt Hambüchen. Er selber habe sich nie wirklich als Promi gesehen und könne noch problemlos durch Wetzlar gehen, seine Heimatstadt. "Und wenn ich Bock habe auf Jogginghose, dann laufe ich halt öffentlich in Jogginghose rum." Alles unter Kontrolle, soll das heißen.

Auf dem Boden hat ihn bislang auch die Familie gehalten. Vater Wolfgang als Trainer, Onkel Bruno als Mentalcoach, Mutter Beate als Rückhalt. Ende Oktober steht die WM in Rotterdam an, das große Ziel bleibt Olympiagold in zwei Jahren in London. Auf dem Weg dorthin wird sich Fabian Hambüchen umstellen müssen. In den vergangenen Jahren stand er allein für das deutsche Turnen. Nun ist echte Konkurrenz erwachsen. "Ich hasse es zu verlieren", schreibt Hambüchen. Vielleicht wird er sich daran gewöhnen müssen.